Jede zweite Frau arbeitet Teilzeit: neuer Rekord
Der Sozialverband VdK bezeichnet den aktuellen Trend als "systematische Altersarmutsfabrik". Das Statistische Bundesamt und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verzeichnen derweil einen historischen Höchststand. Im ersten Quartal 2026 überschritt Deutschlands Teilzeitquote erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen 1991 die 40-Prozent-Marke. Bei Frauen sind es jetzt über 50 Prozent, bei Männern bleibt die Quote bei 14,3 Prozent. Die Lücke zwischen den Geschlechtern wächst weiter.
Was die Zahlen zeigen
16,971 Millionen Menschen arbeiteten im Berichtszeitraum in Teilzeit, ein Anstieg von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sank die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um 0,7 Prozent auf 25,352 Millionen. Das Statistische Bundesamt und das IAB verweisen auf zwei weitere Rekordwerte: Die Teilzeitquote der Frauen liegt bei 50,6 Prozent, bei Männern bei 14,3 Prozent. Beide Quoten sind historische Höchststände.
Bemerkenswert ist auch, wie viel die Teilzeitbeschäftigten tatsächlich arbeiten: durchschnittlich 18,62 Wochenstunden, mehr als je zuvor. Das Bild der "halben Stelle" ist statistisch überholt; viele Teilzeitverträge umfassen heute 25 bis 30 Stunden. Trotzdem bleibt die Rentenkonsequenz die gleiche: Wer Jahrzehnte in Teilzeit arbeitet, erhält eine Rente, die kaum über dem Grundsicherungsniveau liegt.
Zwei Lesarten eines Rekordes
Befürworter der hohen Teilzeitquote verweisen auf gewonnene Flexibilität. Für Eltern junger Kinder, pflegende Angehörige und Menschen im Übergang zum Ruhestand ermöglicht Teilzeit eine Erwerbsbeteiligung, die sonst nicht stattfinden würde. Das Bundesarbeitsministerium betont, dass die Beschäftigungsquote von Frauen in Deutschland auf einem historischen Höchststand liegt und sieht darin einen Erfolg.
Verdi sieht das anders. 66,4 Prozent der Mütter mit Kindern unter 18 Jahren arbeiten in Teilzeit, aber nur 8,6 Prozent der Väter. Das sei keine individuelle Präferenz, sondern das Ergebnis fehlender Kitaplätze und ungleicher Betreuungserwartungen. Der Gewerkschaftsbund DGB hat in seiner Analyse zur Arbeitszeitreform 2026 darauf hingewiesen, dass Teilzeitbeschäftigte im Durchschnitt einen Stundenlohn erhalten, der zehn Prozent unter dem von Vollzeitbeschäftigten liegt. Addiert man die kürzeren Arbeitszeiten, ergibt sich ein monatlicher Einkommensunterschied, der viele Frauen strukturell abhängig vom Einkommen eines Partners macht.
28,8 Prozent der Frauen in Teilzeit nennen Betreuungspflichten als Hauptgrund. Die Betreuungsinfrastruktur hat sich verbessert, reicht aber für den Bedarf nicht aus: Das Deutsche Jugendinstitut verzeichnet in Westdeutschland ein erhebliches Defizit an Kitaplätzen, der Personalschlüssel in vielen bestehenden Einrichtungen liegt unter dem empfohlenen Wert.
Warum die Lücke zwischen Frauen und Männern wächst
Der Abstand zwischen der Frauen-Teilzeitquote von 50,6 Prozent und der Männer-Quote von 14,3 Prozent ist so groß wie nie. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im oberen Drittel. Die Niederlande haben zwar traditionell noch höhere Teilzeitquoten, haben aber in den vergangenen Jahren durch Rechtsansprüche auf Kitaplätze und bessere Betreuungsinfrastruktur die Lücke zwischen den Geschlechtern verkleinert.
Die Rentenfolgen werden in Deutschland erst mittelfristig sichtbar. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat errechnet, dass Frauen der Jahrgänge 1970 bis 1985 im Rentenalter durchschnittlich rund 40 Prozent weniger als Männer erhalten werden, wesentlich beeinflusst durch Teilzeitbiografien. Der Sozialverband VdK spricht von einer "systematischen Altersarmutsfabrik", die durch den aktuellen Rekord weiter befeuert wird.
Verdi fordert im Handel mehr Vollzeit: 5,2 Millionen betroffen
In der laufenden Tarifrunde für den deutschen Einzelhandel, der 5,2 Millionen Beschäftigte umfasst, hat Verdi explizit mehr Vollzeitstellen als eigenständige Tarifforderung verankert. Neben sieben Prozent höheren Löhnen verlangt die Gewerkschaft einen Anspruch auf Vollzeit für alle Beschäftigten, die das wollen. Arbeitgeber im Handel hatten bisher Teilzeitverträge bevorzugt, weil sie flexiblere Einsatzplanung erlauben.
Ob die Bundesregierung strukturell eingreift, ist offen. Das geplante Arbeitszeitgesetz, über das am 10. Juni im Kanzleramt verhandelt wird, befasst sich mit der Frage der Teilzeit nicht direkt. Im Koalitionsvertrag findet sich ein Prüfauftrag für einen Vollzeitanspruch, aber keine konkrete Gesetzgebungsankündigung.
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