Selenskyj bietet Putin Direktgespräche an
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Selenskyj bietet Putin Direktgespräche an

Selenskyj erklärte bei der Pressekonferenz mit Rutte seine Bereitschaft zu direkten Putin-Gesprächen ohne US-Vermittlung. Dahinter steckt eine offene Klage: Kyiw fühlt sich aus Washingtons Fokus verdrängt, weil Trump derzeit den Iran priorisiert.

4. Juni 2026, 9:04 Uhr 748 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wolodymyr Selenskyj erklärte am 3. Juni in Kyiw: „Ich bin bereit, direkt mit Putin zu verhandeln, um diesen Krieg zu beenden, anstatt in der Schlange zu warten, bis alle anderen ihre Konflikte beendet haben und es dann erst an uns kommt." Gleichzeitig bestätigte NATO-Generalsekretär Mark Rutte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz, PAC-3-Abfangraketen für die ukrainische Luftverteidigung träfen täglich ein. Dahinter steht eine Klage, die Selenskyj unverblümt aussprach: „Wir sind leider gerade nicht im Rampenlicht. Die Priorität der USA ist derzeit ein Deal mit Iran."

Ruttes Besuch: Was er konkret brachte

Rutte reiste am 3. Juni unangekündigt per Bahn nach Kyiw. Es war sein erster hochrangiger NATO-Besuch seit dem massiven russischen Angriff in der Nacht auf den 2. Juni, bei dem Russland 73 Raketen und 656 Drohnen auf zehn ukrainische Regionen feuerte. 22 Menschen kamen ums Leben. An Bord seines Zuges trug Rutte eine konkrete Zusage: PAC-2- und PAC-3-Abfangraketen für die Patriot-Systeme kämen laut seiner Bestätigung „täglich und wöchentlich" in der Ukraine an. Die Finanzierung des NATO-Programms sei gesichert, mehrere Alliierte hätten Beiträge zugesagt.

Diese Aussage war wichtig. Die Ukraine hatte unmittelbar nach dem Großangriff in einer internen Weisung von Selenskyj an sein Team ein klares Signal gesetzt: Binnen einer Woche müssen alle rechtlichen, finanziellen und technischen Fragen für zusätzliche Patriot-Beschaffungen geklärt sein. Der Patriot-Engpass ist strukturell bedingt: Die US-Rüstungsindustrie produziert nach Angaben des Fachportals Foreign Policy rund 60 bis 65 PAC-3-Raketen pro Monat. Der laufende US-Krieg gegen den Iran hat schätzungsweise die Hälfte der amerikanischen Patriot-Bestände verbraucht. Zwei Konflikte auf zwei Kontinenten teilen sich dieselbe knappe Ressource. Rutte räumte ein, das gewünschte Gesamtvolumen liege über dem derzeit Verfügbaren.

Der Kernsatz und sein Kontext

Selenskyjs Bereitschaft zu direkten Putin-Gesprächen ist keine isolierte Aussage. Die Ukraine warte seit Längerem auf das Eintreffen des US-Verhandlungsteams unter Sondergesandtem Steve Witkoff, erklärte Selenskyj laut Interfax Ukraine. Witkoff sei vollständig mit den Iran-Verhandlungen beschäftigt. Das Ergebnis: Die Ukraine sei „leider gerade nicht im Rampenlicht", während Washington sich auf einen Iran-Deal konzentriere. Selenskyj sagte auch, er wolle nicht warten, bis alle anderen Konflikte dieser Welt beendet seien.

Selenskyj sieht für das Gesprächsangebot auch eine militärische Grundlage. Die intensivierten ukrainischen Angriffe auf russisches Territorium erlaubten es der Ukraine, Verhandlungen „auf Augenhöhe" zu führen. In der Nacht auf den 4. Juni traf die Ukraine die Korvette Boikiy der Baltischen Flotte im Marinehafen Kronstadt, rund 1.100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und setzte ein Ölterminal in St. Petersburg in Brand. Der Angriff fiel unmittelbar mit dem Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) zusammen. Russland meldete, 354 Drohnen abgefangen zu haben. Ballistische Raketen nannte Selenskyj Russlands „letztes Argument": Jedes andere Mittel habe bislang keine strategische Überlegenheit hergestellt.

Russlands unverändertes Nein

Selenskyjs Angebot blieb ohne positive Antwort aus Moskau. Putin hatte seine Bedingungen für ein Treffen am Vortag bekräftigt: Wenn Selenskyj sich treffen wolle, könne er nach Moskau kommen. Ein Treffen an einem anderen Ort komme nur nach Abschluss eines Friedensabkommens in Betracht.

Die russischen Grundforderungen sind seit Monaten unverändert: vollständiger ukrainischer Rückzug aus Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson, Anerkennung der Krim als russisches Territorium, dauerhafter NATO-Ausschluss der Ukraine, Einführung des Russischen als Amtssprache und vollständige Aufhebung westlicher Sanktionen. Das bisher einzige greifbare Ergebnis der Witkoff-Vermittlungen war ein beidseitiger Austausch von je 1.200 Kriegsgefangenen, der im Mai stattfand.

Selenskyj brachte gegenüber Rutte noch einen weiteren Satz in die Debatte: Russland sollte die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine eigentlich wollen. Ein Mitglied der Allianz sei gebunden an deren Regeln und Verfahren, sagte er laut Euromaidanpress. Das sei langfristig berechenbarer als ein dauerhafter Grauzonen-Zustand an Russlands Grenze. Aus Moskau kam keine Reaktion.

Was nach dem 8. Juni auf dem Spiel steht

Trumps selbstgesetzte Frist für einen Iran-Deal läuft am 8. Juni ab. Eine Einigung bis dahin gilt als unwahrscheinlich, die Frist aber als möglicher Wendepunkt: Wenn US-Kapazitäten für Ukraine-Diplomatie freier würden, könnte Selenskyjs direktes Gesprächsangebot als vorbereitende Geste funktionieren. Die NATO-Verteidigungsminister treffen sich in der kommenden Woche in Brüssel. Auf der Agenda steht unter anderem die Frage, welche zusätzlichen Luftverteidigungssysteme kurzfristig in die Ukraine geliefert werden können.

Selenskyj machte deutlich, seine bevorzugte Option sei eine Verhandlungslösung unter Beteiligung der USA und Europas. Direkte Gespräche mit Putin seien eine Alternative, aber nicht die erste Wahl. Für die Ukraine geht es am Ende darum, wer als Garant für eine Einigung steht. Ein US-amerikanisch-europäisch abgesichertes Abkommen bietet mehr Verlässlichkeit als ein Direktgespräch zweier Präsidenten, das von keiner größeren Macht flankiert wird.

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