Kostjantyniwka gefallen: Tor zum Donbas-Ballungsraum offen
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Kostjantyniwka gefallen: Tor zum Donbas-Ballungsraum offen

Russland gewann im ersten Halbjahr 2026 nur 97 Quadratkilometer in der Ukraine, bei rund 39.490 Verlusten allein im Juni. Nun ist Kostjantyniwka in russischer Hand und öffnet eine neue Angriffsachse auf den Ballungsraum Slowjansk und Kramatorsk.

4. Juli 2026, 13:10 Uhr 822 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 3. Juli 2026 verkündete Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die vollständige russische Kontrolle über Kostjantyniwka. Die Stadt hatte vor dem Krieg 70.000 Einwohner und galt als einer der drei Schlüsselknoten des ukrainischen Verteidigungsgürtels im Donezk-Gebiet. Mit ihr fällt eine 40 Kilometer breite Angriffsachse auf Slowjansk und Kramatorsk offen, den letzten verbliebenen Ballungsraum unter Kiewer Kontrolle in der Region. Im Juni verlor Russland nach ukrainischen Schätzungen rund 39.490 Soldaten.

Zehn Monate Kampf um eine Stadt

Russlands Truppen hatten die Stadtränder Kostjantyniwkas erstmals im September 2025 erreicht. Zehn Monate vergingen, bis Peskow am 3. Juli den Sieg verkündete. Der Weg war quälend langsam: Ende Juni 2026 standen nach Meldungen ukrainischer Frontkommandeure erstmals 250 russische Soldaten im Stadtgebiet; Kommandeur Jary meldete Halbeinschließung und Logistikprobleme. Kiews Generalstab hatte das damals bestritten. Der Generalstab in Kiew, der die russischen Angaben zunächst bestritten hatte, äußerte sich dazu nicht erneut.

Kostjantyniwka war einer der drei Knotenpunkte des ukrainischen Festungsgürtels im mittleren Donezk-Gebiet, zusammen mit Torezk und Kurachowe. Torezk gilt seit Monaten als weitgehend unter russischer Kontrolle. Mit Kostjantyniwka ist nun auch der nördliche Pfeiler des Gürtels gefallen. Strategisch öffnet das eine Angriffsachse von Süden auf den Ballungsraum Slowjansk und Kramatorsk, der als das wirtschaftliche und logistische Zentrum des noch ukrainisch kontrollierten Donezk-Gebiets gilt.

97 Quadratkilometer in sechs Monaten: Russlands Pyrrhusrechnung

Das Institute for the Study of War (ISW) in Washington hat für das erste Halbjahr 2026 eine Bilanz der russischen Geländegewinne gezogen: Russland gewann netto 97 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Kostjantyniwka selbst umfasst rund 66 Quadratkilometer Stadtgebiet. Für diesen Gesamtgewinn eines halben Jahres verlor Russland nach ukrainischen Schätzungen allein im Juni rund 39.490 Soldaten.

Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) geht von insgesamt 1,4 Millionen russischen Soldaten aus, die seit Kriegsbeginn getötet, verwundet, vermisst oder gefangen genommen wurden. Die Verlustrate des letzten Halbjahres übersteigt nach Einschätzung westlicher Analysten Russlands Rekrutierungskapazität von 24.000 bis 30.000 Mann pro Monat deutlich. Al Jazeera hat für die russischen Geländegewinne im Donezk-Gebiet eine Projektion erstellt: Bei aktuellem Tempo bräuchte Russland noch rund 14 Jahre, um das gesamte Donezk-Gebiet zu kontrollieren.

Diese Diskrepanz zwischen Geländegewinn und Blutverlust ist kein Zufall: Russland hat seine Taktik im Donbas auf menschenwellenhafte Infanterieangriffe umgestellt, die ukrainische Verteidigung zermürben sollen, aber selbst enormen Tribut fordern. Für die Familien der russischen Soldaten bedeutet das: Im Juni verlor Russland im Schnitt täglich mehr als 1.300 Soldaten.

Ukraine schlägt zurück: Ein Drittel der russischen Raffinerien steht

Kiew setzt parallel zur westlichen Militärhilfe auf eine asymmetrische Strategie. Nach ukrainischen Angaben stehen inzwischen rund ein Drittel aller russischen Raffinerien nach Drohnenangriffen still; Russlands Benzinproduktion soll gegenüber den Vorkriegswerten um etwa 25 Prozent eingebrochen sein. Die Ukraine nutzt dabei zunehmend KI-gestützte Drohnen, die Ziele ohne direkte Steuerung durch Soldaten erfassen und angreifen können.

In der Nacht zum 3. Juli setzte Kiew russische Energieanlagen in der Region Belgorod unter Beschuss, während im selben Zeitraum 570 russische Drohnen und Raketen auf Kiew niedergingen und 30 Menschen töteten. Bürgermeister Vitali Klitschko nannte es den schwersten Angriff auf die Hauptstadt seit Kriegsbeginn. Das Rote-Kreuz-Lagerhaus in Kiew wurde vollständig zerstört; Hilfsgüter im Wert von rund 1,8 Millionen Euro gingen verloren.

Präsident Selenskyj forderte nach dem Angriff erneut, die USA müssten Produktionslizenzen für Patriot-Luftabwehrsysteme an europäische Rüstungsunternehmen freigeben. Ohne diese Lizenzen könne Europa nicht ausreichend Luftverteidigung für die Ukraine produzieren. Die russische Behauptung, Kostjantyniwka sei gefallen, wies Selenskyj am 4. Juli direkt zurück: Die Einnahme sei nicht wahr, es handele sich um eine russische Lüge. Er forderte Putin auf, ihn in Kostjantyniwka zu treffen, wenn die Stadt wirklich unter russischer Kontrolle stehe. Unabhängige Bestätigung der russischen Einnahmebehauptung steht aus.

Ankara am 7. Juli und die Frage nach den Patriot-Lizenzen

Am 7. Juli beginnt in Ankara der NATO-Gipfel. Die 32 Bündnisstaaten wollen sich auf eine kollektive Militärhilfe von mindestens 70 Milliarden Euro für 2026 verpflichten; ein gleichhohes Niveau für 2027 wurde angekündigt. Deutschland trug die Initiative wesentlich mit und sagte selbst 11,5 Milliarden Euro für das laufende Jahr zu. Bundeskanzler Friedrich Merz telefonierte am 3. Juli mit US-Präsident Donald Trump, um Deutschland als verlässlichen NATO-Partner zu positionieren, der bereit sei, größere Verantwortung für die Sicherheit im euroatlantischen Raum zu übernehmen, wie Regierungssprecher Stefan Kornelius mitteilte.

Auf dem Gipfel wird Selenskyj voraussichtlich seine Forderung nach Patriot-Produktionslizenzen vortragen. Für Slowjansk und Kramatorsk, die nun unter verschärftem Druck stehen, könnte das die entscheidende Frage der nächsten Monate werden: Kann Europa schnell genug Luftabwehrsysteme produzieren, bevor Russland seine neue Angriffsachse ausnutzt?

Update 11. Juli, 03:00 Uhr: Das Institute for the Study of War hat eingeschätzt, dass Putin die Bekanntgabe der russischen Kontrolle über Kostjantyniwka wahrscheinlich gezielt inszeniert hat, um die Medienberichterstattung im Westen zu beeinflussen. Mehrere als Beweis kursierende Videoaufnahmen von Flaggenhissungen im Stadtgebiet stufte das ISW als möglicherweise KI-manipuliert ein. Der ukrainische Generalstab besteht darauf, dass die Stadt unter Kiewer Kontrolle geblieben ist. Selenskyj bekräftigte seine Forderung, Putin solle ihn in Kostjantyniwka treffen, wenn die Einnahme wirklich vollzogen sei. Ob die Stadt tatsächlich vollständig gefallen ist oder ob dies eine Propagandaoperation darstellt, bleibt demnach ungesichert.

Quellen (13)

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