Wiederaufbaukonferenz Danzig beginnt ohne Selenskyj
Vier Jahre Krieg haben direkte Schäden von über 195 Milliarden Dollar in der Ukraine hinterlassen. Der Gesamtbedarf für Wiederaufbau und Erholung liegt nach Berechnungen der Weltbank bei 588 Milliarden Dollar über zehn Jahre. Morgen treffen sich in Danzig fast hundert Länder, um diesen Wiederaufbau zu koordinieren. Wolodymyr Selenskyj, eigentlich Co-Gastgeber der Konferenz, hat seine Teilnahme eine Woche vor Beginn abgesagt.
Kriegsschäden im Wert von 195 Milliarden Dollar
Die Grundlage der Danzig-Gespräche lieferte das fünfte Rapid Damage and Needs Assessment der Weltbank, der EU-Kommission und der Vereinten Nationen vom Februar 2026: Direkte Kriegsschäden in der Ukraine belaufen sich auf über 195 Milliarden Dollar, 19 Milliarden mehr als beim Vorjahresgutachten. Beim Zehn-Jahres-Wiederaufbaubedarf entfallen die größten Summen auf den Verkehrssektor mit über 96 Milliarden Dollar, Energie mit fast 91 Milliarden Dollar und Wohnbau mit knapp 90 Milliarden Dollar. Der Gesamtbedarf für Wiederaufbau und Erholung in zehn Jahren: 588 Milliarden Dollar, fast das Dreifache des ukrainischen Vorkriegs-Bruttoinlandsprodukts.
Zum Vergleich: Auf der Vorläuferkonferenz in Rom (URC 2025, Juli 2025) wurden mehr als 200 Abkommen und Verpflichtungen unterzeichnet, darunter allein ein EU-Paket von 2,3 Milliarden Euro. mehr als 6.000 Teilnehmer aus über 70 Ländern reisten an, darunter 15 Staatsoberhäupter und Regierungschefs. Danzig setzt auf mehr Unternehmensvertreter: Rund tausend Firmen haben sich akkreditiert, ein Drittel davon aus der Ukraine, ein Drittel aus Polen, ein Drittel aus anderen Ländern.
Polens fünfte Dimension: Sicherheit vor Wiederaufbau
Die auffälligste Neuerung in Danzig gegenüber früheren Konferenzen ist eine neue fünfte Programmdimension: Sicherheit und Verteidigung. Die polnische Regierung hat sie als Co-Gastgeber eingeführt mit dem Argument, Wiederaufbauinvestitionen in einem aktiven Kriegsgebiet seien ohne Sicherheitsgarantien nicht mobilisierbar. Zu den acht Nebenveranstaltungen dieser Dimension gehören Minenräumung, Luftverteidigung und zivile Schutzinfrastruktur.
Das Gesamtprogramm umfasst 60 Nebenveranstaltungen in fünf Dimensionen. Etwa 40 Länder sind auf Ministerebene oder darüber vertreten. Die ersten offiziellen Veranstaltungen starteten bereits heute: die 17. Sitzung des Steuerungsausschusses der Ukraine Donor Platform und ein G7-Koordinierungstreffen zur Energieversorgung. Das Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington fragte vor der Konferenz in einer Analyse, ob die jährlichen URC-Gipfel tatsächlich Schwung aufbauen oder hinter ihrem Versprechen zurückbleiben: Bisher flossen die angekündigten Mittel langsamer als zugesagt.
Selenskyjs Absage als diplomatisches Signal
Am 19. Juni hatte Polens Präsident Karol Nawrocki Selenskyj den Orden des Weißen Adlers entzogen. Anlass: Kiew hatte eine Einheit der ukrainischen Spezialkräfte nach der UPA benannt, der Ukrainischen Aufstandsarmee, die zwischen 1943 und 1945 im damals polnischen Wolhynien mindestens 100.000 ethnische Polen ermordete. Selenskyj schickte den Orden per Post zurück. Drei frühere ukrainische Präsidenten sowie Außenminister und Präsidialamtschef schlossen sich an.
Am 23. Juni sagte Selenskyj seine Danzig-Teilnahme offiziell ab. Premierministerin Julija Swyrydenko wird die ukrainische Delegation führen. Als Regierungschefin hat sie Vollmacht, Vereinbarungen im Namen der Ukraine zu unterzeichnen. Politische Signalwirkung und symbolisches Gewicht einer Delegation ohne den Kriegspräsidenten sind indes eine andere Größe. Die Absage kam wenige Tage vor Konferenzbeginn, zu spät für Formatänderungen, früh genug, um Warschau unter Druck zu setzen.
Tusk zwischen Konferenzpflicht und Koalitionskampf
Für Polens Premier Donald Tusk ist die Situation schwierig. Als Co-Gastgeber liegt der Erfolg der URC 2026 in seinem Eigeninteresse. Gleichzeitig war es Nawrocki, der die Eskalation mit dem Ordenentzug ausgelöst hat. Nawrocki wurde von der nationalkonservativen PiS ins Präsidentenamt gewählt, Tusk führt die liberale Koalitionsregierung. Der Orden-Streit bietet Nawrocki eine Gelegenheit, sich als härterer Hüter polnischer Geschichtsinteressen zu positionieren, ohne die außenpolitischen Kosten zu tragen, die der Regierung zufallen.
Tusk hatte Selenskyj öffentlich zur Teilnahme aufgerufen: "Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine freut Putin und erschüttert unsere Verbündeten", schrieb er auf X. Polen hat seit Kriegsbeginn rund 900.000 ukrainische Geflüchtete aufgenommen und ist das wichtigste Transitland für Waffenlieferungen. Diese strukturelle Abhängigkeit hat frühere Konflikte über Geschichte und Symbolfragen stets begrenzt. Ob das auch diesmal gilt, wird die Atmosphäre in Danzig zeigen.
Bis Freitag: Verträge ohne den Präsidenten
Bis zum Konferenzende am 26. Juni muss Danzig zeigen, ob es trotz Selenskyjs Abwesenheit operative Ergebnisse liefern kann. Swyrydenko hat Unterzeichnungsvollmacht. Ob Investoren und Partnerregierungen das als ausreichende politische Rückendeckung werten, wird die Zahl der unterzeichneten Abkommen zeigen.
Für das polnisch-ukrainische Verhältnis ist Danzig nicht das Ende der Uhr. Die eigentliche kritische Frist ist die Sommerpause beider Regierungen. Wenn die Konferenz ohne symbolischen Brückenschlag endet und bis Ende Juli keine Geste der Deeskalation folgt, riskieren beide Länder, dass der Streit über den Sommer konserviert wird. Nawrocki kann das Thema im Herbst erneut nutzen. Kiew und Warschau hätten dann Monate verloren, in denen Wiederaufbaukoordination und Militärunterstützung nicht unterbrochen werden sollten.
Kommentare