Russland startet Atomübung. Ukraine zeigt Gleitbombe.
An dem Tag, an dem Wladimir Putin in Peking Xi Jinping zum Staatsbesuch trifft, beginnt Russland eine dreitägige Atomwaffenübung. Mehr als 64.000 Soldaten trainieren den Einsatz taktischer Atomwaffen, ballistischer Raketen und Marschflugkörper. Belarus startet zeitgleich eine eigene Übungskomponente für den nuklearen Munitionseinsatz. Kiew bezeichnete beides als „beispiellose Herausforderung für die globale Sicherheitsarchitektur“. Während Russland seine Nuklearsignale sendet, präsentierte die Ukraine am Tag zuvor ihre erste selbst entwickelte Lenkgleitbombe.
Dreitägige Übung mit 64.000 Soldaten
Das russische Verteidigungsministerium gab den Start der Übung am Dienstag, dem 19. Mai, bekannt und begründete sie mit der Vorbereitung auf den Einsatz von Atomwaffen im Fall einer „drohenden Aggression“. Die Übung dauert bis Donnerstag, dem 21. Mai. Nach Angaben des Tagesspiegel umfasst das Programm den Einsatz taktischer Atomwaffen einschließlich Transport und Vorbereitung nuklearer Munition sowie den Abschuss ballistischer Raketen und Marschflugkörper aus nicht geplanten Startpositionen.
Belarus führt zeitgleich eine eigene Komponente durch. Das ukrainische Außenministerium berichtete, Minsk trainiere gemeinsam mit Russland den kampfmäßigen Einsatz von Atomwaffen. Selenskyj bezeichnete die Kombination aus russischer Atomübung und belarussischer Beteiligung als „beispiellose Herausforderung für die globale Sicherheitsarchitektur“. Taktische russische Atomwaffen sind nach westlicher Einschätzung seit 2023 auf belarussischem Territorium stationiert. Die Zahl russischer Soldaten in Belarus liegt dauerhaft bei etwa 2.100, deutlich über dem Stand vor 2022.
In der Nacht zum 19. Mai griff Russland zudem den Donau-Hafen Ismayil an, den wichtigsten ukrainischen Hafen an diesem Fluss. Ein Feuer in einem Hafengebäude brannte von etwa 1 Uhr bis 3 Uhr morgens. Behörden meldeten keine Todesopfer. Ismayil ist ein zentraler Exportpunkt für ukrainisches Getreide und wurde in den vergangenen Monaten mehrfach angegriffen.
250 Kilo, 17 Monate: Ukraines erste Lenkgleitbombe
Am 18. Mai präsentierte Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov die erste selbst entwickelte Lenkgleitbombe der Ukraine. Der Sprengkopf wiegt laut Ministerium 250 Kilogramm. Die Waffe wird vom Kampfflugzeug Su-24 abgeworfen und ist konzipiert für Angriffe auf befestigte Stellungen, Kommandopunkte und stationäre Ziele tief hinter der Frontlinie. Das System ist nach Ministeriumsangaben einsatzbereit, eine erste Erprobungsserie wurde bereits beschafft.
Entwickelt wurde die Gleitbombe in 17 Monaten durch die Firma DG Industry im Rahmen des ukrainischen Rüstungstechnologieprogramms Brave1. Das Programm koordiniert Rüstungs-Startups mit staatlichen Anforderungen und produziert seit 2023 Drohnen, Sensorik und Gefechtssysteme. Die neue Bombe ist das schwerste System, das bisher aus diesem Netzwerk hervorgegangen ist.
Bislang war die Ukraine für Präzisionswaffen mit Reichweiten tief hinter der Front auf westliche Lieferungen angewiesen: Storm Shadow aus Großbritannien, SCALP aus Frankreich, ATACMS aus den USA. Alle drei Systeme unterliegen Exportbeschränkungen und erfordern politische Freigaben aus den Lieferländern. Ein heimisches System verringert diese Abhängigkeit schrittweise. Fedorov nannte die neue Waffe eine „asymmetrische Antwort auf russische Feuerkraft“.
Nuklearsignale für das Peking-Publikum
Die Atomwaffenübung begann exakt an dem Tag, an dem Putin Xi Jinping in Peking trifft. Der formale Anlass ist der 25. Jahrestag des russisch-chinesischen Freundschaftsvertrags von 2001. Putins Besuch folgt vier Tage nach dem eigenen Peking-Besuch von US-Präsident Donald Trump, bei dem die Ukraine eine Nebenrolle spielte und der Iran im Mittelpunkt stand.
China hat die russische Invasion nie verurteilt. Die Internationale Energieagentur beziffert Chinas Anteil am Kauf iranischen Öls auf mehr als 80 Prozent, was Beijing zu einem wirtschaftlichen Akteur im weiteren Konfliktumfeld macht. Westliche Geheimdienste und das ukrainische Parlament haben China mehrfach beschuldigt, zivil wie militärisch verwendbare Güter an russische Rüstungsbetriebe zu liefern. Peking bestreitet das.
Dass Russland den Beginn einer Atomwaffenübung in diesen Moment legt, verfolgt eine mehrfache Wirkung. Die offizielle Begründung richtet sich nach innen: Abwehr einer drohenden Aggression, Selbstverteidigung. Die tatsächliche Signalwirkung richtet sich an mehrere Adressaten gleichzeitig: an die Ukraine, die NATO und China. Gegenüber Beijing demonstriert Russland Stärke, ohne eine direkte Drohung zu formulieren. Das Muster ist stabil: Auf den Drohnenangriff mit 524 Geschossen vom 18. Mai folgte ein Dialogsignal des Kremls. Auf den Angriff mit 800 Drohnen vom 14. Mai ebenso. Diesmal ist die Atomübung das Signal.
Gymnich-Treffen in Limassol am 27. Mai
Am 27. und 28. Mai kommen alle 27 EU-Außenminister zum informellen Gymnich-Treffen in Limassol auf Zypern zusammen. Es soll das erste Treffen sein, bei dem gemeinsam Bedingungen für direkte Gespräche mit Russland erörtert werden. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha hatte beim vorigen Treffen am 11. Mai in Brüssel einen Waffenstillstand für Flughäfen beider Seiten vorgeschlagen, ohne russische Vorbedingungen. Die EU-Mitglieder reagierten zurückhaltend.
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat Russland in den vergangenen Wochen wiederholt gewarnt, nukleares Säbelrasseln werde Europa nicht von der Unterstützung der Ukraine abbringen. Dem steht die Einschätzung gegenüber, die Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Universität Halle mehrfach vertreten hat: Ohne einen Verhandlungskanal endet ein Krieg nur durch vollständige Niederlage einer Seite.
Für die Ukraine bedeuten beide Entwicklungen dieser Woche gleichzeitig eine neue Bedrohungsdimension und einen militärischen Zugewinn. Ob die erste eigene Lenkgleitbombe die Verhandlungsposition der Ukraine stärkt oder die Eskalation in einen nächsten Zyklus treibt, gehört zu den Fragen, die in Limassol am 27. Mai auf dem Tisch liegen werden.
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