Angst vor zweiter Front: Ukraine evakuiert den Norden
Belarus hat ukrainischen Forderungen nachgegeben, Signalverstärker für russische Drohnen abzuschalten. Am 22. Juni bestätigte Präsident Selenskyj, die Technik sei außer Betrieb. Drei Tage später ordnete Kiew trotzdem die Evakuierung von Ortschaften in der Region Tschernihiw an der Grenze zu Belarus an. Das Einlenken von Minsk hat die Bedrohung offenbar nicht beseitigt.
Evakuierung in Tschernihiw: Warum Kiew den Norden räumt
Der Leiter der Regionalverwaltung Tschernihiw, Wjatscheslaw Tschaus, gab am 24. Juni über Telegram bekannt, dass Siedlungen nahe der belarussischen Grenze ab dem 1. Juli geräumt werden sollen. Konkrete Ortschaften nannte er nicht und auch die Zahl der betroffenen Bewohner blieb offen. Der Befehl gilt für den unmittelbaren Grenzbereich, dessen Bevölkerung als besonders gefährdet eingestuft wird.
Der Hintergrund liegt Monate zurück. Bereits im Mai hatte Selenskyj öffentlich erklärt, der ukrainische Geheimdienst habe Hinweise, dass Russland Belarus "viel tiefer in den Krieg hineinzuziehen" versuche und Operationen von belarussischem Territorium aus starten wolle. Er habe das Militär angewiesen, die Verteidigung im Norden erheblich zu verstärken. Die Berliner Zeitung berichtete zu dieser Zeit über eine Verstärkung der Nordgrenze in "beispiellosem Ausmaß".
Für die Ukraine hätte eine zweite Front im Norden schwere Konsequenzen. Im Frühjahr 2022 versuchten russische Kräfte von Belarus aus, Kiew einzukreisen. Die Offensive scheiterte. Seitdem ist die Nordukraine militärisch ausgedünnt, weil die Hauptkampfkraft im Donbas und im Süden gebunden ist.
Das Drohnenultimatum: Ein Kompromiss, der keiner ist
Die Evakuierung trotz belarussischem Einlenken ist keine Widersprüchlichkeit, sondern eine Risikokalkulation. Kiew hatte Minsk ein Ultimatum gestellt: die Signalverstärker für russische Drohnen auf belarussischem Gebiet abzubauen. Belarus und Russland wiesen die Vorwürfe zunächst zurück. Am 22. Juni bestätigte Selenskyj dann, die Verstärker hätten aufgehört zu senden.
Doch das bedeutet nur, dass eine konkrete Bedrohung beseitigt wurde, nicht die gesamte. Belarussische Einheiten haben sich nach ukrainischen Geheimdienstangaben in den vergangenen Monaten nahe der Grenze konzentriert. Ob Lukaschenko sie eigenständig einsetzen würde oder ob sie nur als Reserve für russische Operationen dienen, ist aus ukrainischer Sicht ungeklärt. Die Evakuierung ist eine Vorsichtsmaßnahme, kein Kriegsrecht.
3,2 Milliarden aus Brüssel: Erste Tranche des EU-Großdarlehens
Während im Norden Unsicherheit herrscht, gab es am Donnerstag eine klare finanzielle Nachricht: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete in Danzig die Auszahlung der ersten Tranche aus dem 90-Milliarden-Euro-Unterstützungsdarlehen. 3,2 Milliarden Euro fließen sofort nach Kiew. Das Paket war im Dezember 2025 vereinbart worden, aber durch ein ungarisches Veto erheblich verzögert worden.
Von den 90 Milliarden sind 60 Milliarden für Verteidigung vorgesehen: Rüstungskäufe, Munition und Drohnenproduktion. Die restlichen 30 Milliarden gehen als Makrofinanzhilfe in den ukrainischen Staatshaushalt. Von der Leyen kündigte eine zweite Tranche von rund 5 Milliarden Euro speziell für die Drohnenproduktion an, die noch vor Ende Juni folgen soll. Die Hälfte des Gesamtpakets ist für das laufende Jahr vorgesehen.
Die Ukraine Recovery Conference in Danzig, auf der von der Leyen die Ankündigung machte, brachte fast hundert Länder zusammen. Selenskyj war nicht dabei: Der Streit mit Warschau um die Umbenennung einer ukrainischen Militäreinheit nach der UPA hatte die Einladung von Polens Präsident Nawrocki hinfällig werden lassen. Regierungschefin Julija Swyrydenko vertrat Kiew.
Ostfront: Russlands Offensive verliert deutlich an Tempo
Im Osten des Landes dauern die Kämpfe an, aber die Dynamik hat sich verändert. Das Institut für Kriegsstudien (ISW) in Washington dokumentierte, dass russische Kräfte im Mai 2026 nur 7,87 Prozent jener Fläche einnahmen, die sie im Vergleichsmonat Mai 2025 gewonnen hatten. Die Frühjahrsoffensive, mit der Russland erhebliche Territorialgewinne angestrebt hatte, ist nach ISW-Einschätzung weitgehend gestoppt.
Im Raum Slowjansk und Lyman dauern die Gefechte an. Russische Quellen behaupteten Geländegewinne südlich von Lyman und südöstlich von Slowjansk. ISW konnte diese Behauptungen zum Teil nicht bestätigen. Der Bereich zwischen Lyman und dem Eisenbahnknotenpunkt Kramatorsk gilt als strategisch kritisch: Ein russischer Durchbruch hier würde die ukrainischen Versorgungslinien in der Region gefährden.
Bis Ende Juni: Drohnentranche und neue Geheimdienstlage
Zwei Entwicklungen stehen in den nächsten Tagen an. Erstens: Die zweite EU-Zahlung von rund 5 Milliarden Euro für die Drohnenproduktion soll noch vor dem 30. Juni ausgezahlt werden, was Kiews Rüstungsindustrie direkt stärken würde. Zweitens: Die Evakuierung in Tschernihiw beginnt innerhalb der nächsten Woche. Ihre tatsächliche Größenordnung wird zeigen, wie ernst der ukrainische Geheimdienst die Nordbedrohung einschätzt.
Die Frage, ob Belarus tatsächlich als Ausgangspunkt russischer Operationen dienen wird, bleibt offen. Lukaschenko hat mehrfach signalisiert, keinen offenen Krieg führen zu wollen. Gleichzeitig ist sein Spielraum gegenüber Moskau begrenzt. Kiew nimmt die Gefahr ernst genug, um Zivilbevölkerung zu versetzen, bevor sie zu einer bestätigten Bedrohung wird.
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