UNICEF: Nur 60 Prozent lesen gut, Deutschland auf Platz 25
Gesellschaft

UNICEF: Nur 60 Prozent lesen gut, Deutschland auf Platz 25

Die UNICEF Report Card 20 bewertet das Kinderwohl in 37 Industriestaaten und setzt Deutschland auf Platz 25. Besonders alarmierend ist die Bildungslage: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik, was Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern verweist.

17. Mai 2026, 20:59 Uhr 740 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Nur 60 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland erreichen grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik. Mit diesem Wert landet Deutschland in der Bildungskategorie der UNICEF-Studie Report Card 20 auf Platz 34 von 41 untersuchten Industrieländern. Im Gesamtranking, das körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Bildungskompetenzen zusammenfasst, belegt die Bundesrepublik Platz 25 von 37 Ländern. Das UN-Kinderhilfswerk veröffentlichte die Studie heute.

Was die Studie misst und wer vorne liegt

Die UNICEF Report Card erscheint in unregelmäßigen Abständen und bewertet, wie gut es Kindern in den reichsten Ländern der Welt geht. Die 20. Ausgabe analysiert 44 EU- und OECD-Staaten anhand von sechs Indikatoren aus drei Bereichen: körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Kompetenzen. Das Gesamtranking über alle Bereiche umfasst 37 Länder, für Bildungskompetenzen liegen Daten aus 41 Ländern vor. An der Spitze stehen die Niederlande auf Platz 1, gefolgt von Dänemark auf Platz 2 und Frankreich auf Platz 3. Deutschland liegt mit Platz 25 nicht nur hinter diesen Sozialstaaten, sondern auch hinter Portugal auf Platz 4 und Litauen auf Platz 7.

Der alarmierende Bildungsbefund

Der auffälligste Befund betrifft die Bildung. Dass 40 Prozent der deutschen 15-Jährigen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik verfehlen, ist schon für sich genommen ein schlechtes Zeugnis. Noch aufschlussreicher ist die Verteilung: Aus privilegierten Familien erreichen 90 Prozent der Kinder dieses Niveau, aus benachteiligten Familien nur 46 Prozent. Die Lücke von 44 Prozentpunkten zwischen den Sozialschichten gehört zu den größten in der gesamten OECD.

Das ist kein neues Problem. Seit den ersten PISA-Studien Anfang der 2000er Jahre steht fest, dass der Bildungserfolg in Deutschland stärker von der Herkunft abhängt als in fast jedem anderen westlichen Land. Die aktuelle UNICEF-Studie dokumentiert, dass sich daran trotz Jahrzehnten bildungspolitischer Reformdebatten wenig geändert hat.

Armut und wachsende Ungleichheit

Parallel zur Bildungsungleichheit stagniert die Kinderarmut. 15 Prozent der Kinder in Deutschland gelten als einkommensarm, ein Wert, der sich laut UNICEF seit Jahren kaum verändert hat. Gleichzeitig ist die Einkommensungleichheit gestiegen: Die wohlhabendsten Familien verdienten 2012 noch 4,3-mal so viel wie die ärmsten, heute liegt der Faktor bei 5,0. Diese verschärfte Ungleichheit wirkt sich direkt auf Bildungschancen, Gesundheitsversorgung und die psychische Gesundheit von Kindern aus.

Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, sagt: "Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden. Unser Land vergibt Zukunftschancen."

Wo Deutschland besser abschneidet

Nicht alle Bereiche sind gleich schlecht: Bei der körperlichen Gesundheit belegt Deutschland Platz 15 von 41 Ländern, also oberes Mittelfeld. Die Studie misst hier unter anderem Säuglingssterblichkeit, Impfquoten und den Anteil übergewichtiger Kinder. Diese Indikatoren, die stärker vom Gesundheitssystem als von der sozialen Herkunft abhängen, schneiden deutlich besser ab als die Bildungs- und Armutsdaten.

Beim mentalen Wohlbefinden liegt Deutschland im mittleren Feld: 73 Prozent der Kinder aus wohlhabenden Familien berichten hohe Lebenszufriedenheit, aus den ärmsten Familien sind es 61 Prozent. Auch hier zeigt sich das gleiche Muster: Nicht der Durchschnitt ist das Problem, sondern die Ungleichheit zwischen den Gruppen.

Was UNICEF fordert

Die Studienautoren richten konkrete Forderungen an die Bundesregierung. Auf Programmebene soll ein ressortübergreifendes Maßnahmenpaket gegen Kinderarmut entwickelt und soziale Leistungen wie das Kindergeld leichter zugänglich gemacht werden. In einkommensschwachen Stadtteilen sollen öffentliche Mittel gezielt in Infrastruktur fließen: Schulen, Ärztinnen und Ärzte, Spielflächen. Auf institutioneller Ebene fordert UNICEF einen Kinderbeauftragten auf Bundes- und Länderebene sowie die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. Beide Forderungen sind seit Jahren bekannt. In der vergangenen Legislaturperiode scheiterte eine entsprechende Grundgesetzänderung am Koalitionsstreit.

Was im Herbst-Haushalt steckt und was fehlt

Die Frage, ob Deutschland auf die Studienergebnisse reagiert, wird sich im Herbst zeigen, wenn der Bundestag über den Haushalt 2027 berät. UNICEF und Sozialverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband fordern, dass mehr Mittel für frühkindliche Betreuung und Bildungsinfrastruktur eingeplant werden. Die Haushaltslage der Bundesregierung macht große neue Programme jedoch schwierig. Systematisch ausgeklammert bleibt bislang die Frage, welche Einnahmeseite für solche Investitionen genutzt werden könnte: Fachleute des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verweisen seit Jahren auf ungenutzte Potenziale bei der Erbschaftssteuer und der Besteuerung großer Vermögen, um genau solche Zukunftsinvestitionen zu finanzieren.

Quellen (6)

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