USA lässt Ölsanktionsausnahme auslaufen
Sechs Wochen lang erlaubte Washington Ländern wie Indien, russisches Seeöl zu kaufen, ohne amerikanische Sekundärsanktionen zu riskieren. Das US-Finanzministerium ließ diese Ausnahmeregelung am Samstag, dem 16. Mai, auslaufen, ohne sie zu verlängern und ohne öffentliche Erklärung. Kritiker im US-Kongress sagen, die Lockerung habe Russlands Kriegskasse gefüllt; die Trump-Regierung hatte argumentiert, sie sei nach dem Ausbruch des Iran-Krieges zur Stabilisierung der Energiemärkte unvermeidlich gewesen.
Hormuskrisis als Auslöser
Die Ausnahme war eine direkte Reaktion auf die Schließung der Straße von Hormus durch iranische Kräfte. Die Blockade unterbrach rund 27 Prozent aller globalen Seeölexporte; der Brent-Rohölpreis stieg von rund 61 Dollar je Barrel Ende Januar 2026 auf über 100 Dollar. Eine strikte Durchsetzung der US-Sanktionen gegen russisches Seeöl hätte das globale Ölangebot weiter verknappt und die Preise noch stärker getrieben. Das US-Finanzministerium gab daher Anfang April eine befristete Sondererlaubnis heraus: Länder, die russisches Seeöl kauften, sollten vorübergehend nicht mit amerikanischen Strafmaßnahmen belegt werden. Eine erste Frist wurde verlängert; die zweite Frist endete am 16. Mai.
Die Ausnahme ergänzte den seit Dezember 2022 geltenden G7-Ölpreisdeckel, der Käufe russischen Öls über 60 Dollar pro Barrel mit Sekundärsanktionen belegen soll. In der Praxis verkaufte Russland seinen Urals-Rohöltyp seit Monaten weit über diesem Deckel; eine konsequente Durchsetzung unterblieb. Die Sondererlaubnis machte die Lücke für sechs Wochen offiziell.
Indien kaufte täglich 1,7 Millionen Barrel
Hauptnutznießer der Ausnahmeregelung war Indien. Im März 2026 importierte das Land laut Marktdaten täglich rund 1,6 bis 1,7 Millionen Barrel russisches Rohöl, zeitweise rund 40 Prozent seiner gesamten Ölimporte. Indische Raffinerien verarbeiteten das russische Öl zu Benzin, Diesel und Kerosin; einen Teil exportierten sie als Raffinierieprodukte in Drittländer weiter. Die Ausnahmeregelung sicherte, dass Indien diese Versorgungskette ohne Komplikationen mit amerikanischen Behörden aufrechterhalten konnte.
Indien ist für Washington eine strategisch wichtige Beziehung. Eine konsequente Sanktionsdurchsetzung hätte indische Raffinerien und Reedereien treffen können und damit Druck auf ein Land erhöht, das die USA in der Indo-Pazifik-Strategie als Gegengewicht zu China positionieren. Die Entscheidung, die Ausnahme zu erlassen, war daher nicht nur ein energiepolitisches Kalkül, sondern auch ein außenpolitisches Signal an New Delhi.
"Putin bereichert": Die Kritik der Senatoren
Im US-Kongress stieß die Ausnahmeregelung auf scharfe Kritik. Die demokratischen Senatoren Elizabeth Warren, Jeanne Shaheen und andere sprachen öffentlich davon, dass die Trump-Regierung Russland einen "Freifahrtschein" ausstelle und Putin bereichere. Russlands Einnahmen aus Öl und Gas betrugen 2025 rund 7,13 Billionen Rubel, umgerechnet rund 79 Milliarden Euro, nach Daten des russischen Finanzministeriums. Das war zwar rund 22 Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch ausreichend, um den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.
Die Trump-Regierung wies den Vorwurf zurück. Sie argumentierte, eine harte Sanktionsdurchsetzung im Kontext der Hormuskrisis hätte die Ölpreise weiter getrieben, westliche Verbündete belastet und letztlich auch die Möglichkeit zur Ukraine-Unterstützung geschwächt. Der strukturelle Zielkonflikt ist real: Wer Russland über Energiepreise isolieren will, riskiert, gleichzeitig die eigenen Bündnispartner zu treffen. China, das ebenfalls massiv russisches Öl kauft, ist von US-Sanktionen ohnehin kaum zu beeindrucken.
Prüfstand für den G7-Preisdeckel
Mit dem Auslaufen der Ausnahme treten die regulären US-Sanktionen gegen russischen Ölhandel wieder uneingeschränkt in Kraft. Für Länder, die russisches Seeöl über dem G7-Preisdeckel von 60 Dollar pro Barrel kaufen, drohen theoretisch Sekundärsanktionen. Ob diese Drohung diesmal konsequenter umgesetzt wird, bleibt unklar.
Europa hat zuletzt auf härtere Sanktionen gedrängt. Deutschland und Frankreich wollen die russischen Öleinnahmen weiter beschneiden; konkrete Schritte wurden beim EU-Rat mehrfach verschoben. Auf dem nächsten G7-Finanzministertreffen dürfte das Thema auf der Agenda stehen. Die Frage lautet, ob Washington dem Druck der europäischen Partner nachgibt oder erneut auf Flexibilität pocht. Die Trump-Regierung hat signalisiert, neue Ausnahmen nicht grundsätzlich auszuschließen, falls die globale Energielage es verlange.
Für die Ukraine ist die Frage existenziell. Russlands Öleinnahmen finanzieren nicht nur den laufenden Krieg, sondern auch die Rüstungsindustrie, die seit 2022 massiv ausgebaut wurde. Jede Milliarde, die durch Sanktionslücken fließt, verlängert den Krieg. Ob das Auslaufen der Frist am 16. Mai einen echten Strategiewechsel einleitet oder nur eine Pause vor der nächsten Lockerung ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
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