WMO warnt: 91 Prozent Chance auf neuen Klimarekord
Das Jahr 2024 war mit 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau das heißeste seit Messbeginn. Die Weltwetterorganisation (WMO) erwartet, dass dieser Rekord in den nächsten vier Jahren gebrochen wird, mit 86-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Weit folgenreicher ist eine zweite Zahl in ihrem Bericht vom 28. Mai: Mit 75 Prozent Wahrscheinlichkeit wird der Fünfjahresdurchschnitt 2026 bis 2030 die Marke von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau überschreiten. Das ist genau die Grenze, die das Pariser Abkommen von 2015 als Leitlinie für globale Klimapolitik festgelegt hat.
Was der WMO-Bericht vom 28. Mai sagt
Das WMO-Dokument "Global Annual-to-Decadal Climate Update" erscheint jährlich und fasst die wahrscheinlichsten Temperaturentwicklungen für die nächsten fünf Jahre zusammen. Die diesjährige Ausgabe nennt drei Wahrscheinlichkeiten, die zusammen gelesen ein Bild der kommenden Jahre zeichnen.
Erstens: 91 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass die globale Jahresdurchschnittstemperatur in mindestens einem Jahr zwischen 2026 und 2030 vorübergehend die 1,5-Grad-Schwelle überschreitet. Zweitens: 86 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Jahr in diesem Zeitraum das Rekordjahr 2024 übertrifft, das mit 1,55 Grad über dem Referenzwert 1850 bis 1900 gemessen wurde. Drittens und das ist die Zahl mit dem größten politischen Gewicht: 75 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Fünfjahresdurchschnitt 2026 bis 2030 insgesamt über 1,5 Grad liegt.
Für die Arktis fällt die Prognose noch drastischer aus: Die WMO erwartet für die nächsten fünf Winter Temperaturen von 2,8 Grad über dem Referenzwert 1991 bis 2020 in der Arktisregion. Das entspricht einer regionalen Erwärmung, die global nicht erreichbare Werte schon heute überschreitet.
Warum gerade 2027 das wahrscheinlichste Rekordjahr wird
Die Prognose hängt an einer konkreten Naturvariable: El Niño. Das Klimaphänomen, das alle drei bis sieben Jahre auftritt und die globale Durchschnittstemperatur durch wärmere Pazifikwasser vorübergehend anhebt, wird laut WMO für Ende 2026 erwartet. Der Effekt auf die globale Temperatur tritt typischerweise mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten ein. Das macht 2027 zum wahrscheinlichsten Kandidaten für das nächste Rekordjahr.
Der Mechanismus ist bekannt: 2023 begann ein starkes El-Niño-Ereignis, das 2024 seinen Höhepunkt erreichte und direkt zum Rekordjahr beitrug. La Niña, die kühlende Gegenbewegung, dämpfte 2025 die Temperaturen leicht. Die Prognose für 2027 ist im Kern eine Wiederholung desselben Musters, diesmal auf einem höheren Basisniveau der menschengemachten Erwärmung.
Das Basisniveau steigt kontinuierlich: Jedes Mal, wenn El Niño und menschengemachte Erwärmung zusammentreffen, wird ein höherer Rekord gesetzt als beim vorigen Mal. 1997/98 überschritt die Temperatur erstmals kurz 1,0 Grad, 2015/16 erstmals 1,5 Grad in einem Einzelmonat, 2024 erstmals im Jahresdurchschnitt. Der nächste Zyklus, prognostiziert für 2027, beginnt von einem noch höheren Ausgangspunkt.
Was die 1,5-Grad-Grenze für das Pariser Abkommen bedeutet
Das Pariser Abkommen von 2015 definiert sein 1,5-Grad-Ziel als langfristige Durchschnittserwärmung, gemessen über Jahrzehnte, nicht als Jahreswert. Ein einzelnes Rekordjahr bedeutet damit noch nicht, dass das Ziel formal verfehlt ist. Die WMO betont diesen Unterschied ausdrücklich.
Dennoch hat die Zahl von 75 Prozent für den Fünfjahresdurchschnitt eine andere Qualität als ein einzelnes Rekordjahr: Sie beschreibt nicht mehr eine Spitze, sondern einen anhaltenden Zustand. Wenn der Durchschnitt von fünf Jahren über 1,5 Grad liegt, nähert sich das dem, was das Pariser Abkommen messen will, strukturell an.
Die Kluft zwischen Abkommensziel und realem Emissionspfad ist nach Berechnungen des Climate Action Tracker, einem internationalen Netzwerk von Klimaforschungsinstituten, seit Jahren bekannt: Die aktuellen nationalen Klimaversprechen (NDCs) führen bis 2100 auf rund 2,5 bis 2,7 Grad Erwärmung. WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo hatte das als „Weckruf“ bezeichnet: Der Abstand zwischen den Versprechen und dem tatsächlich nötigen Pfad wachse, nicht schrumpfe.
Zwei Jahre bis zur Entscheidung: El Niño und der Emissionspfad
Für das konkrete Klimamonitoring der nächsten Monate bedeutet die WMO-Prognose: Klimawissenschaftler werden die Entwicklung der Pazifik-Meeresoberflächentemperaturen ab Herbst 2026 genau beobachten. Kühlt der Pazifik nicht wie erwartet, sondern wärmt sich auf, beschleunigt sich der Weg zu einem weiteren Rekord.
Unabhängig von El Niño gibt es eine strukturelle Frage, die der WMO-Bericht nicht beantworten kann: ob die Emissionen in den nächsten Jahren schnell genug sinken, um das Langzeitmuster zu verändern. Die Antwort hängt nicht von Klimamodellen ab, sondern von politischen Entscheidungen in den größten Emissionsländern. Der WMO-Bericht misst, was passiert, wenn die aktuelle Entwicklung anhält. Er beschreibt keine Naturgewalt, sondern die Folgen von Entscheidungen, die noch zu treffen sind.
Kommentare