Wasser als Ware: Wie Konzerne Deutschlands Krise nutzen
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Wasser als Ware: Wie Konzerne Deutschlands Krise nutzen

Frankreich zahlt in privat versorgten Gemeinden durchschnittlich 30 Prozent mehr für Trinkwasser. England privatisierte 1989 seine Wasserversorgung vollständig und hat seither ein System, das Flüsse verseucht und Infrastruktur verfallen ließ. Deutschland steht mit maroden Netzen und 800 Milliarden Euro Investitionslücke nun vor denselben Weichenstellungen.

15. Juli 2026, 6:41 Uhr 1847 Wörter · 10 Min. Lesezeit

In 94 deutschen Landkreisen sinkt das Grundwasser auf Tiefststände, die seit Beginn der Messungen nicht verzeichnet wurden. Die Kommunen stehen vor einem Investitionsbedarf von 800 Milliarden Euro, um das marode Wassernetz bis 2045 zu sanieren. Und die Europäische Union hat im Sommer 2025 eine Wasserresilienzstrategie verabschiedet, die ausdrücklich private Investitionen in grenzüberschreitende Wasserinfrastruktur vorsieht. Das sind die drei Zutaten, die Konzerne wie Veolia und Suez seit Jahren brauchen, um Fuß in die deutsche Wasserversorgung zu fassen. Die Geschichte der Wasserprivatisierung in anderen Ländern ist eindeutig: Am Ende zahlten immer die Bürger.

Die Krise als Einstiegstor

Deutschland ist beim Trinkwasser bisher ein europäischer Sonderfall. Während Frankreich zu etwa 40 Prozent privatisiert ist und England 1989 seine gesamte Wasserversorgung an Privatunternehmen übergab, halten hierzulande Kommunen und Stadtwerke rund 90 Prozent der Wasserversorgung in öffentlicher Hand. Das Wasser aus dem Hahn ist zuverlässig sauber und Deutschland verliert mit rund sieben Prozent deutlich weniger Wasser in maroden Leitungen als Frankreich mit 20 bis 26 Prozent oder England mit rund 19 Prozent. Dieser Effizienzvorsprung ist kein Zufall: Er ist das Ergebnis langfristiger öffentlicher Investitionen.

Doch die Grundlage dieses Systems bröckelt. Eine Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) im Auftrag des BUND, veröffentlicht im Juni 2025, zeigt das Ausmaß: In 201 von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten herrscht struktureller Grundwasserstress, weil mehr Grundwasser entnommen wird als sich neu bildet. In 94 Landkreisen hat der Stress akutes Ausmaß erreicht: Dort sind die Grundwasserstände messbar und dauerhaft gesunken. Im Hitzesommer 2023 mussten mehr als 80 Landkreise die Wasserentnahme einschränken.

Gleichzeitig steckt die Infrastruktur in einer Krise, die mit der Klimafrage zusammenwächst. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat 2025 errechnet, dass die deutschen Trinkwassernetze und Abwasserkanäle bis 2045 Investitionen von 800 Milliarden Euro benötigen. Allein in der ersten Dekade sind jährlich 45 Milliarden Euro nötig. Das ist eine Vervierfachung der aktuellen Ausgaben. Deutschlands Wasserrohre wurden zu großen Teilen in den 1950er bis 1970er Jahren verlegt, ihre Nutzungsdauer ist in vielen Fällen überschritten. Verbraucher zahlen inzwischen im Bundesdurchschnitt rund 3,44 Euro pro Kubikmeter Wasser und die Preise steigen seit Jahren kontinuierlich.

Für finanzschwache Kommunen, die bereits unter der Schuldenbremse ächzen, klingt die Beteiligung privater Investoren verlockend. Genau auf diesen Moment warten die großen Wasserkonzerne.

Was private Versorgung tatsächlich kostet

Das Argument für Privatisierung ist immer dasselbe: Private seien effizienter, investierten mehr und senkten die Kosten für die Verbraucher. Die Datenlage aus Ländern, die diesen Weg gegangen sind, zeichnet ein anderes Bild.

In Frankreich, wo Konzerne wie Veolia und Suez seit den 1980er Jahren weite Teile der Wasserversorgung kontrollieren, sind die Preise in privat versorgten Gemeinden laut einer im Wirtschaftsdienst veröffentlichten Studie durchschnittlich 30 Prozent höher als in öffentlich versorgten. Das liegt nicht an besserer Qualität oder mehr Investitionen: Frankreich verliert in seinen Leitungen 20 bis 26 Prozent des eingespeisten Wassers, in Deutschland sind es nur 7 Prozent.

In England, dem einzigen europäischen Land mit vollständig privatisierter Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung, erzielten die großen Wasserversorger jahrzehntelang Betriebsgewinnmargen von 35 bis 38 Prozent und schütteten Milliarden als Dividende aus, während die Infrastruktur verfiel. Thames Water, eines der größten englischen Wasserunternehmen, stand 2024 kurz vor der Insolvenz, nachdem es sich mit Schulden überhäuft und jahrelang zu wenig investiert hatte. Die englische Wasserwirtschaft verliert rund 19 Prozent des eingespeisten Wassers in undichten Leitungen. Die englischen Kunden zahlen heute Höchstpreise für ein System, das Flüsse und Badegewässer mit ungeklärtem Abwasser verseucht.

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags kam in einer Analyse bereits 2013 zum Ergebnis, dass Wasserprivatisierungen in Europa regelmäßig zu Preiserhöhungen und ausbleibenden Infrastrukturinvestitionen führen.

Das Berliner Lehrstück

Deutschland hat seine eigene, gut dokumentierte Erfahrung mit der Wasserprivatisierung. 1999 verkaufte das Land Berlin 49,9 Prozent der Berliner Wasserbetriebe an ein Konsortium aus RWE und Veolia, je 24,95 Prozent. Der Kaufpreis betrug insgesamt rund 1,7 Milliarden Euro. Die Berliner Wasserpreise stiegen in den Folgejahren auf das Niveau der teuersten deutschen Großstadt. Gleichzeitig enthielt der Verkaufsvertrag Gewinngarantien: Das Land Berlin musste die privaten Partner entschädigen, wenn die Gewinne unter eine vertraglich festgeschriebene Mindestrendite fielen, unabhängig davon, ob die Wasserbetriebe tatsächlich wirtschafteten.

Nach einem Volksbegehren, das 2011 die Offenlegung der bislang geheimen Gewinngarantieverträge erzwang und steigendem politischen Druck kaufte das Land Berlin die Anteile zurück: 2012 den RWE-Anteil für 618 Millionen Euro zuzüglich Nebenkosten, 2013 den Veolia-Anteil für rund 590 Millionen Euro zuzüglich Nebenkosten. Der Gesamtrückkauf kostete rund 1,2 Milliarden Euro. Das Land Berlin hatte die Wasserbetriebe 1999 für 1,7 Milliarden Euro verkauft und kaufte einen Teil davon 14 Jahre später für 1,2 Milliarden zurück. Dazu kommen die Summen, die über die Jahre als Gewinngarantie geflossen waren.

Das Berliner Lehrstück steht nicht allein. Rostock rekommunalisierte 2018. Potsdam stieg im Jahr 2000 nach rund zweieinhalb Jahren aus seinem Vertrag mit Eurawasser aus, nachdem das Unternehmen eine Verdopplung der Wasserpreise angekündigt hatte. Solche Ausstiege sind selten und teuer: Die meisten Privatisierungsverträge haben Laufzeiten von 25 bis 30 Jahren, enthalten Mindestrenditeklauseln und verbieten einseitige Ausstiegsoptionen.

Die Lobby am Werk

Der politische Druck für eine schrittweise Öffnung des deutschen Wassermarkts kommt vor allem aus zwei Richtungen: aus Brüssel und aus dem organisierten Interessenvertretungsapparat der Energiewirtschaft.

Im Juli 2024 kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihren politischen Leitlinien eine Europäische Wasserresilienzstrategie an und beauftragte die zuständige Umweltkommissarin ausdrücklich, sowohl öffentliche als auch private Investitionen für grenzüberschreitende Wasserinfrastruktur zu mobilisieren. Die Strategie wurde im Juni 2025 veröffentlicht. Die EU-Kommission beziffert die jährliche Finanzierungslücke für europäische Wasserinfrastruktur auf mindestens 23 Milliarden Euro. Der Deutsche Naturschutzring kritisiert, dass die Strategie zwar viele Ziele formuliert, die konkreten Finanzierungsmittel aber noch nicht ausreichen. Der BUND warnt, EU-Initiativen dürften die lokalen Versorgungsstrukturen nicht untergraben.

Der BDEW, Branchenverband für Energiewirtschaft und Wasserversorgung mit über 2.000 Mitgliedsunternehmen, ist in der EU mit 24 Lobbyisten präsent, fünf von ihnen mit direktem Zugang zum Europäischen Parlament. Seine Mitglieder umfassen nicht nur kommunale Stadtwerke, sondern auch private Betreiber und deren Zulieferer. Die Interessen öffentlicher und privater Versorger, die der BDEW nach außen als gemeinsame Branchenposition formuliert, sind bei der Privatisierungsfrage diametral entgegengesetzt.

Auf globaler Ebene hat der Internationale Währungsfonds in der Vergangenheit Wasserprivatisierung wiederholt als Bedingung für Kreditvergabe an Entwicklungsländer gefordert, was in mehreren afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern die Wasserversorgung für die ärmsten Haushalte faktisch unbezahlbar machte. Die UN-Generalversammlung hat 2010 mit Resolution 64/292 den Zugang zu sauberem Trinkwasser mit 122 Ja-Stimmen als Menschenrecht anerkannt. Die Kommission hat 2014 nach der europäischen Bürgerinitiative Right2water, die zwei Millionen Unterschriften sammelte, klargestellt, dass Wasserdienstleistungen von der EU-Konzessionsrichtlinie ausgenommen bleiben. Die neue Wasserresilienzstrategie mit ihrem Fokus auf private Investitionen öffnet diese Debatte erneut.

Das Gegenmodell ist längst erprobt

Das stärkste Argument für öffentliche Wasserversorgung liefern die Länder, die es anders machen. In Skandinavien, der Schweiz und Österreich ist die Wasserversorgung nahezu vollständig in öffentlicher Hand. Diese Länder haben weltweit die beste Trinkwasserqualität und verhältnismäßig niedrige Preise.

München zeigt, wohin öffentliche Wasserversorgung führen kann, wenn sie strategisch denkt: Die Stadtwerke München investieren seit Jahrzehnten in den ökologischen Landbau im Einzugsgebiet ihrer Wasserschutzgebiete, weil sauberes Grundwasser billiger ist als chemische Aufbereitung. Das Ergebnis ist eine der besten Trinkwasserqualitäten in Deutschland ohne zusätzliche Filtrationsstufen.

Paris liefert das prägnanteste Rekommunalisierungsbeispiel. Die Stadt hatte ihre Wasserversorgung 1985 für 25 Jahre an Suez und Veolia vergeben. Als die Konzerne die Preise über 25 Jahre kontinuierlich erhöhten, entschied die Stadt 2010, die Konzessionen nicht zu verlängern. Ein Jahr nach der Rückübernahme in städtische Hand wurden die Preise um 8 Prozent gesenkt. Es war die erste Preissenkung in Paris seit einem Vierteljahrhundert. Die freiwerdenden Gewinne flossen fortan in Infrastrukturinvestitionen.

ver.di, das die Beschäftigten in der deutschen Wasserwirtschaft vertritt und der BUND fordern, die öffentliche Struktur als nicht verhandelbar festzuschreiben. Der VKU, der kommunale Stadtwerke repräsentiert, teilt diese Einschätzung: Der riesige Investitionsbedarf müsse durch bessere Refinanzierungsmöglichkeiten für Kommunen gelöst werden, nicht durch Privatisierung.

Die Weichenstellung bis 2030

Die Zeitlinie ist konkret. Das Bundeskabinett hat 2023 eine Nationale Wasserstrategie mit 78 Maßnahmen bis 2030 verabschiedet. Die Strategie enthält kein explizites Bekenntnis zur öffentlichen Wasserversorgung und schweigt zur Privatisierungsfrage. Gleichzeitig arbeitet die EU an der Umsetzung ihrer Wasserresilienzstrategie, die privates Kapital für die geschätzte jährliche Finanzierungslücke von 23 Milliarden Euro mobilisieren will.

Für deutsche Kommunen bedeutet das: In den kommenden Jahren werden Entscheidungen über die Refinanzierung ihrer Wasserinfrastruktur fallen. Wenn Schuldenbremse und knappe Bundesmittel den Investitionsbedarf nicht decken, werden einige von ihnen nach privaten Lösungen suchen. Die Gewinngarantien der 1990er Jahre heißen heute öffentlich-private Partnerschaft. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Die Risiken trägt die Allgemeinheit, die Gewinne fließen an Aktionäre.

Der internationale Befund lässt sich in drei Zahlen zusammenfassen: Berlin zahlte rund 1,2 Milliarden Euro, um die Fehler von 1999 zu korrigieren. Paris senkte die Preise um 8 Prozent, sobald Veolia und Suez das Feld räumten. Und Deutschland verliert in seinen öffentlich verwalteten Netzen sieben Prozent des Wassers, Frankreich unter privater Regie mehr als das Dreifache. Wer diese Zahlen kennt, weiß, was auf dem Spiel steht.

Quellen (17)

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