Ukraine lähmt Moskaus größte Raffinerie mit 194 Drohnen
Alle vier großen Flughäfen Moskaus standen am Donnerstagmorgen gleichzeitig still. Ukrainische Drohnen hatten die Gazpromneft-Raffinerie in Kapotnja getroffen und ihre zentrale Destillationsanlage außer Betrieb gesetzt. Die Raffinerie ist die alleinige Kerosinquelle für Scheremetjewo, Domodedowo, Wnukowo und Schukowski. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte mindestens fünf Brandherde; es war der dritte ukrainische Angriff auf dieselbe Anlage in kurzer Abfolge.
Die Raffinerie im Visier
Die Gazpromneft-Anlage in Kapotnja liegt im Südosten Moskaus und zählt mit einer Jahreskapazität von elf Millionen Tonnen zu den größten Raffinerien Russlands. Seit Frühjahr 2026 ist sie zum bevorzugten Ziel ukrainischer Langstreckendrohnen geworden: Ein erster Großangriff im Mai traf das Werk, ein weiterer folgte vergangenen Dienstag. Der heutige Donnerstagmorgen brachte den dritten Schlag. Das unabhängige russische Internetportal Astra identifizierte nach Auswertung von Videoaufnahmen mindestens fünf Brandherde auf dem Gelände. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, eine zentrale Destillationsanlage sei beschädigt worden, die für rund 53 Prozent der Gesamtkapazität des Werks steht. Der Betrieb der Raffinerie wurde nach ukrainischen Angaben vollständig eingestellt.
Die Angriffswelle traf Moskau mit knapp 200 Drohnen. Russlands Flugabwehr gab an, mehr als 190 abgefangen zu haben; mehrere drangen bis zur Raffinerie vor. Für die Moskauer Zivilbevölkerung hatte die Nacht konkrete Folgen: Vier Flughäfen, darunter Scheremetjewo und Domodedowo, wurden stundenlang gesperrt, mehr als 50 Flüge verzögerten sich um jeweils über zwei Stunden. Gouverneur Andrej Worobjow meldete zudem Treffer an einem Wohngebäude in Moskau und an einem Hochhaus im Umland. 17 Menschen wurden verletzt.
Selenskyjs "Langstrecken-Sanktionen" gegen die Ölindustrie
Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Angriffe auf seinem Telegram-Kanal und nannte sie Ukraines "Langstrecken-Sanktionen" gegen die russische Kriegswirtschaft. Seine Botschaft war direkt: "Wenn die Ukraine brennt, wird auch Moskau brennen." Die Aussage ist eine explizite Antwort auf den russischen Beschuss der Kiewer Pechersk-Lawra am 15. Juni. Das ukrainisch-orthodoxe Kloster gehört zum UNESCO-Welterbe.
Russland antwortete in derselben Nacht mit eigenen Angriffen: Zwei Treibstoffdepots nahe Kiew wurden beschädigt, die Raffinerie in Poltawa bombardiert. Nach ukrainischen Angaben starben dabei mindestens elf Menschen. Russlands Verteidigungsministerium behauptete, insgesamt mehr als 550 ukrainische Drohnen über dem gesamten Land abgefangen zu haben, davon über 190 über Moskau. Die Zahlen beider Seiten lassen sich von unabhängiger Seite nicht vollständig prüfen; die Schäden an Kapotnja sowie an den ukrainischen Anlagen sind dokumentiert.
Eine Kampagne, keine Einzelaktion
Kapotnja ist kein Zufallsziel. Die Ukraine greift seit Frühjahr 2025 systematisch russische Energieinfrastruktur an: Im Mai 2026 brannte Rosnefts Raffinerie in Rjasan, wo laut russischen Behörden vier Menschen starben und zwölf verletzt wurden. In derselben Periode traf eine erste Welle Kapotnja. Die Strategie dahinter ist wirtschaftlich begründet: Russland bezieht nach Angaben des Internationalen Währungsfonds rund 45 Prozent seiner Staatseinnahmen aus dem Energiesektor. Wer Raffinerien außer Betrieb setzt, trifft direkt die Kriegskasse.
Der taktische Vorteil ukrainischer Drohnenangriffe liegt in der Kostenasymmetrie. Kiew hat sich nach eigenen Angaben zur weltweit führenden Nation bei der Produktion kostengünstiger Langstreckendrohnen entwickelt. Eine Angriffsdrohne kostet einen Bruchteil der Abwehrrakete, mit der Russland sie zu bekämpfen versucht. Selbst bei einer Abfangquote von 90 Prozent oder mehr reicht es aus, wenn einzelne Drohnen eine Schlüsselanlage wie die Kapotnja-Destillationseinheit treffen. Das Carnegie Endowment for International Peace analysierte im Frühjahr 2026, dass diese Kombination aus Langstreckenwaffen und Nahkampfdrohnen die Kriegsführung beider Seiten verändert, ohne die strategische Frontlage entscheidend zu verschieben: Die Linie bewegt sich kaum, der wirtschaftliche Druck wächst.
Russland antwortet auf den ukrainischen Energiedruck mit eigenem Infrastrukturterror: Seit Herbst 2025 greift es systematisch ukrainische Wärmekraftwerke, Gaskraftwerke und Wasserkraftanlagen an. Diese wechselseitige Zerstörung macht beide Bevölkerungen zum Ziel und hat nach Einschätzung der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission HRMMU die Zivilopfer im Mai 2026 auf den schwersten Monatswert seit April 2022 getrieben.
Treibstoffversorgung unter Druck: Was über die Schäden bekannt ist
Wie stark die Raffinerieangriffe Russlands Kriegswirtschaft konkret belasten, bleibt von außen schwer einzuschätzen. Moskau veröffentlicht seit 2022 keine Einzeldaten zu Produktionsausfällen in der Energieinfrastruktur. Gesichert ist: Die Kapotnja-Anlage hat ihren Betrieb eingestellt und die zentrale Destillationsanlage ist ausgefallen. Die Kapotnja-Anlage war die primäre Kerosinquelle für alle vier großen Moskauer Airports. In der Angriffsnacht mussten alle vier gesperrt werden. Wie schnell der Schaden repariert werden kann, hängt von der Verfügbarkeit von Ersatzteilen ab und davon, ob die Ukraine die Angriffswellen auf dieselbe Anlage fortsetzt.
Der dritte Treffer in kurzer Abfolge legt nahe, dass Kiew bewusst auf dauerhafte Außerbetriebsetzung zielt, nicht auf symbolische Einzeltreffer. Russlands Flugabwehr hat bislang keinen verlässlichen Schutz für kritische Industrieinfrastruktur liefern können: Selbst eine Abfangquote von über 90 Prozent reicht nicht aus, wenn die verbleibenden Drohnen strategische Anlagen mit gezielter Präzision treffen.
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