AfD erstmals stärkste Kraft im ZDF-Politbarometer
Zum ersten Mal in der Geschichte des ZDF-Politbarometers liegt die AfD an erster Stelle. Die seit 1977 von der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF erhobene Traditionsumfrage gilt unter Meinungsforschern als methodisch besonders solide. Dass die AfD hier nun erstmals vor der Union steht, ist kein kurzfristiger Ausschlag, sondern das Ergebnis eines anhaltenden Trends: Die Energiekrise infolge des Irankriegs und der Hormuzblockade erzeugt Verdruss, den die Koalition aus CDU und SPD nicht auffangen kann.
Was das Politbarometer misst und warum es zählt
Das Politbarometer ist Deutschlands älteste regelmäßige Wahlabsichtserhebung. Seit fast fünfzig Jahren befragt die Forschungsgruppe Wahlen repräsentative Stichproben der Bevölkerung. Das Verfahren ist darauf ausgelegt, kurzfristige Stimmungsschwankungen zu dämpfen und strukturelle Verschiebungen abzubilden. Unter den regelmäßig veröffentlichten Umfragen gilt das Politbarometer deshalb als besonders verlässlich.
Im März 2026 lagen CDU/CSU und AfD im Politbarometer noch gleichauf, beide bei 26 Prozent. Im April hat die AfD die Union zum ersten Mal überholt. Bestätigung liefert die YouGov-Sonntagsfrage vom 10. bis 13. April: AfD 27 Prozent, CDU/CSU 23 Prozent, Grüne 14 Prozent, Linke 10 Prozent, SPD 13 Prozent. Die Union verlor innerhalb eines Monats drei Punkte. Die SPD liegt auf dem niedrigsten Wert seit Jahren. Addiert man beide Koalitionspartner, kommen CDU/CSU und SPD gemeinsam auf 36 Prozent: Weit unter der nötigen Mehrheit, würde heute gewählt.
Warum die AfD gewinnt
Hinter den Zahlen steckt kein ideologischer Umschwung, sondern Kostendruck. Diesel kostet derzeit 2,42 Euro pro Liter. Heizöl ist im Jahresvergleich um 44 Prozent teurer. Die Bundesregierung hat am 13. April ein Entlastungspaket beschlossen: eine befristete Energiesteuersenkung um 17 Cent pro Liter und eine steuerfreie Prämie von bis zu 1.000 Euro für Arbeitnehmer. Wer wöchentlich 50 Liter tankt, spart damit monatlich rund 8,50 Euro. Ökonomen und Verbraucherschützer bewerten das als zu wenig für eine Krise, die durch die Hormuzblockade strukturell vertieft wurde.
Die AfD liefert eine andere Erzählung: Rückkehr zur Kernkraft, Abkehr von der EU-Klimapolitik, dauerhafte Energiesteuersenkungen. Ob diese Forderungen die Energiepreise tatsächlich senken würden, ist unter Fachleuten umstritten. Reaktivierte Kernkraftwerke brauchen Jahre und der aktuelle Preisschock ist eine Folge der Hormuzblockade, nicht der Energiewende. Dennoch spricht die AfD damit viele Bürger an, die das Gefühl haben, für geopolitische Krisen zu bezahlen, während die Regierung keine wirksame Antwort liefert.
CDU-Chef Friedrich Merz steht unter Druck von zwei Seiten: Die SPD fordert strengere Eingriffe in den Energiemarkt, die eigene Parteibasis empfindet die Koalitionskompromisse als zu zaghaft. Freie-Wähler-Chef und bayerischer Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger bezeichnete das Entlastungspaket als nicht ausreichend und fordert dauerhafte Steuersenkungen. Die Union verliert Wähler, die ihr Kompetenz zugeschrieben hatten. Die AfD gewinnt Wähler aus einem breiten Spektrum: frühere CDU-Wähler, frühere Nichtwähler und Wähler aus dem mittleren Einkommensbereich, die gestiegenen Energiekosten besonders stark spüren.
Europäisches Muster: Krise stärkt rechtspopulistische Parteien
Deutschland ist kein Einzelfall. Überall in Europa haben steigende Energiepreise in den vergangenen Wochen rechtspopulistische Parteien gestärkt. In Frankreich liegt der Rassemblement National in Umfragen klar vorne. In Italien profitiert Giorgia Meloni von der Unzufriedenheit mit dem EU-Energiekurs. Das Muster ist in allen Ländern ähnlich: Preisschocks erzeugen Vertrauensverlust in Regierungen, die keine schnellen Lösungen liefern können.
In Deutschland kommt ein strukturelles Element hinzu. Die AfD hatte sich in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig auf Migration und innere Sicherheit konzentriert. Mit dem Irankrieg und der Energiekrise hat sie ein zweites Kernthema bekommen, das breitere Wählerschichten anspricht: wirtschaftliche Sicherheit und Energieversorgung. Das verändert das Profil der AfD-Wählerschaft und macht die Partei für Bevölkerungsgruppen attraktiver, die zuvor kein Interesse an ihr hatten.
Koalition vor dem nächsten Koalitionsausschuss
Am kommenden Sonntag, dem 19. April, tagt der Koalitionsausschuss. Die Frage, ob das Entlastungspaket angesichts der weiter erhöhten Rohölpreise nachgebessert werden muss, wird dabei zentral sein. Der Bundestag hat den Gesetzentwurf zur Energiesteuersenkung am 16. April debattiert; die erste Tanksteuersenkung soll ab Anfang Mai an Zapfsäulen spürbar werden.
Die politische Wirkung dieser Maßnahmen auf die Umfragewerte wird sich erst mit einigen Wochen Verzögerung zeigen. Solange die Hormuzblockade andauert, bleibt der Rohölpreis strukturell erhöht und überlagert jede staatliche Steuersenkung. Ob 17 Cent pro Liter für zwei Monate ausreichen, um den Abstand zwischen AfD und Union zu schließen, bezweifeln die meisten Wirtschaftsforscher. Die erste Messung nach dem Inkrafttreten der Steuersenkung wird das nächste Politbarometer in etwa zwei Wochen liefern.