Netanyahu ignoriert Trump, greift Iran an
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Netanyahu ignoriert Trump, greift Iran an

Israel bombardierte Iran trotz eines direkten Appells von US-Präsident Trump. Als Netanyahu Washington überging und Mahshahr unter Beschuss setzte, eskalierte Trump die Drohung: Tel Aviv werde 'allein dastehen'. Der Schlagabtausch der vergangenen 48 Stunden treibt einen Keil zwischen die engsten Verbündeten.

10. Juni 2026, 1:08 Uhr 735 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am frühen Montagmorgen rollten israelische Kampfjets trotz eines persönlichen Anrufs von Donald Trump auf iranische Ziele zu. Nicht als Reaktion auf eine unkontrollierbare Lage, sondern als bewusste Entscheidung: Benjamin Netanyahu hatte dem US-Präsidenten gesagt, Israel nehme sein Recht auf Selbstverteidigung wahr. Was danach folgte, zeigt, wie brüchig die Koordination zwischen Washington und Tel Aviv in diesen Tagen ist.

Trump machte seinen Unmut öffentlich: "I call the shots. I call all the shots. He doesn't call the shots", sagte er dem Nachrichtenportal Axios. Netanyahu war da längst über seinen Anweisungen hinweggegangen.

Von Beirut nach Mahshahr

Den Auftakt zur Eskalation gab Israel am Sonntagabend, dem 7. Juni. Ohne Abstimmung mit Washington bombardierte die israelische Luftwaffe südliche Vororte Beiruts, in denen die Hisbollah ihren Rückzug organisiert. Iran nutzte den israelischen Alleingang als Rechtfertigung: Teheran feuerte in der Nacht mehrere Raketensalven auf Nordisrael ab, die ersten direkten Angriffe auf israelisches Staatsgebiet seit der Waffenruhe vom 8. April. Die iranischen Revolutionsgarden begründeten die Attacke mit wiederholten israelischen Verstößen gegen die Libanon-Waffenruhe. Sirenen heulten über Tel Aviv, Jerusalem und weiten Teilen Nordisraels. Mehrere Zivilisten kamen in Bet Schemesch, Haifa und Ramat Gan ums Leben, Häuser wurden beschädigt.

Trumps Reaktion war unmittelbar. Er rief Netanyahu persönlich an und bat ihn, nicht zu eskalieren. Die USA seien kurz vor einem Abkommen mit Iran, ließ ein US-Regierungsbeamter gegenüber Axios wissen, Trump sei in dieser Frage entschlossen.

Trumps Anruf, Israels Antwort

Netanyahu teilte Trump mit, Israel nehme sein Recht auf Selbstverteidigung uneingeschränkt wahr. Am frühen Montagmorgen griff die israelische Luftwaffe den Petrochemiekomplex in Bandar-e Mahshahr im Südwesten Irans an, der nach israelischen Militärangaben Materialien für Teherans Raketenprogramm produziert. Hinzu kamen Angriffe auf Luftverteidigungsanlagen in Teheran, Isfahan und Täbris. Nach Berichten von CNN und Axios bereitete Israel auch einen signifikanten Großangriff auf Teheran selbst vor. Trump überzeugte Netanyahu, ihn abzusagen.

Iran antwortete mit Raketen auf Haifa und zwei israelische Luftwaffenstützpunkte. Ein AH-64 Apache der US Army wurde in der Straße von Hormus abgeschossen, die Besatzung wurde durch Einheiten der US Naval Forces Central Command binnen zwei Stunden gerettet. Centcom machte Iran für den Abschuss verantwortlich.

Trump steigerte den Druck öffentlich. Netanyahu gegenüber formulierte er laut Axios: "Bibi, du solltest vorsichtig sein, sonst wirst du sehr bald allein dastehen." Kurz darauf akzeptierte Israel die amerikanische Forderung, Angriffe auf iranisches Staatsgebiet einzustellen. Operationen im Libanon will Netanyahu fortführen. Irans Revolutionsgarden erklärten am Montagabend ihrerseits die Einstellung ihrer Gegenangriffe auf Israel.

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas mahnte beim Treffen der EU-Verteidigungsminister im zyprischen Nikosia: "Die Region braucht keine weitere Eskalation. Die Seiten müssen an den Verhandlungstisch." UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich "tief alarmiert" und forderte ein sofortiges Ende aller Angriffe. Der Ölpreis sprang am Montag um 4,4 Prozent auf 97,83 Dollar je Barrel Brent, da Marktteilnehmer erneut eine Unterbrechung der Versorgung durch die Straße von Hormus einpreisten.

Das Muster hinter dem Alleingang

Die vergangenen 48 Stunden spiegeln eine grundlegende strategische Spannung. Trump verfolgt einen umfassenden Deal mit Iran, der Teherans Nuklearprogramm stoppt und Hormus dauerhaft öffnet. Dafür braucht er einen Iran, der nicht bis zur Kapitulation gedrängt wird. Netanyahu hingegen hat ein strategisches Interesse daran, Irans Militärkapazitäten so weit wie möglich zu degradieren, solange amerikanische Präsenz die iranischen Gegenschläge begrenzt hält.

Das Ergebnis ist ein Muster, das sich seit Wochen wiederholt: Israel provoziert im Libanon, Iran antwortet mit Raketen auf Israel, Trump interveniert, beide Seiten stoppen kurzfristig. Der strukturelle Grund dafür liegt darin, dass die Waffenruhe vom April für die Libanonfront keine durchsetzbare Kontrollmechanik enthält. Was Israel auf Hisbollah-Stellungen abfeuert, kann Washington bisher nicht verhindern, solange es die militärische Zusammenarbeit nicht grundsätzlich aufkündigt.

Für Iran bietet genau das einen Ausweg aus der Verhandlungsblockade: Jeder israelische Angriff im Libanon liefert Teheran einen legitimen Vorwand, die Verhandlungen zu unterbrechen oder neue Bedingungen zu stellen. Irans Kernforderung, dass Washington die Libanonfront befriedet, trifft damit den wunden Punkt der amerikanisch-israelischen Koordination.

Bis zum G7 in Évian: Trumps Drei-Tage-Rechnung

Trump erklärte am Montag, die Verhandlungen mit Iran befänden sich in den "Schlussabschnitten", ein Abkommen könne "innerhalb von zwei bis drei Tagen" unterzeichnet werden. Die Straße von Hormus werde "unmittelbar nach Unterzeichnung" geöffnet. Der G7-Gipfel in Évian-les-Bains am Genfer See findet am 15. Juni statt, in fünf Tagen. Ein Abkommen vor dem Gipfel wäre für Trump ein außenpolitischer Triumph ersten Ranges.

Ob die Zeitrechnung aufgeht, hängt davon ab, ob Israel die Libanon-Operationen zurückfährt. Ohne eine klare israelische Zusage, die Hisbollah-Front zu befrieden, hat Iran keinen Anlass, einen Deal zu unterzeichnen, der Teherans Nuklearprogramm beendet, aber israelische Angriffe auf seine Verbündeten nicht stoppt. Netanyahu hat eine solche Zusage bisher nicht gegeben. Aus Washington kam stattdessen die bislang härteste öffentliche Drohung an Tel Aviv seit Kriegsbeginn.

Quellen (12)

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