
26 von 27 Raketen trafen Kiew: Patriot-Krise
Quellen (8)
- Washington Postwashingtonpost.com
- NPRnpr.org
- Al Jazeeraaljazeera.com
- Handelsblatthandelsblatt.com
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- news-pravda.comnews-pravda.com
- RBC Ukrainenewsukraine.rbc.ua
- newzs.denewzs.de
Manche Patriot-Einheiten der Ukraine haben noch zwei von acht Abfangraketen. Selenskyj nennt das eine Hungerration. In der Nacht zum 1. August zeigten sich die Konsequenzen: Russland feuerte 27 ballistische Raketen, 8 Marschflugkörper und 185 Drohnen auf Kiew. Die Luftverteidigung hielt eine ballistische Rakete ab. Die übrigen 26 schlugen im Stadtgebiet oder in der näheren Umgebung ein. Mindestens neun Menschen kamen ums Leben, 22 wurden verletzt. Ein fünfgeschossiges Wohnhaus im Bezirk Solomianskyi wurde schwer beschädigt, im Bezirk Darnytskyi starben sieben Menschen. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte direkt nach dem Angriff: „Patriot-Raketen existieren weltweit. Es braucht nur die politische Entscheidung unserer Partner, sie zu liefern."
Eine Quote, die das Problem beschreibt
Die Abfangquote von einer von 27 ist kein technisches Versagen. Sie ist das Ergebnis eines Munitionsmangels, den Selenskyj seit Monaten öffentlich beschreibt. Laut der ukrainischen Luftwaffe haben manche Einheiten an Patriot-Systemen nur noch zwei von acht verfügbaren Raketen. Das Militär spricht von einer „Hungerration". Selbst bei funktionierenden Geräten ist Abfangen ohne Munition unmöglich.
Patriot-Systeme wurden der Ukraine schrittweise von den USA, Deutschland, den Niederlanden und anderen Partnern geliefert. Das Problem ist nicht die Hardware, sondern die Abfangraketen vom Typ PAC-2 und PAC-3. Hersteller Lockheed Martin kann nach eigenen Angaben keine konkreten Lieferdaten für neue Produktionschargen garantieren. Die Fertigungskapazitäten sind seit 2022 stark ausgeweitet worden, reichen aber nicht aus, um gleichzeitig die Ukraine, die US-Streitkräfte, die NATO-Ostflanke und nun auch die Golfstaaten im Iran-Krieg zu versorgen.
Der Iran-Krieg als versteckter Faktor
Was kaum öffentlich diskutiert wird: Der parallele Irankonflikt bindet US-Patriot-Kapazitäten auf eine Weise, die direkte Auswirkungen auf die Ukraine hat. Bahrain und Kuwait, wo US-Streitkräfte nach iranischen Raketenangriffen im Juli beschossen wurden, nutzen dasselbe System. Saudi-Arabien hat seine Patriot-Bestände massiv aufgefüllt. Jede Abfangrakete, die in den Nahen Osten geht, ist eine, die nicht nach Kiew kommt.
NPR berichtete am 1. August, die USA erwägen eine Lockheed-Lizenz zur Herstellung von PAC-3-Raketen in der Ukraine selbst, um die Abhängigkeit von transatlantischen Lieferungen zu reduzieren. Trump habe einer solchen Lizenz grundsätzlich zugestimmt, Details blieben offen. Wann eine ukrainische Fertigung tatsächlich anlaufen könnte, ließ die US-Regierung unbeantwortet.
Selenskyjs Forderung: 300 Raketen und ein eigenes System
Selenskyj formulierte nach dem Nachtangriff zwei Forderungen. Erstens: Mindestens 300 Patriot-Abfangraketen für die kommenden drei Wintermonate. Im vergangenen Winter hatte Russland seine Angriffe systematisch auf die ukrainische Energieinfrastruktur ausgerichtet und mehrere Großkraftwerke außer Betrieb gesetzt. Eine Wiederholung ohne funktionierende Luftverteidigung könnte Millionen von Haushalten ohne Strom und Heizung lassen. Zweitens: Den Bau eines eigenständigen europäischen Luftverteidigungssystems gegen ballistische Raketen innerhalb von zwölf Monaten.
Die zweite Forderung ist langfristiger, aber für Europa politisch relevanter. Deutschland hat gemeinsam mit mehreren EU-Ländern die „European Sky Shield Initiative" (ESSI) ins Leben gerufen, die auf Patriot-ähnlichen Systemen basiert. ESSI ist jedoch auf gemeinsame Beschaffung ausgerichtet, nicht auf eine eigenständige europäische Produktionsinfrastruktur. Eine Fähigkeit, ballistische Raketen ohne US-Komponenten abzufangen, hat Europa nicht. Selenskyjs Forderung zielt genau auf diese Lücke: Solange Europa bei Abfangraketen vom US-Markt abhängig ist, konkurriert die Ukraine mit der NATO-Ostflanke und den Golfstaaten um dieselbe knappe Ressource.
Europas Frist bis Oktober
Für die europäischen Partner gibt es einen konkreten Kalender. Die ukrainische Energieinfrastruktur ist nach vier Kriegswintern stark geschwächt. Der fünfte Kriegswinter beginnt Mitte Oktober. Bis dahin müssten Patriot-Lieferungen ankommen, um die Systeme in Position zu bringen und Besatzungen zu schulen. Washington Post und Al Jazeera berichteten, Selenskyj habe in Gesprächen mit europäischen Verteidigungsministern auf diese Frist hingewiesen. Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat eine weitere Patriot-Batterie für das zweite Halbjahr 2026 angekündigt, ohne genaues Datum. Frankreich und das Vereinigte Königreich haben bislang keine vergleichbaren Zusagen gemacht.
Der Angriff in der Nacht zum 1. August war der schwerste in Kiew seit dem Jahreswechsel. Die Abfangquote von einer von 27 ballistischen Raketen zeigt, dass das Problem nicht mehr nur diplomatisch, sondern konkret militärisch ist: Ohne mehr Munition ist die Schutzinfrastruktur, die mit erheblichem politischen Aufwand in die Ukraine gebracht wurde, weitgehend wirkungslos.
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