Neunzig Wisente im Kaukasus: Rückkehr nach fast 100 Jahren
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Neunzig Wisente im Kaukasus: Rückkehr nach fast 100 Jahren

1927 wurde der letzte Kaukasische Wisent in freier Wildbahn erschossen. Heute wächst im Shahdagh-Nationalpark in Aserbaidschan eine Herde von 90 Tieren, davon mehr als 25 in freier Wildbahn geboren.

12. Juli 2026, 16:40 Uhr 825 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Achtzehn Wisente brachen im Januar 2026 vom Tierpark Berlin und dem Wisentgehege im Rothaargebirge in Richtung Kaukasus auf. Es war der sechste Transport seit Projektbeginn. Heute leben 90 Europäische Wisente im Shahdagh-Nationalpark in Nordaserbaidschan, darunter neun Kälber, die 2025 dort zur Welt kamen. Was 2019 mit zwölf Zootieren begann, ist das erste Wisentprogramm in der gesamten Kaukasusregion seit nahezu 100 Jahren und eines der aufwendigsten Artenschutzprojekte im postsowjetischen Raum.

Ein Tier, das nur noch in Zoos überlebte

Der Wisent ist das größte Landsäugetier Europas. Ende des 19. Jahrhunderts war er in weiten Teilen des Kontinents ausgerottet, dezimiert durch Jagd und Lebensraumverlust; die beiden Weltkriege besiegelten dann das Schicksal der letzten verbliebenen Wildpopulationen. Im Kaukasus wurde das letzte wildlebende Exemplar 1927 geschossen. Bereits 1921 war das letzte freilebende Tier in Polen, im Białowieża-Urwald, von Wilderern erschossen worden. Was danach noch existierte, waren einige Dutzend Tiere in Zoos. Die Art lebte auf dem Papier weiter, nicht in der Wildnis.

wisent

Die IUCN stufte den Wisent 2020 von „gefährdet“ auf „potenziell gefährdet“ herunter, also eine Kategorie besser. Stand 31. Dezember 2024 lebten weltweit 12.209 Wisente, davon 9.762 in freier Wildbahn. Dieses Comeback hat allerdings ein fundamentales biologisches Problem: Alle lebenden Wisente weltweit stammen von nur zwölf Gründertieren ab, die nach dem Ersten Weltkrieg in Zoos überlebten. Dieser genetische Flaschenhals ist bis heute nicht überwunden. Er kann nur verwaltet werden.

Sechs Transporte, 90 Tiere, 25 Kälber in freier Wildbahn

2017 begannen der Tierpark Berlin, der WWF und das aserbaidschanische Umweltministerium mit dem Bau eines Wiederansiedlungszentrums im Shahdagh-Nationalpark, einem 130.000 Hektar großen Schutzgebiet in den Ausläufern des Großen Kaukasus. Im Jahr 2019 kamen die ersten zwölf Wisente aus europäischen Mitgliedszoos der Europäischen Vereinigung der Zoos und Aquarien (EAZA) an. Seither folgten fünf weitere Transporte.

Den bislang größten Einzeltransport organisierte der Tierpark Berlin im Januar 2026: Achtzehn Tiere kamen nach Aserbaidschan, zwölf aus Berlin, sechs aus dem Wisentgehege im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen. Der Tierpark Berlin koordiniert das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Wisente und bestimmt, welche Tiere in welchen Zoos miteinander paaren, um Inzucht in der weltweit knappen Population zu begrenzen. Genetische Selektion ist hier keine Theorie, sondern operatives Tagesgeschäft.

Nach insgesamt sechs Transporten leben rund 90 Wisente im Nationalpark. 2025 wurden neun Kälber geboren, 2023 zehn. Seit Projektbeginn kamen mehr als 25 Kälber in freier Wildbahn zur Welt, wie Projektdaten vom Juli 2026 belegen. Das ist der entscheidende Nachweis: Die Tiere paaren sich, kalben und überleben in einem Habitat, aus dem ihre Art fast 100 Jahre lang gefehlt hatte. Bis 2028 sollen mindestens 100 wildlebende Adulttiere im Nationalpark leben, weitere 60 Tiere sind bis dahin geplant.

Im Vergleich: Was die 90 Tiere bedeuten

Die weltweit größte Wisentpopulation lebt im polnischen Białowieża-Urwald. Stand 31. Dezember 2024 wurden dort 1.176 Tiere gezählt, bei einem polnischen Gesamtbestand von 2.855 freilebenden Wisenten. Der Białowieża-Bestand begann 1952 mit einer Handvoll Zootieren. Sieben Jahrzehnte später ist er der größte zusammenhängende Wildwisent-Bestand der Erde. Deutschland zählt heute 643 Tiere, darunter eine Herde im Rothaargebirge, die gleichzeitig als Herkunftsgebiet für die Aserbaidschan-Transporte dient.

artenschutz

In Rumänien startete Rewilding Europe gemeinsam mit dem WWF 2014 ein Auswilderungsprogramm in den Südkarpaten. Mehr als 80 Tiere wurden dort umgesiedelt, heute leben über 200 Wisente in drei Gebieten. Im Juni 2024 kamen 14 weitere Tiere aus Deutschland und Schweden dazu. Der Unterschied zum Shahdagh-Projekt ist die geografische Einordnung: Die Karpaten liegen im historischen Verbreitungsgebiet des Wisents. Der Kaukasus liegt nicht darin. Ob die Herde dort langfristig ohne regelmäßige Ergänzungstransporte eine eigenständige, genetisch stabile Population aufbaut, ist die zentrale offene Frage des Projekts.

Was die Herde noch gefährdet

Das Projekt läuft unter internationaler wissenschaftlicher Aufsicht von IUCN, EAZA, WWF und Rewilding Europe. Drei Risiken bleiben dennoch konkret offen.

Das erste ist genetisch. Der Flaschenhals von zwölf Gründertieren lässt sich durch Zuchtprogramme verlangsamen, nicht beseitigen. Hinzufügen einer Überleitung oder den Satz in einen eigenen Risikoabschnitt verschieben: 'Hinzu kommt ein gesundheitliches Risiko: Wisente sind anfällig für Augenerkrankungen, die durch Insekten von Hausrindern übertragen werden.' Im Shahdagh-Nationalpark, wo in Randgebieten Rinderhaltung betrieben wird, ist das ein reales Risiko. Der Tierpark Berlin beobachtet die Herde über GPS-Halsbänder und passt Schutzmaßnahmen fortlaufend an.

Das zweite ist ökologisch. Die ausgewilderten Tiere haben in Zoos keine Erfahrung mit Wölfen gesammelt. Im Kaukasus sind Wölfe präsent. Das ist kein unlösbares Problem, erfordert aber aktives Monitoring in den ersten Jahren der Wiederansiedlung.

Das dritte ist politisch. Der aserbaidschanische Partner IDEA wird von Leyla Aliyeva geleitet, der Tochter von Präsident Ilham Aliyev. Die Heinrich-Böll-Stiftung nannte IDEA in einer Analyse vom November 2024 die „größte Umwelt-GONGO des Landes“, eine staatlich gesteuerte Organisation, die Regierungsinteressen vertritt, statt sie zu kontrollieren. Chatham House und Radio Free Europe kritisierten im selben Jahr, dass Aserbaidschan Natur- und Klimaprojekte vor allem für internationale Imagepflege nutze, während Öl und Gas die Wirtschaft dominierten. Das Wisentprogramm selbst gilt Fachleuten als wissenschaftlich korrekt. Aber der Schutzstatus einer Herde, die von politisch abhängigen Strukturen mitgetragen wird, kann sich ändern, wenn das politische Kalkül sich ändert. Das ist die strukturelle Grenze aller Artenschutzprojekte in autoritär regierten Staaten.

Quellen (11)

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