Nach 600 Jahren: Weißstörche kehren nach London
Im Oktober 2026 soll der erste Weiße Storch seit 610 Jahren in East London zu sehen sein. Die Stadtverwaltung Barking and Dagenham und der London Wildlife Trust haben ein Wiederansiedlungsprojekt im Eastbrookend Country Park in Dagenham genehmigt und mit 500.000 Pfund aus dem London Green Roots Fund finanziert. Für Großbritannien ist das ein ungewöhnlicher Moment: Der Storch gehörte hier so lange zur Stadtsilhouette wie auf dem Kontinent.
1416: Das Ende einer langen Geschichte
Der Weiße Storch (Ciconia ciconia) brütete im mittelalterlichen England auf Kirchentürmen und Stadtmauern, ähnlich wie heute noch in vielen deutschen und polnischen Städten. Die letzte dokumentierte Brut in Großbritannien fand 1416 auf dem Dach der Kathedrale von Edinburgh statt. Was folgte, war kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein langsamer Rückzug über Jahrzehnte. Die Entwässerung von Feuchtgebieten für die Landwirtschaft zerstörte den Lebensraum, auf den Störche zum Fressen angewiesen sind: Frösche, Mäuse, Regenwürmer, Insekten. Jagd und Verfolgung großer Vögel während des englischen Bürgerkriegs taten das Übrige. Der Storch galt in England als Glücks- und Fruchtbarkeitssymbol, dessen Verschwinden niemand aktiv betrieb, aber auch niemand aufhielt.

2020: Das erste Nest nach sechs Jahrhunderten
Das erste moderne Wiederansiedlungsprojekt startete auf dem Knepp Estate in West Sussex. Die Betreiber brachten ab 2019 Jungvögel ein und überließen das Gut einem weitreichenden Wildnisprojekt. 2020 brütete ein Paar erfolgreich auf dem Gelände, das erste in England seit 1416. Das Knepp-Projekt ist seitdem das Referenzprojekt für Storchenwiederansiedlung auf der Insel. Die Erfahrungen dort zeigen, dass Störche bei ausreichender Feuchtgebietsfläche und ruhiger Umgebung vergleichsweise schnell nisten, wenn Jungvögel erst einmal verfügbar sind. Seit 2020 gab es in Knepp mehrere erfolgreiche Brutjahre.
2026: East London bekommt seinen Storch
Das Dagenham-Projekt ist das zweite öffentlich zugängliche Wiederansiedlungsprojekt für Weiße Störche in England. Der Eastbrookend Country Park liegt im Osten Londons, mit Teichen, Weideland und Feuchtbereichen als Lebensraum. Der London Wildlife Trust, die Stadtverwaltung Barking and Dagenham und die Naturschutzorganisation Derek Gow Consultancy haben nach Angaben der Wildlife Trusts eine spezialisierte Voliere gebaut und ein Aufzuchtprogramm für die Freilassung von Jungvögeln geplant. Die 500.000 Pfund stammen aus dem Green Roots Fund des Londoner Bürgermeisters, der damit insgesamt 26 verschiedene Naturschutzprojekte in der Stadt fördert.
Ab Oktober 2026 sollen die Vögel für Besucher sichtbar sein. Parallel läuft ein zweites Projekt im selben Programmrahmen: Biber sollen 2027 in The Chase Nature Reserve in Dagenham eingebracht werden, einem weiteren Feuchtgebiet im Osten der Stadt. Das übergeordnete Programm trägt den Namen Rewilding East London.

Im Vergleich: Störche auf dem Kontinent
Während Weißstörche in England seit Jahrhunderten fehlen, sind sie in Mitteleuropa weit verbreitet. Laut der europäischen Storchenbestandserhebung von 2004 und 2005 lebten damals in Deutschland rund 4.500 Brutpaare, in Polen über 52.000 und damit rund ein Viertel der gesamten Weltpopulation. Beide Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Schutzprogramme aufgelegt: Renaturierung von Feuchtgebieten, Nisthilfenprogramme auf Höfen und in Dörfern, Schutz von Überwinterungsgebieten in Westafrika. In Großbritannien gibt es nach dem Knepp-Projekt jetzt mit Dagenham erst den zweiten Standort.
Ein vergleichbares Muster zeigt die Rückkehr des Seeadlers in Deutschland. In den 1990er-Jahren gab es noch rund 240 Brutpaare, heute zählt der NABU über 1.000 Paare. Auch dort war Lebensraumverlust kombiniert mit direkter Verfolgung der Grund für den Niedergang. Entscheidend war ein aktives Schutzprogramm, das Abschüsse unter Strafe stellte und Brutplätze sicherte. Die Parallele zum Storch: Ohne gezielte menschliche Intervention kommen beide Arten nicht zurück.
Was die Rückkehr skalierbar machen würde
Für Weiße Störche in England fehlen vor allem zwei Voraussetzungen in größerem Maßstab. Erstens ausreichend renaturierte Feuchtgebiete: Ein Storchenpaar braucht in der Brutzeit täglich rund 500 Gramm Nahrung auf Flächen, die in der englischen Agrarlandschaft weitgehend trockengelegt wurden. Zweitens eine kritische Masse von Vögeln. Störche sind Koloniebrüter und meiden Standorte, an denen keine Artgenossen präsent sind. Knepp und Dagenham können diese Keimzellen sein, aber erst wenn Vögel beginnen, selbstständig zwischen Projekten zu wandern, entsteht eine eigenständige Population.
Das Dagenham-Projekt zeigt, dass Wiederansiedlung keine abgelegenen Naturschutzgebiete braucht. Der Eastbrookend Country Park liegt 18 Kilometer vom Zentrum Londons entfernt und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Wenn dort Störche brüten, werden Hunderttausende Stadtbewohner sie sehen. Das schafft Sympathien und politischen Rückhalt für weitere Renaturierungsprojekte, die für eine echte Populationserholung nötig wären.
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