24 Tote: Russlands größter Luftangriff des Krieges
Am Mittwoch um 11 Uhr traf eine russische Drohne ein Wohngebäude im Kiewer Stadtteil Darnytsia. Das neunstöckige Haus stürzte vollständig ein. 24 Bewohner starben, darunter drei Kinder. Russland flog diesen Angriff mitten am Tag, ein Bruch mit dem bisherigen Muster des Krieges und setzte innerhalb von 30 Stunden nach Angaben von Präsident Selenskyj mehr als 1.560 Drohnen und 56 Raketen ein: der massivste Luftangriff seit Kriegsbeginn.
Das Wohnhaus in Darnytsia
Der Einschlag traf den Kiewer Stadtteil Darnytsia um 11 Uhr am Mittwochvormittag. Eine russische Drohne traf ein neungeschossiges Wohngebäude, das daraufhin vollständig einstürzte. Alle 18 Wohnungen wurden zerstört. Unter den 24 Toten befanden sich drei Kinder. Mindestens 48 Menschen wurden in Kiew verletzt, nach Angaben der ukrainischen Behörden über 80 Personen landesweit.
Der Angriff auf Darnytsia war kein Einzelfall, sondern Teil einer koordinierten Welle über zwei Tage. Die ukrainische Luftabwehr schoss in der intensivsten Phase 652 von 675 Drohnen und 41 von 56 Raketen ab, nach eigenen Angaben eine Abfangrate von 97 Prozent bei Drohnen und 73 Prozent bei Raketen. Dennoch reichten die durchkommenden Geschosse aus, um in 20 der 27 ukrainischen Regionen Schäden anzurichten.
Tagsüber statt nachts
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs waren die großen Drohnenangriffe überwiegend nächtliche Operationen. Sie nutzten die Dunkelheit als Deckung und erschwerten den Einsatz ukrainischer Luftabwehr. Der 13. und 14. Mai 2026 brachen dieses Muster. Die ersten Drohnenwellen starteten nach ukrainischen Angaben am frühen Mittwochvormittag, einer Tageszeit, zu der die Bevölkerung weniger mit Angriffen rechnet und zivile Schutzräume schlechter erreichbar sind.
Analysten des britischen Verteidigungsministeriums werteten die Verlagerung in den Tagesbereich als strategischen Test: Die ukrainische Luftabwehr sei auf den nächtlichen Betrieb trainiert und koordiniere ihre Kräfte entsprechend. Ein Angriff bei Tag überfordere die Reaktionszeit einiger Systeme und teste Lücken in der Radarabdeckung, die im Dunkeln weniger sichtbar seien. Zudem ist Tageslichtbetrieb logistisch aufwendiger für beide Seiten.
Eskalation nach der Pause
Der Angriff erfolgte unmittelbar nach dem Ende eines dreitägigen russischen Waffenstillstands, den Moskau einseitig für den 9. Mai ausgerufen hatte, den Tag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg. Die Waffenruhe endete am 12. Mai. Bereits in der Nacht danach begann Russland mit Beschuss, die massivsten Wellen folgten am 13. und 14. Mai.
Selenskyj wertete die Eskalation als Signal, dass Moskau keinen echten Verhandlungsweg sucht. "Russland will die Ukraine durch Terror zur Aufgabe zwingen", schrieb er nach dem Angriff auf Telegram. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte den Angriff als Kriegsverbrechen und forderte weitere westliche Waffenlieferungen. Sie nannte keine konkreten Systeme, sprach aber von "allem Notwendigen".
Die russische Seite kommentierte zivile Opfer nicht. Das russische Verteidigungsministerium erklärte lediglich, die Angriffe hätten sich gegen "militärische und wirtschaftliche Infrastruktur" gerichtet. Eine unabhängige Verifikation russischer Angaben war nicht möglich.
Was 1.560 Drohnen in 30 Stunden bedeutet
Der bisherige Rekord lag nach Angaben des ukrainischen Militärs bei einem Angriff vom 23. und 24. März 2026 mit etwa 1.000 Drohnen und Raketen. Der Angriff vom 13. und 14. Mai übertrifft diesen um mehr als die Hälfte. Selenskyj veröffentlichte die Gesamtzahl selbst: mehr als 1.560 Drohnen innerhalb von 30 Stunden, plus 56 Raketen, darunter drei Kinschal-Hyperschallraketen, 35 Marschflugkörper und 18 ballistische Iskander-Geschosse.
Kinschal-Hyperschallraketen fliegen auf mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit und sind für westliche Patriot-Systeme nur unter günstigen Bedingungen abzuschießen. Nach ukrainischen Angaben wurden alle drei abgefangen. Die USA bestätigten diese Abfangrate nicht. Experten der britischen Royal United Services Institute zweifeln regelmäßig an ukrainischen Abschussmeldungen für Kinschal-Raketen.
Selenskyjs Forderung: mehr Patriot-Systeme
Nach dem Angriff bat Selenskyj die Partnerländer um zusätzliche Patriot-Flugabwehrsysteme. Die vorhandenen reichten für diese Angriffsdichte nicht aus. Die Ukraine hat derzeit nach westlichen Schätzungen sechs bis acht einsatzfähige Patriot-Batterien. Für einen Angriff mit mehr als 1.500 Drohnen reichen die Kapazitäten nicht aus. Deutschland verfügt über eigene Patriot-Einheiten und diskutiert seit Monaten, ob es weitere abgeben kann, ohne die eigene Landesverteidigung zu gefährden. Das Bundesverteidigungsministerium hat sich dazu bislang nicht öffentlich geäußert.
Für die Ukraine ergibt sich ein grundlegendes Dilemma. Der Angriff belegt, dass Russland keinen echten Verhandlungsweg verfolgt. Gleichzeitig ist es für Kiews Regierung innenpolitisch schwierig, Gespräche über eine Waffenruhe zu führen, solange russische Angriffe in diesem Ausmaß andauern. Selenskyj hat öffentlich signalisiert, gesprächsbereit zu sein, sofern Russland die Ukraine als souveränen Staat anerkenne. Moskau hat das bislang abgelehnt. Das Muster der vergangenen Monate zeigt, dass Russland Waffenruhen als Pause zur militärischen Neuorganisation nutzt, nicht als Schritt zu einer politischen Lösung.
Aktualisierungen
Update 16. Mai, 15:02 Uhr: Einen Tag vor dem Massenangriff, am 12. Mai, testete Russland die Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat. Putin bezeichnete sie als die „stärkste Rakete der Welt": Nach russischen Angaben kann sie bis zu 16 unabhängig steuerbare Nuklearsprengköpfe tragen und hat eine Reichweite von über 35.000 Kilometern. Das erste Sarmat-Regiment soll Ende 2026 in der Einheit Uschnur im Krasnojarsk-Gebiet in Dienst gestellt werden. Der Test unmittelbar vor dem Massenangriff folgt dem russischen Muster, nukleares Eskalationspotenzial zu demonstrieren und gleichzeitig konventionell zu eskalieren.
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