Russlands dritter Oreschnik-Einsatz trifft Kiew-Region
International

Russlands dritter Oreschnik-Einsatz trifft Kiew-Region

Russland hat in der Nacht auf Pfingstsonntag 600 Drohnen und 90 Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Zum dritten Mal kam die Hyperschallrakete Oreschnik zum Einsatz, diesmal gegen Bila Tserkva südlich von Kiew. Vier Menschen starben, 83 wurden verletzt.

24. Mai 2026, 15:01 Uhr 752 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Um kurz nach ein Uhr morgens schlug in der Region Kiew die erste Oreschnik ein. Die russische Hyperschallrakete traf Bila Tserkva, eine Industriestadt 80 Kilometer südlich der ukrainischen Hauptstadt. Es war der dritte dokumentierte Einsatz dieser Waffe in diesem Krieg und zum ersten Mal kam sie in Reichweite des Ballungsraums Kiew zum Einsatz. Vier Menschen starben, 83 wurden verletzt. Das ARD-Korrespondentenstudio im Zentrum der Hauptstadt wurde teilverstört.

Drei Einsätze, drei Eskalationsstufen

Russland setzte die Oreschnik erstmals am 21. November 2024 ein, gegen Dnipro. Der zweite Einsatz folgte am 9. Januar 2026, gegen Infrastruktur in der Lwiw-Region im Westen der Ukraine. Der Angriff vom Pfingstsonntag ist der dritte dokumentierte Einsatz der Mittelstreckenrakete. Die Ziellinie verschiebt sich mit jedem Einsatz: Dnipro im Osten, Lwiw im Westen, jetzt Bila Tserkva im Ballungsraum von Kiew.

Die Oreschnik ist laut AeroTime-Analyse eine zweistufige Feststoffrakete mit Mehrfachsprengköpfen, die Ziele gleichzeitig aus verschiedenen Winkeln treffen können. Ihre Geschwindigkeit überschreitet Mach 10, also mehr als 12.300 Kilometer pro Stunde. Westliche Militärexperten halten sie damit für konventionelle Luftabwehrsysteme faktisch unabfangbar. Die Rakete kann konventionelle oder nukleare Sprengköpfe tragen. In allen drei bisherigen Einsätzen wurden konventionelle Sprengköpfe verwendet. Gestartet wurde der Pfingstangriff vom russischen Truppenübungsplatz Kapustin Jar in der Oblast Astrachan.

Der Angriff in der Pfingstnacht

Insgesamt feuerte Russland in dieser Nacht 600 Drohnen verschiedener Typen, darunter Schahed-, Gerbera- und Italmas-Modelle sowie Scheinziele vom Typ Parodija und 90 Raketen ab. Darunter befanden sich zwei Kh-47M2-Kinschal-Raketen, drei Zirkon-Seezielflugkörper und 30 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M. Die ukrainische Luftverteidigung neutralisierte nach eigenen Angaben 549 Drohnen und 55 Raketen. Nur ein Bruchteil der Geschosse traf ungehindert sein Ziel.

In Kiew selbst wurde nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko jeder Stadtbezirk getroffen. Das ARD-Studio in der ukrainischen Hauptstadt erlitt schwere Schäden: Fensterscheiben, Wände und Technik wurden zerstört. Mitarbeiter kamen nicht zu Schaden, weil das Büro zum Zeitpunkt des Angriffs nicht besetzt war. Die Oreschnik selbst traf Bila Tserkva, einen wichtigen Verkehrs- und Industrieknotenpunkt 80 Kilometer südlich von Kiew. Laut dem Kyiv Independent wurden Wohngebäude, Märkte, Schulen und Wasserleitungen beschädigt.

Russland erklärte, angegriffene Ziele seien militärische Führungs- und Kontrolleinrichtungen, Luftwaffenstützpunkte und Rüstungsbetriebe gewesen. Als Vorwand nannte Moskau einen ukrainischen Drohnenangriff vom 21. auf den 22. Mai auf ein Studierendenwohnheim in Starobilsk im russisch besetzten Luhansk, bei dem nach russischen Angaben 86 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren im Gebäude schliefen und bis zu 18 Menschen starben. Präsident Putin hatte daraufhin das Verteidigungsministerium angewiesen, eine Vergeltung vorzubereiten. Der ukrainische Generalstab widersprach der russischen Darstellung und bestand darauf, ein Hauptquartier der Spezialeinheit Rubikon getroffen zu haben, die Angriffsdrohnen für Angriffe auf ukrainisches Staatsgebiet koordiniert.

Nuklearsignaling vor möglichen Verhandlungen

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte in einem offiziellen Statement: In der Nacht auf Pfingstsonntag hat Russland zivile Ziele in der Ukraine massiv attackiert. Erneut kam dabei das Oreschnik-Raketensystem zum Einsatz. Die Bundesregierung verurteilt diese rücksichtslose Eskalation scharf. Deutschland steht weiter fest an der Seite der Ukraine. Bundesaußenminister Johann Wadephul sprach von russischem Raketenbewerfen und kündigte an, die bei der jüngsten NATO-Außenministerkonferenz vorgeschlagenen Maßnahmen rasch voranzutreiben.

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete den Einsatz als politisches Druckmittel und rücksichtsloses nukleares Signaling. Russland habe sich auf dem Schlachtfeld festgefahren und weiche nun auf zivilen Terror aus. Kallas Formulierung ist bewusst gewählt: Obwohl im Pfingstangriff konventionelle Sprengköpfe eingesetzt wurden, schwingt bei jedem Oreschnik-Einsatz die nukleare Trägerfähigkeit mit. Das ist Teil des strategischen Kalküls.

Das Timing ist auffällig. Selenskyj hatte am Samstag erklärt, auf ein Signal der USA zu warten, das weitere Friedensgespräche ermöglichen würde. Russland antwortete mit 600 Drohnen und der Oreschnik. Westliche Beobachter stellen fest, dass beide früheren Oreschnik-Einsätze ebenfalls in Phasen erhöhter diplomatischer Aktivität stattfanden. Zwei Interpretationen stehen nebeneinander: Moskau zeige militärische Erschöpfung und kompensiere sie durch Terrorangriffe oder Moskau baue für kommende Verhandlungen Druck auf. Beides schließt sich nicht aus.

EU berät Anfang Juni über Nachschub und Sanktionsverschärfung

Die EU-Außenminister sollen laut Kallas in der ersten Juniwoche über Gegenmaßnahmen beraten. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob westliche Länder endlich Luftabwehrsysteme liefern, die speziell gegen Hyperschallraketen ausgelegt sind. Seit dem Lwiw-Angriff im Januar wurde kein Arrow-3-Abwehrsystem an die Ukraine geliefert, das die Oreschnik abfangen könnte. Israel und die USA besitzen Arrow-3-Kapazitäten, doch die Lieferung scheiterte bisher an politischen Hürden.

Der militärische Unmittelbarkeitseffekt des Pfingstangriffs ist begrenzt: Vier Tote sind ein Verlust, aber kein strategischer Wendepunkt. Der eigentliche Effekt ist politisch. Jeder Oreschnik-Einsatz entfacht im Westen die Debatte über bessere Luftverteidigung für die Ukraine neu und bindet diplomatische Kapazitäten. Das Muster wiederholt sich zum dritten Mal und Russland hat aus den ersten beiden Einsätzen offenbar gelernt, dass der politische Ertrag die militärische Wirkung überwiegt.

Quellen (7)

Kommentare