Selenskyj warnt: Putin plant Angriff aus Belarus
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Selenskyj warnt: Putin plant Angriff aus Belarus

Am selben Tag, an dem Putin einen Erlass zur vereinfachten Staatsbürgerschaft für Transnistrien unterzeichnete, warnte Selenskyj vor einem russischen Angriff aus Belarus auf NATO-Gebiet. Moldaus Präsidentin nennt den Erlass eine verdeckte Rekrutierungskampagne. Die NATO reagiert mit Milliarden für ihre Ostflanke.

17. Mai 2026, 22:37 Uhr 815 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Der Suwałki-Korridor zwischen Polen und Litauen ist 65 Kilometer breit und NATOs verwundbarster Punkt: Wird er unterbrochen, sind Estland, Lettland und Litauen vom Rest des Bündnisses abgeschnitten. Genau diesen Korridor nannte Wolodymyr Selenskyj am 15. Mai, als er mit Verweis auf geleakte Dokumente warnte, Russland plane aus Belarus heraus Angriffe auf NATO-Gebiet oder auf die Ukraine. Am selben Tag unterzeichnete Wladimir Putin in Moskau einen Erlass zur vereinfachten russischen Staatsbürgerschaft für Transnistrien, eine Provinz, die Selenskyj und Moldaus Präsidentin Maia Sandu als Rekrutierungsreservoir für den Krieg einschätzen.

15 Divisionen, 150.000 Soldaten: Was die Warnung bedeutet

Selenskyj stützte seine Warnung auf geleakte Dokumente, die nach seinen Angaben etwa zwei Dutzend politische und militärische Einrichtungen als potenzielle Angriffsziele Russlands benennen, darunter sein eigenes Hauptquartier in Kyjiw. Konkreter ist die Truppenplanung: Russland bereite laut diesen Unterlagen 15 Divisionen mit 100.000 bis 150.000 Soldaten für eine Stationierung in Belarus vor. Russland habe außerdem erneut Kontakt zu Alexander Lukaschenko aufgenommen, um ihn zu gemeinsamen Angriffsoperationen zu bewegen.

Unabhängig bestätigt sind die geleakten Dokumente bisher nicht. Was sich jedoch überprüfen lässt: Die Infrastruktur für eine größere russische Militärpräsenz in Belarus wird seit Monaten ausgebaut. Laut dem Belarusischen Grenzdienst und dem Kiewer Institut iSANS entwickelt Minsk in Abstimmung mit Moskau Logistikrouten und Trainingsgelände. Taktische Atomwaffen sind nach US-amerikanischer Einschätzung bereits in Belarus stationiert. Aktuell befinden sich nach verfügbaren Schätzungen etwa 2.100 russische Soldaten dauerhaft im Land, weit unterhalb einer Invasionsschwelle, aber deutlich über dem Stand vor 2022.

NATO-Analysten und westliche Geheimdienste stufen einen unmittelbaren Angriff auf NATO-Gebiet als unwahrscheinlich ein. Die mittelfristige Planung bereite ihnen jedoch Sorgen: Ein deutsches Planspiel aus dem Frühjahr 2026 kam zu dem Ergebnis, dass russische Kräfte im Ernstfall eine litauische Schlüsselstadt innerhalb von drei Tagen einnehmen könnten.

Staatsbürgerschaft als Rekrutierungswerkzeug

Putins Erlass vom 15. Mai vereinfacht den Weg zur russischen Staatsbürgerschaft für volljährige Einwohner Transnistriens erheblich. Der Beschluss erlässt Wohnsitzpflichten in Russland, Kenntnistests zur Geschichte und zum Staatswesen sowie Russischsprachprüfungen. Betroffen sind auch Kinder ohne elterliche Fürsorge.

Offiziell stellt Moskau den Schritt als administrative Vereinfachung dar. Moldaus Präsidentin Maia Sandu, die gerade in Tallinn beim EU-Gipfel war, formulierte eine andere Einschätzung: Putin brauche schlicht mehr Soldaten für den Krieg. Transnistrien sei für Russland ein Reservoir, das er per Erlass nun leichter anzapfen könne. Sandu zitierte Berichte über steigende Rekrutierungsaktivitäten der russischen Armee in der abtrünnigen Provinz. Der Bürgermeister der moldauischen Hauptstadt Chișinău, Ion Ceban, sprach ebenfalls von einem Mobilisierungsinstrument. Beide wiesen darauf hin, dass seit Kriegsbeginn 2022 ein großer Teil der Transnistrier die moldauische Staatsbürgerschaft beantragt hat: nicht aus Russlandnähe, sondern um nicht eingezogen zu werden.

Transnistrien ist ein schmaler Gebietsstreifen im Osten Moldaus, der seit 1992 de facto von Moskau kontrolliert wird. Russland stationiert dort nach eigenen Angaben 1.500 Soldaten als Friedenstruppe. Der Erlass schafft nun eine rechtliche Grundlage, um aus Zivilisten Soldaten zu machen, ohne sie formal einzuberufen.

Der Suwałki-Korridor: 65 Kilometer zwischen Ostseite und Abschneidung

Der Bezugspunkt für die Selenskyj-Warnung liegt 1.000 Kilometer nördlich von Transnistrien: der Suwałki-Korridor, ein 65 Kilometer breiter Grenzstreifen zwischen Polen und Litauen. Er ist die einzige Landverbindung zwischen dem NATO-Hauptkörper und den drei baltischen Staaten. Wird er unterbrochen, sind Estland, Lettland und Litauen von Bündnispartnern abgeschnitten.

Auf der einen Seite des Korridors liegt die russische Exklave Kaliningrad, auf der anderen Belarus. Das russische Militär hat die strategische Bedeutung des Korridors in Übungen und Planungsdokumenten seit Jahren thematisiert. GPS-Störungen, Kabelaktivitäten in der Ostsee und hybride Operationen in der Grenzregion nehmen seit 2023 messbar zu.

Ostschild, Leopard-Panzer, neue Divisionen: NATOs Antwort

Die NATO reagiert auf die wachsende Bedrohungswahrnehmung mit der größten Aufrüstung ihrer Ostflanke seit Jahrzehnten. Polen hat ein Programm namens Ostschild aufgelegt: 2,5 Milliarden US-Dollar für ein 700 Kilometer langes Befestigungsnetz entlang der weißrussischen und russischen Grenze. Seit 2014 hat Polen seine Streitkräfte von 89.000 auf über 216.000 Soldaten ausgebaut und gibt inzwischen 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus.

Deutschland hat seine 45. Panzerbrigade mit 4.800 Soldaten dauerhaft nach Litauen verlegt, ausgestattet mit Leopard-2-Panzern. Weitere Kräfte sollen folgen. Zugleich beteiligt sich die Bundeswehr am Aufbau von Verteidigungsanlagen im polnischen Abschnitt des Suwałki-Korridors.

Ungelöst bleibt die Frage der Verstärkungsgeschwindigkeit. NATO-Planungen sehen vor, im Ernstfall innerhalb von Tagen Verstärkung in die baltischen Staaten verlegen zu können. Ob das angesichts der Infrastruktur und politischen Abstimmungsbedarfe realistisch ist, bezweifeln mehrere Verteidigungsexperten öffentlich.

Verifizierung der Dokumente als nächster Test

Die entscheidende offene Frage ist die Glaubwürdigkeit der geleakten Dokumente. Selenskyjs Büro hat sie nicht veröffentlicht, westliche Geheimdienste haben sich nicht dazu geäußert. Sollten unabhängige Bestätigungen in den kommenden Wochen ausbleiben, verliert die Warnung an politischem Gewicht. Sollten sie eintreffen, steht das Bündnis vor einer Neubewertung seiner Ostflanke, die über die laufenden Programme hinausgeht. Fest steht schon jetzt: Der Transnistrien-Erlass ist kein administrativer Routineakt. Er ist ein Instrument, das Russland nutzen kann, um seinen Rekrutierungspool zu erweitern, ohne eine formale Mobilmachung auszurufen. Sandu nannte das beim Namen. Die Ukraine schlägt seit Monaten Alarm. Die Reaktion der NATO darauf entscheidet, ob die Ostflanke im Ernstfall hält.

Quellen (8)

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