Brasilien vergibt ersten Aufforstungsauftrag im Amazonas
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Brasilien vergibt ersten Aufforstungsauftrag im Amazonas

Vom Abholzungsrekord unter Bolsonaro zur ersten kommerziellen Aufforstungskonzession: Brasilien zeigt, wie schnell sich Klimaagenda wandeln kann. Das Finanzierungsmodell mit Kohlenstoffgutschriften bietet globales Potenzial, hat aber kritische Schwächen.

12. Mai 2026, 8:39 Uhr 712 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im März 2026 vergab Brasilien erstmals öffentliches Amazonasland an ein privates Unternehmen für kommerzielle Aufforstung: Das Startup Re.green darf 59.000 Hektar degradierter Fläche im Nationalforst Bom Futuro über 40 Jahre renaturieren und dafür Kohlenstoffgutschriften verkaufen. Das ist eine neue Phase in Brasiliens Klimaagenda, die seit dem Regierungswechsel 2023 das Gegenteil von dem versucht, was die Bolsonaro-Jahre hinterlassen haben.

2019 bis 2022: Vier Jahre Rekordabholzung

Unter Präsident Jair Bolsonaro stieg die Abholzung im brasilianischen Amazonas auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. 2021 gingen nach Angaben des brasilianischen Weltraumforschungsinstituts INPE mehr als 13.000 Quadratkilometer Regenwald verloren. Bolsonaro schwächte den Umweltschutz systematisch, entließ Aufseher und förderte die Ausweitung landwirtschaftlicher Aktivitäten in Schutzgebiete. Brasilien, das ein Drittel aller verbleibenden tropischen Regenwälder der Erde beherbergt, lief damit seiner eigenen Klimaverpflichtung davon.

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2023: Der politische Schwenk

Mit dem Amtsantritt von Luiz Inácio Lula da Silva im Januar 2023 änderte sich die Richtung grundlegend. Lula stärkte die Umweltbehörden, erhöhte die Mittel für Schutzgebiete und machte Abholzungsbekämpfung zur Priorität. Die Abholzungsraten sanken daraufhin deutlich auf den niedrigsten Stand seit Jahren. Brasilien trat zudem mit verschärften Zusagen in die internationale Klimadiplomatie zurück und verpflichtete sich, bis 2030 Entwaldung vollständig zu stoppen und zwölf Millionen Hektar Wald wiederherzustellen.

2026: Erste Konzession und wachsende Projekte

Die Vergabe an Re.green im März 2026 ist das bisher deutlichste Signal für das neue Finanzierungsmodell: Der Staat gibt degradiertes Schutzgebiet an ein privates Unternehmen, das darauf auf eigene Kosten Wald aufbaut und seine Einnahmen über Kohlenstoffgutschriften erzielt. Re.green verpflichtete sich, 0,7 Prozent seiner jährlichen Gutschriften-Einnahmen an den Bundesstaat abzuführen, was Schätzungen zufolge rund zwei Millionen Dollar pro Jahr entspricht.

Parallel dazu wächst das Portfolio privat finanzierter Projekte. Mombak, 2021 gegründet, hat auf 3.000 Hektar degradierten Weidelandes im Bundesstaat Pará bis heute 3,6 Millionen Bäume gepflanzt. Das Unternehmen verkauft Kohlenstoffgutschriften an Google und Microsoft, darunter einen Vertrag über 1,5 Millionen Gutschriften an Microsoft aus dem Jahr 2023 sowie einen Google-Folgekauf von 200.000 Tonnen CO2-Entnahme.

Im Vergleich: Was andere Länder zeigen

Costa Rica gilt als bekanntestes Beispiel für erfolgreiche Entwaldungsumkehr. Mitte des 20. Jahrhunderts war die Waldfläche auf etwa 21 Prozent des Landes gesunken. Durch konsequenten Waldschutz, staatliche Zahlungen für Ökosystemleistungen und strikte Regulierung stieg die Bedeckung auf über 60 Prozent. Das gelang über mehr als fünf Jahrzehnte konsistenter Politik.

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Die Muvuca-Direktsaatmethode zeigt zudem, dass Aufforstung schneller skalieren kann als erwartet. Bei diesem Verfahren werden Mischungen aus Saatgut verschiedener Baumarten direkt in den degradierten Boden eingebracht, statt Setzlinge per Hand zu pflanzen. Im brasilianischen Atlantikwald wuchsen auf 1.200 Hektar statt der erwarteten drei Millionen am Ende 9,6 Millionen Bäume, dreimal mehr als geplant. Im Amazonas kommt das Verfahren zunehmend zum Einsatz.

Worauf Kritiker hinweisen

Kohlenstoffgutschriften gelten in Teilen der Umweltforschung als problematisch. Unternehmen, die Gutschriften kaufen, können damit eigene Emissionen bilanziell ausgleichen, ohne sie tatsächlich zu senken. Investigative Berichte haben gezeigt, dass im südlichen Amazonas weite Flächen für betrügerische Kompensationsprojekte illegal angeeignet wurden.

Auch Mombak steht unter Beobachtung. Lise Vieira da Costa, Professorin für Kohlenstoffmärkte an der Bundesuniversität Pará, beschrieb das Projekt in Analysen als „vorsichtig ermutigend“, warnte aber, dass kommerzielle Aufforstungsunternehmen Landspekulation befeuern können, wenn sie lokale Gemeinschaften nicht ausreichend einbeziehen. Mombak war laut eigenen Angaben das erste von 185 überprüften Projekten, das die Kriterien der Symbiosis Coalition für Kohlenstoffbilanz, Biodiversität und Gemeinschaftswirkung erfüllte. Ob Re.green ähnliche Standards anlegt, muss sich erst erweisen.

Vier Jahre bis zum 12-Millionen-Hektar-Ziel

Brasiliens Ziel lautet zwölf Millionen Hektar bis 2030. Das entspricht einer Fläche größer als Griechenland. Die bisherigen Projekte von Mombak bis Re.green bis zu einer Reihe weiterer NGO-Programme summieren sich auf Hunderttausende von Hektar, noch weit vom Gesamtziel entfernt. Das Instituto de Pesquisa Ambiental da Amazônia (IPAM) schätzt, dass zu Beginn des Lula-Mandats rund 30 Millionen Hektar degradierter Amazonasfläche für aktive Restaurierung geeignet wären, mehr als doppelt so viel wie das Zwölf-Millionen-Hektar-Ziel. Das Potenzial ist vorhanden. Was fehlt, ist die rasche Skalierung der Finanzierungsmodelle.

Ob das Ziel erreichbar ist, hängt davon ab, ob das Konzessionsmodell rasch skaliert. Re.greens 59.000 Hektar sind ein erster Beweis, dass öffentliches Land für Renaturierung mobilisiert werden kann. Das Modell lässt sich wiederholen. Für zwölf Millionen Hektar braucht Brasilien viele Wiederholungen und muss dabei die Lehren aus den Fehlern des globalen Kohlenstoffmarkts ernst nehmen. Dass das gelingen kann, ohne lokale Gemeinschaften zu übergehen, hat Mombak in seinen bisherigen Projekten zumindest versucht zu demonstrieren.

Quellen (7)

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