Undav statt Musiala: Deutschlands Wette gegen Paraguay
Deniz Undav hat bei der WM 2026 noch nie in der Startelf gestanden. Gegen Paraguay im Sechzehntelfinale ändert Nagelsmann das. Jamal Musiala, der im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador nicht ein einziges Mal auf das Tor schoss, sitzt auf der Bank. Ob das ein taktisches Experiment ist oder eine überfällige Entscheidung, entscheidet sich im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston.
Null Schüsse: Musiala gegen Ecuador
Deutschland beendete die Gruppenphase als Sieger. Die drei Spiele: 7:1 gegen Curaçao in Houston, 2:1 gegen die Elfenbeinküste in Toronto, 1:2 gegen Ecuador in New York im letzten Gruppenspiel. Trotz der Niederlage reichte es dank besserer Tordifferenz zum Gruppensieg in Gruppe E.
Die Ecuador-Niederlage hinterließ aber Fragen. Vor allem zu Musiala. Der 23-jährige Münchner, der in der Bundesliga zu den besten Spielern seiner Generation zählt, blieb gegen Ecuador über 90 Minuten ohne Schuss auf das Tor, ohne Torvorlage und ohne Tor. Wirtz und Havertz räumten nach dem Abend ein, man habe "das volle Potenzial noch nicht ausgeschöpft". Das war die freundliche Formulierung für eine kollektive Leistungsuntersorgung im entscheidenden Moment.
Nagelsmann zieht die Konsequenz. Zurück kommt Nathaniel Brown, der gegen Ecuador verletzt gefehlt hatte. Dazu beginnt Undav zum ersten Mal in diesem Turnier. "Wir wollen ein bisschen mehr Präsenz im gegnerischen Strafraum haben", begründete Nagelsmann die Entscheidung. "Wir wollen mehr Personal für die Momente in der letzten Linie." Die Botschaft ist unmissverständlich: Gegen eine tiefe Defensive braucht Deutschland einen Stürmer der in die Box geht, keinen Spielmacher der vor ihr kombiniert.
Paraguay nach dem 1:4 gegen die USA
Gustavo Alfaro hat aus einer Niederlage eine taktische Tugend gemacht. Paraguay verlor das erste Gruppenspiel gegen die USA mit 1:4: Eigentor Bobadilla in der 8. Minute, 0:3 zur Halbzeit, Giovanni Reyna in der Nachspielzeit zum 1:4. Eine demütigende Niederlage, gerade gegen den Gastgeber.
Was danach kam, war eine andere Mannschaft. Alfaro strich jedes offensive Risiko und setzte auf zwei kompakte Viererketten vor dem eigenen Strafraum. Paraguay verteidigt tief, lässt kaum Raum hinter der Abwehrlinie und setzt auf schnelle Konter über Miguel Almirón und Julio Enciso auf den Flügeln. In den verbleibenden zwei Gruppenspielen kassierte Paraguay kein einziges Gegentor: 1:0 gegen die Türkei, 0:0 gegen Australien. Als Gruppendritter mit vier Punkten aus drei Spielen zog die Mannschaft ins Sechzehntelfinale ein.
Das ist kein Zufall. In der WM-Qualifikation hatte Paraguay in 18 Spielen nur zehn Gegentore kassiert. Die Defensive ist das Fundament dieser Mannschaft und Alfaro hat dieses Fundament nach dem USA-Desaster wieder freigelegt. Deutschland trifft auf einen Gegner, der genau weiß, was er kann und was er nicht kann.
Was Undav anders macht als Musiala
Musiala ist ein Spielmacher, der zwischen den Linien kombiniert. Er zieht nach innen, dribbliert in kleinen Passdreiecken, kombiniert mit Wirtz und Havertz. Seine Stärken entfalten sich, wenn er Räume hinter der letzten Linie bespielen kann. Gegen Paraguay wird es keine offenen Räume geben.
Undav ist ein anderer Spielertyp. Der Stürmer, der in der vergangenen Saison für den VfB Stuttgart in der Bundesliga konstant Tore erzielt hat, sucht den Strafraum. Er ist ein Abnehmer von Flanken und Hereingaben, ein Spieler, der in der Box präsent ist und Tore erzielen kann, wenn die Vorlage stimmt. Nagelsmanns Idee: Wenn Paraguay tief steht, braucht Deutschland einen Stürmer, der den letzten Schritt macht, keinen Spielmacher, der vor der Verteidigung kombiniert.
Das Risiko: Deutschland verliert an Kreativität im Mittelfelddrittel. Wirtz trägt jetzt mehr Verantwortung als Spielmacher. Dass beide, Wirtz und Havertz, zugegeben haben, ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft zu haben, macht den Plan zu einer Wette mit offenem Ausgang. Immerhin: Die FIFA listet Undav in ihrem offiziellen Power Ranking als bisher besten Angreifer des Turniers, mit 8,37 von zehn möglichen Punkten noch vor Lionel Messi (8,34) und Kylian Mbappé (8,12).
2002, Neuville und die Frage was in Boston zählt
Das letzte WM-Duell zwischen Deutschland und Paraguay fand 2002 in Südkorea statt. Deutschland gewann 1:0, das Tor erzielte Oliver Neuville in der 88. Minute. Roque Santa Cruz spielte für Paraguay. Die Mannschaft von Rudi Völler zog danach ins Finale ein, verlor dort 0:2 gegen Brasilien. Es ist eine der am stärksten erinnerten Szenen in der deutschen WM-Geschichte.
Bei der WM 2026 ist das Turnier ein anderes Format. Mit 48 Mannschaften und einem neuen Sechzehntelfinale gibt es mehr Runden, mehr Überraschungsgegner und mehr K.-o.-Spiele. Deutschland steht erst am Beginn der K.-o.-Phase und Paraguay kommt mit einer defensiven Kompaktheit, die 2002 so nicht existierte.
Was heute Nacht in Foxborough konkret entschieden wird: Kann Deutschland gegen eine tiefe Defensive spielerische Lösungen finden? Die 7:1-Gala gegen Curaçao war kein Test dafür. Der 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste und die Niederlage gegen Ecuador zeigten ein Team, das gegen gleichwertige Gegner kämpft. Paraguay ist der erste K.-o.-Gegner, der nicht gewinnen will, sondern verhindern. Auf diese Aufgabe hat Nagelsmann Undav gesetzt.
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