Manila: USA und Russland reden wieder über Ukraine
Nach Monaten, in denen Friedensinitiativen für die Ukraine weitgehend stillstanden, trafen sich US-Außenminister Marco Rubio und Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag am Rande des ASEAN-Außenministertreffens in Manila. Das Gespräch dauerte 35 Minuten und brachte keine konkreten Ergebnisse. Es öffnet aber nach langer Pause wieder einen direkten Kommunikationskanal zwischen den Hauptakteuren, den Rubio selbst als eingeschlafen bezeichnet hatte.
Gespräche nach monatelanger Pause
Im August 2025 hatten sich US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin auf dem Militärstützpunkt Joint Base Elmendorf-Richardson in Anchorage zu einem Gipfelgespräch getroffen. Das Treffen war kürzer als geplant, unter drei Stunden statt sieben und endete ohne greifbare Vereinbarungen. Rubio erklärte danach öffentlich, es seien keine Abkommen über die Ukraine getroffen worden. Trump selbst formulierte es so: Man habe es nicht geschafft, habe aber eine gute Chance, es noch zu schaffen.
Russland hat diese Version seitdem beständig ignoriert. Lawrow bezog sich auch in Manila auf Verpflichtungen aus Anchorage, die Grundlage für mögliche Verhandlungen bildeten. Eine Grundlage, die Washington nicht teilt. Dieser Grundwiderspruch prägt die Diplomatie seit einem Jahr: Russland ruft Vereinbarungen auf, die USA bestreiten.
Die Lücke zwischen Anchorage und Manila hat mehrere Gründe. Der Irankrieg, der am 28. Februar 2026 mit US-israelischen Angriffen auf iranische Militäreinrichtungen begann und sich innerhalb weniger Tage zu einem regionalen Konflikt ausgeweitet hatte, band erhebliche Kapazitäten der Trump-Administration. Rubio räumte in Manila ungewöhnlich offen ein, die Friedensbemühungen für die Ukraine seien in den vergangenen Monaten eingeschlafen. Das Manila-Treffen war der Versuch, diesen Schlaf zu beenden.
Was 35 Minuten in Manila ergaben
Laut Bestätigung des US-Außenministeriums standen drei Kernthemen auf der Tagesordnung: die Lage in der Ukraine, die Situation am Persischen Golf und die Normalisierung des Betriebs diplomatischer Missionen beider Länder. Ergänzt wurden diese durch Fragen zur Wiederaufnahme der Zusammenarbeit zwischen der NASA und der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos im Rahmen der Internationalen Raumstation.
Lawrow skizzierte Russlands Position ohne Überraschungen. Er kritisierte die Waffenlieferungen des Westens an Kiew als unzulässig, warf Europa destabilisierende Politik vor und bekräftigte Moskaus Bereitschaft zu einer politisch-diplomatischen Lösung. Als Grundlage verwies er erneut auf die Anchorage-Abkommen, die nach amerikanischer Lesart nie zustande kamen.
Rubio gab sich offen, ohne Verbindlichkeit: Die USA seien bereit, bei einem Ende des Konflikts zu helfen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Eine Bereitschaft, kein Versprechen. Beide Seiten vereinbarten, die Kontakte fortzusetzen, ohne einen Zeitplan oder ein Format zu nennen. Dabei fällt eine schlichte Diskrepanz auf: Während das US-Außenministerium von einem 35-minütigen Gespräch berichtete, sprachen russische Quellen von mehr als 90 Minuten. Selbst über die Länge eines Treffens, aus dem nichts folgte, erzählen beide Seiten verschiedene Geschichten.
Gleichzeitig: Bomben und Drohnen
Während Lawrow und Rubio in Manila saßen, liefen die Operationen an der Front weiter. Ukrainische Drohnen griffen in der Nacht zum 23. Juli mehrere russische Regionen an, darunter Ölinfrastruktur. Russland hatte zuletzt in der Nacht auf den 20. Juli einen der bisher schwersten ballistischen Raketeneinschläge auf Kiew geflogen. Diese Gleichzeitigkeit von Diplomatie und Bombardierung ist kein Widerspruch, sondern Strategie: Beide Seiten verhandeln und kämpfen parallel, um ihre Verhandlungsposition militärisch zu stärken.
Russlands eigentliche Haltung hatte Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow nach dem Anchorage-Gipfel unmissverständlich klargestellt: Moskau rechne nicht mit der Umsetzung irgendwelcher Vereinbarungen, sondern erwarte den Sieg und die Erfüllung seiner eigenen Ziele. Das Treffen in Manila ist damit kein Zeichen echter Verhandlungsbereitschaft, sondern ein Signal, dass Russland diplomatische Kanäle offenhält, solange sie nützlich erscheinen.
Auf ukrainischer Seite hat Präsident Wolodymyr Selenskyj territoriale Zugeständnisse an Russland kategorisch abgelehnt. Das ist der Kern, an dem alle bisherigen Annäherungsversuche gescheitert sind: Russland besteht auf Anerkennung seiner besetzten Gebiete in der Ostukraine und Südukraine, während Kiew nicht verhandelt, solange russische Truppen auf ukrainischem Boden stehen. Daran hat Manila nichts geändert.
Drapatyj muss liefern, Rubio muss warten
Zum Zeitpunkt des Manila-Treffens befindet sich die Ukraine in einem Führungsübergang. Präsident Selenskyj hatte am 21. Juli Armeechef Oleksandr Syrskyj entlassen, dem er nach internen Strategiestreitigkeiten das Vertrauen entzogen hatte. Generalmajor Mychajlo Drapatyj, 43 Jahre alt und bislang vor allem bekannt für die Stabilisierung der Charkiwer Front im Mai 2024, übernahm das Kommando. Seine ersten Monate im Amt werden zeigen, ob er die Frontlage festigen kann. Das hätte erheblichen Einfluss auf Kyjiws Verhandlungsposition: Eine stabilisierte oder gar verbesserte Frontlage würde ukrainische Forderungen stärken, eine verschlechterte den Druck erhöhen, Kompromisse einzugehen.
Was auf Manila folgt, bleibt offen. Beide Seiten vereinbarten weitere Kontakte, ohne Datum oder Format zu nennen. Der nächste reguläre Anlass, bei dem Lawrow und Rubio routinemäßig beide anwesend sind, ist die UN-Generalversammlung im September in New York. Ob sie dort wieder zusammenfinden, hängt davon ab, wie sich die Lage bis dahin entwickelt. Manila war kein Schritt auf dem Weg zum Frieden. Es war der erste Schritt aus der Sprachlosigkeit heraus.
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