Selenskyj will Russland in 40 Tagen zum Frieden zwingen
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Selenskyj will Russland in 40 Tagen zum Frieden zwingen

Selenskyj hat eine koordinierte 40-Tage-Kampagne gegen russische Energie- und Rüstungsinfrastruktur erklärt. Hinter der Operation steckt eine Rechnung: Wenn Russlands Öleinnahmen weiter sinken, könnte Putin an den Verhandlungstisch kommen.

28. Juni 2026, 15:07 Uhr 872 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Ukrainische Drohnen haben die Moskauer Hauptraffinerie für mindestens sechs Monate außer Betrieb gesetzt, im Krasnodar-Gebiet Tanklager in Brand gesetzt und Ölanlagen in Ufa beschädigt, 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Am 25. Juni erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj diese Angriffsserie zu einer koordinierten 40-tägigen Geheimdienstoperation: Bis zum 4. August soll der Druck auf Russlands Kriegswirtschaft Putin zum Einlenken zwingen. Russlands Ölproduktion liegt bereits 13,5 Prozent unter Vorjahresniveau.

1.500 Kilometer tief in Russland

Die Operation ist kein Novum, sondern die Formalisierung bereits laufender Aktionen. Ukrainische Drohnen treffen seit Wochen russische Energieinfrastruktur in Reichweiten, die noch vor einem Jahr kaum vorstellbar schienen. Im Krasnodar-Gebiet wurde die Raffinerie Slawjansk-na-Kubani beschädigt, in der Region Jaroslawl ein weiteres Ziel. Das Rüstungswerk Titan-Barrikady in Wolgograd, ein Hauptproduzent von Artillerie-Rohren für die russische Armee, gehört ebenfalls zur Zielliste. Besonders weit reichten Drohnen nach Ufa im Ural, rund 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze, tief ins russische Industriehinterland.

Die wirtschaftliche Wirkung ist in russischen Daten ablesbar: Die Produktion von Erdölprodukten sank im Mai im Jahresvergleich um 13,5 Prozent. Insidern zufolge steht die Moskauer Hauptraffinerie nach schweren Schäden für mindestens sechs Monate still. Auf der Krim riefen von Russland eingesetzte Behörden nach weiteren ukrainischen Schlägen gegen Schiffe und Radaranlagen den Ausnahmezustand aus. Die russische Luftverteidigung meldete, 125 von 142 abgefeuerten ukrainischen Langstreckendrohnen abgefangen zu haben. 17 erreichten nach diesen Angaben ihre Ziele.

Das öffentliche Geheimnis

Am Abend des 25. Juni veröffentlichte Selenskyj nach einem Treffen mit SBU-Chef Jewheni Chmara einen Telegram-Beitrag: Er habe eine „40-tägige Geheimdienstoperation” gebilligt. Der Widerspruch, eine geheime Operation öffentlich anzukündigen, ist kein Versehen, er ist Strategie. Kiew sendet damit drei Botschaften gleichzeitig.

An die westlichen Partner, die beim Wiederaufbaugipfel in Danzig gerade mehr als zehn Milliarden Euro für den Wiederaufbau der Ukraine zugesagt hatten: Die Ukraine erzeugt nicht nur Bedarf an Finanzhilfe, sondern auch aktiv militärischen Gegendruck. An die eigene Bevölkerung, die unter anhaltenden russischen Angriffen auf Kiew und andere Städte steht: Der Krieg hat eine Strategie, keine Richtungslosigkeit. Und an Putin: Diese Kampagne hat einen Zeitplan und endet nicht sang- und klanglos.

Selenskyj bezeichnet die Schläge gegen Raffinerien, Rüstungswerke und Öldepots als „Langstrecken-Sanktionen”, in Anlehnung an westliche Wirtschaftssanktionen, die Russlands Kriegskasse auf diplomatischem Weg treffen. Der Unterschied: Diese kommen nicht aus Brüssel oder Washington, sondern fliegen bei Nacht. Und sie treffen Anlagen, deren Reparatur Monate dauert.

Russlands Gegenrechnung

Russland ließ die Angriffsserie nicht unbeantwortet. Raketen und Drohnen trafen in den vergangenen Tagen erneut Kiew und andere ukrainische Städte. Die russische Armee meldete weitere Geländegewinne in der Ostukraine, wenn auch in deutlich langsamerem Tempo als im Winter 2025. Die russische Luftverteidigung wertete die Abfangquote von 125 der 142 Drohnen als Erfolg, doch 17 erfolgreiche Treffer bei einer einzigen Angriffswelle bleiben ein Zeichen, dass die Verteidigungsanlagen keine vollständige Deckung bieten.

Diplomatisch stockt es. Selenskyj hatte Putin Anfang Juni in einem offenen Brief direkte Gespräche angeboten, das erste Mal seit dem russischen Einmarsch im Februar 2022. Putin wies das Angebot ab. Selenskyjs 40-Tage-Plan ist die Antwort: kein weiteres Warten auf Signale aus Moskau, stattdessen messbarer Druck auf die Kriegswirtschaft.

Deadline 4. August

Vierzig Tage nach dem 25. Juni ist der 4. August 2026. Was an diesem Datum konkret passieren soll, ließ Selenskyj offen. Eine Operation mit öffentlichem Countdown hat jedoch zwei Funktionen: Intern zwingt sie zur Konsequenz, weil eine öffentlich gesetzte Frist nicht lautlos verstreichen kann. Extern erzeugt sie Erwartung, an Partner, Kritiker und Gegner.

Beobachter stufen das Datum eher als symbolisch ein denn als militärischen Endpunkt. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Energieinfrastruktur dürften unabhängig davon fortgesetzt werden, sie sind inzwischen ein etabliertes Instrument der Kriegsführung. Die eigentliche Frage ist, ob der akkumulierte ökonomische Druck, fallende Ölexporteinnahmen, ausgefallene Raffineriekapazitäten, höhere Rüstungskosten durch zerstörte Werke, bis zum 4. August ausreicht, um Putin zu einer Kursänderung zu bewegen.

Nach mehr als vier Jahren russischer Verweigerungshaltung gegenüber ernsthaften Verhandlungen liefert die bisherige Bilanz keinen konkreten Anhaltspunkt dafür. Die 13,5 Prozent Produktionsrückgang lassen sich allerdings auch von Moskau nicht wegdiskutieren.

Update 13. Juli, 07:01 Uhr: Die seit Ende Mai laufende ukrainische Logistikblockade („Logistics Lockdown“) gegen die Krim zeigt messbare Wirkung. Ende Mai wurde der Kraftstoffverkauf auf der Krim auf rund 20 Liter pro Person rationiert; Mitte Juni wurden keine neuen Bezugsscheine mehr ausgegeben. Auf der Route R-280 entlang der Asowküste, der wichtigsten alternativen Versorgungsroute für russische Truppen an der Südfront, sank der Fahrzeugverkehr um mehr als 70 Prozent. Die Krimbrücke ist nach Angriffen auf Fährverbindungen und Öldepots die einzige noch halbwegs funktionierende Verbindung zwischen Krim und russischem Festland. Das Verteidigungsministerium bewilligte zusätzliche 100 Millionen Dollar für Mittelstreckendrohnen mit 30 bis 300 Kilometern Reichweite. Bis zum Zieldatum 4. August der öffentlich angekündigten 40-Tage-Kampagne verbleiben noch drei Wochen.

Quellen (14)

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