0,5 Prozent: Wie Deutschland sein Vermögen verteilt
Wirtschaft

0,5 Prozent: Wie Deutschland sein Vermögen verteilt

Die untere Hälfte der deutschen Bevölkerung besitzt zusammen nur 0,5 Prozent des Nettovermögens. Eine Bundesbank-Erhebung zeigt: Deutschland ist unter vergleichbaren Industriestaaten eines der ungleichsten Länder, mit direktem Einfluss auf die laufenden Koalitionsverhandlungen.

3. Juni 2026, 6:51 Uhr 810 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Ein Gedankenexperiment: Hundert Menschen stehen in einem Raum. Die ärmsten fünfzig von ihnen besitzen zusammen kaum mehr als die reichste einzelne Person. Genau das ist die Realität in Deutschland. Laut Daten des WSI-Instituts der Hans-Böckler-Stiftung entfallen auf die untere Hälfte der Bevölkerung gerade einmal 0,5 Prozent des gesamten Nettovermögens, das obere Zehntel allein hält zwischen 56 und 60 Prozent. Dass diese Zahlen ausgerechnet jetzt in den Mittelpunkt rücken, liegt an den laufenden Koalitionsverhandlungen, in denen Steuerpolitik und Sozialausgaben zur Zentralfrage werden.

Was die Bundesbank misst

Der Gini-Koeffizient misst wirtschaftliche Ungleichheit auf einer Skala von null (vollständige Gleichheit) bis eins (eine Person besitzt alles). Für die Vermögensverteilung in Deutschland ermittelte die Bundesbank auf Basis ihrer letzten Erhebung einen Wert von 0,724. Zum Vergleich: Frankreich liegt bei 0,68, Italien bei 0,61, die Slowakei bei 0,45. Deutschland ist damit unter vergleichbaren Industriestaaten eines der ungleichsten Länder, wenn es um Vermögen geht.

Ein struktureller Faktor erklärt einen Teil der deutschen Besonderheit: Deutschland hat im europäischen Vergleich eine sehr niedrige Wohneigentumsquote. Rund die Hälfte der Bevölkerung mietet. Da Immobilienvermögen den größten Anteil des Privatvermögens ausmacht, fehlt vielen Haushalten der wichtigste Vermögensanker. In Ländern wie Spanien oder Italien, wo Eigentumsquoten bei über 70 Prozent liegen, sind Vermögen breiter gestreut, obwohl Einkommen ähnlich ungleich verteilt sind. Deutschlands Mietkultur ist in ihrer gesellschaftlichen Funktion ein Gleichmacher beim Wohnen, aber ein Verstärker bei der Vermögensbildung.

Das WSI-Institut schlüsselt die Verteilung weiter auf: Das unterste Zehntel der Bevölkerung hat ein negatives Nettovermögen, also faktisch Schulden. Die zweite und dritte Dezile verfügen über sehr geringe Bestände. Erst ab der Mitte wird der Unterschied zur Spitze offensichtlich: Auf das oberste Prozent der Bevölkerung entfallen rund 26 Prozent aller Nettovermögen in Deutschland, der Anteil, den das DIW Berlin auf Basis der World Inequality Database ermittelt.

Warum Erbschaften die Schere weiter öffnen

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), benennt den Hauptmechanismus klar: „Erbschaften sind der wichtigste Grund für die immense Vermögensungleichheit in Deutschland.“ Das DIW hat ausgewertet, dass Erbschaften und Schenkungen inzwischen mehr als 50 Prozent der gesamten Vermögensbildung in Deutschland ausmachen. Für die obere Hälfte der Bevölkerung ist Eigenarbeit damit nur noch ein Nebenbeitrag zum Vermögensaufbau.

Die Konsequenz ist sinkende soziale Mobilität. Wer in eine vermögende Familie geboren wird, startet mit Eigenkapital, Netzwerk und oft besserem Bildungszugang. Wer das nicht mitbringt, muss dieselben Aufgaben ohne Hebel lösen. Fratzscher sieht darin nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem, sondern ein wirtschaftliches: Wenn Talent statistisch seltener in Einkommen und Vermögen mündet, weil das Startkapital fehlt, verliert die Volkswirtschaft Produktivität. DIW-Berechnungen zeigen, dass die Chancenungleichheit in Deutschland über Jahrzehnte zugenommen hat.

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), sieht die Wurzel ergänzend in der Lohnseite: Reallöhne, die seit 2019 stagniert haben, verhindern Vermögensbildung selbst dort, wo sie durch Arbeit und Sparen grundsätzlich möglich wäre. Hohe Mieten in Ballungszentren beanspruchen einen wachsenden Anteil des verfügbaren Einkommens und schließen Eigentumserwerb für breite Schichten faktisch aus. Die DGB-Forderung lautet deshalb: Tariferhöhungen und Arbeitsplatzsicherung sind nicht optional, sondern Voraussetzung für breitere Vermögensbildung.

Was die Koalition debattiert und was sie weglässt

Die Koalitionsparteien stehen mit entgegengesetzten Positionen in den Verhandlungen über Steuerpolitik und Sozialausgaben. SPD und Grüne fordern eine Reform der Erbschaftsteuer sowie die Einführung einer Vermögensteuer auf große Privatvermögen; nach verschiedenen Modellrechnungen könnte eine moderate Vermögensteuer jährlich 25 bis 30 Milliarden Euro einbringen. CDU/CSU lehnen neue Substanzsteuern kategorisch ab und verweisen auf Standortnachteile sowie auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995, das die damalige Vermögensteuer für gleichheitswidrig erklärte.

In diesem Streit fehlt ein systematischer Blick auf Optionen, die weder neue Steuern erfordern noch das Ausgabenniveau senken. Die frühere Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Köln Anne Brorhilker, die 2024 öffentlichkeitswirksam zurücktrat, hatte in mehreren Interviews darauf hingewiesen, dass konsequente Steuerbetrugs-Bekämpfung allein durch bessere Durchsetzung bestehender Gesetze jährlich Milliarden freimachen könnte, ohne neues Steuerrecht. Fachleute schätzen das Potenzial auf bis zu 28 Milliarden Euro pro Jahr. Ähnliches gilt für die Erbschaftsteuer: Eine Schließung bestehender Schlupflöcher, ohne Satzerhöhung, würde nach Berechnungen von Steuerrechtlern das Aufkommen erheblich steigern.

Beide Instrumente spielen in den laufenden Koalitionsgesprächen keine zentrale Rolle. Die öffentliche Debatte reduziert die Finanzierungsfrage auf das Entweder-Oder aus Schuldenbremse und neuen Steuern. Welche Verteilungswirkung das hat, lässt sich an den Daten ablesen: Die Ungleichheit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Haushaltspolitik kaum verändert.

Bis zur Haushaltsdebatte im Juli

Der Koalitionsausschuss trifft sich am 30. Juni, um ein Reformpaket zu beschließen; die Haushaltsdebatte des Bundestags ist für Juli und August 2026 geplant. Bis dahin müssen die Koalitionsparteien zeigen, ob die Datenlage zur Vermögensungleichheit Einfluss auf ihre Entscheidungen hat.

Fratzscher hat daran Zweifel: „Ohne Umverteilung und Investitionen in Chancengleichheit wird der gesellschaftliche Konflikt eskalieren.“ Die Bundesbank wird voraussichtlich 2026 eine neue Vermögenserhebung starten; die Ergebnisse werden für 2027 erwartet. Bis dahin bleibt der Gini-Wert von 0,724 der aktuellste verfügbare Messwert, ein deutliches Zeichen dafür, dass politische Bekenntnisse zur Chancengleichheit bislang kaum in den Zahlen angekommen sind.

Quellen (6)

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