Armenien wählt: Paschinjan gegen Russland und Iran
Am 13. Januar unterzeichneten US-Außenminister Marco Rubio und Armeniens Außenminister Ararat Mirzoyan den Umsetzungsrahmen für den TRIPP-Korridor, kurz für Trump Route for International Peace and Prosperity: eine 43 Kilometer lange Transitroute durch Südkaukasien, an der die USA 74 Prozent halten sollen. Was seither passiert ist, hat Russland und Iran in seltener Einigkeit gegen dieses Projekt vereint. Heute stimmen 2,5 Millionen Armenier darüber ab, ob dieser Korridor kommt.
Was der Korridor mit dieser Wahl zu tun hat
Der TRIPP-Korridor soll das aserbaidschanische Kerngebiet mit der abgetrennten Exklave Nachitschewan verbinden und als Transitroute von Europa nach Asien dienen. Eine TRIPP-Entwicklungsgesellschaft soll Schienen, Straßen, Energie- und Datenleitungen errichten: 74 Prozent Anteil für die USA für eine Laufzeit von 49 Jahren, 26 Prozent für Armenien. Armenien behält volle Souveränität über die Transitzone. Der Baubeginn ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant.
Für Moskau ist das ein Affront: Russland favorisiert den konkurrierenden Zangezur-Korridor, der unter türkisch-aserbaidschanischer Kontrolle bliebe und den US-Einfluss im Südkaukasus blockieren würde. Für Teheran ist der TRIPP noch bedrohlicher. Der Korridor würde Irans direkte Landverbindung mit Armenien und Russland unterbrechen. Seit dem amerikanisch-israelischen Angriff im Februar 2026 hat sich Teherans Haltung nach Einschätzung des Carnegie Endowment for International Peace verhärtet: Iran lehnt den Korridor nun kategorisch ab und koordiniert den Widerstand enger mit Moskau. Die armenische Parlamentswahl ist damit zugleich eine Abstimmung über Irans regionalen Einfluss.
Achtzehn Parteien, zwei Lager
Achtzehn Parteien und Bündnisse treten an, aber die Wahl dreht sich im Kern um zwei Optionen. Premierminister Nikol Paschinjan, seit 2018 im Amt, führt die Zivilvertrag-Partei. Die drei prorussischen Oppositionsbündnisse werden von unterschiedlichen Figuren geführt: Das Bündnis Starkes Armenien steht hinter dem russisch-zypriotischen Unternehmer Samvel Karapetyan, der nach armenischem Verfassungsrecht nicht selbst kandidieren darf. Das Armenia-Bündnis leitet der ehemalige Präsident Robert Kocharjan, gegen den jahrelang wegen der Niederschlagung von Protesten 2008 ermittelt wurde, ohne dass es zu einer Verurteilung kam. Gagik Tsarukyan führt Prosperous Armenia.
Alle drei Bündnisse lehnen den TRIPP ab. Alle drei wollen die Beziehungen zu Moskau normalisieren. Für eine Regierungsmehrheit müssten mindestens zwei davon kooperieren. Personell und ideologisch sind sie jedoch zerstritten.
Umfragen zwischen 29 und 65 Prozent
Die Messung der Wählergunst hat in diesem Wahlkampf erhebliche Verwirrung gestiftet. Das Breavis-Institut befragte zwischen dem 5. und 11. Mai 1.551 Armenierinnen und Armenier und kam auf 65 Prozent Unterstützung für die Zivilvertrag-Partei, aber nur unter denjenigen, die ihre Entscheidung bereits getroffen hatten. In der Gesamtstichprobe lag der Wert bei 32 Prozent, unter den als wahrscheinliche Wähler eingestuften Befragten bei 38 Prozent. Das International Republican Institute hatte zuletzt denselben Korridor gemessen: 32 bis 38 Prozent. PolitPro kommt auf Basis aggregierter Daten auf 47 Prozent.
Der Grund für die Divergenz: 22 Prozent der Armenier sind laut dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOIS) unentschlossen, ein außergewöhnlich hoher Anteil. Telefonbefragungen erreichen ältere, russlandnähere Wähler häufiger als Online-Panels. Das Caucasian-Knot-Portal verweist auf eine strukturelle Besonderheit armenischer Wahlen: Hohe Wahlbeteiligung begünstigt typischerweise die Opposition, nicht den Regierungschef. Ob Paschinjans Mobilisierung oder die der Oppositionsbündnisse stärker ist, bleibt offen.
Der Wahlkampf und seine Verwerfungen
In den letzten Wochen kursierten zwei Videos, die den Wahlkampf bestimmten. Im ersten ist Paschinjan in der Jerewaner U-Bahn zu sehen, wie er einen Veteranen des Karabach-Kriegs anschreit: Warum bist du nicht gefallen? Der Mann wurde anschließend von der Polizei festgenommen und trat in den Hungerstreik. Im zweiten wandte er sich konfrontativ an eine Vertriebene, die Tochter eines gefallenen Soldaten und zeigte ihr eine Landkarte Armeniens ohne Artsakh. Paschinjans Unterstützer sehen beide Clips als Produkte einer russischen Desinformationskampagne. Die Opposition wertet sie als Charakterzeugnis.
Russlands Einflussnahme ist dokumentiert. Westliche Geheimdienste berichten, ein Kreml-naher Plan habe vorgesehen, rund 100.000 in Russland lebende Armenier vor dem Wahltag einzufliegen, Kosten: rund 50 Millionen Dollar. Da Armenien keine Stimmabgabe aus dem Ausland erlaubt, müssen Wähler physisch im Land sein. Armenische Wahlbehörden erklärten das Vorhaben für logistisch kaum umsetzbar. Parallel betrieb die Russian Social Design Agency nach Euronews-Recherchen über 50.000 Wikipedia-Klon-Websites, um KI-Systeme mit Kreml-Narrativen zu vergiften; 343 gefälschte Videos wurden bis Anfang Mai publiziert.
Heute Abend entscheidet sich der Kurs des Korridors
Die Wahllokale öffnen heute um 8 Uhr Ortszeit (4 Uhr UTC) und schließen um 20 Uhr (16 Uhr UTC). 2.005 Wahllokale stehen bereit, 2.485.232 Armenier sind wahlberechtigt. Die OSZE hat eine Beobachtungsmission mit 250 Experten aus über 30 Ländern akkreditiert. Erste Hochrechnungen sind für den Abend erwartet.
Wenn Paschinjan gewinnt, beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit Moskau: Die Eurasische Wirtschaftsunion hat eine Mitgliedschaftsüberprüfung bis Dezember 2026 angekündigt. Das russische Gaspreis-Vorzugsabkommen für 177 Dollar je Tausend Kubikmeter steht zur Disposition; der europäische Marktpreis liegt mehr als dreimal so hoch. Der TRIPP-Baubeginn ist für Herbst 2026 geplant. Für den Friedensvertrag mit Aserbaidschan, der eine neue armenische Verfassung ohne Bergkarabach-Verweise voraussetzt, wäre zusätzlich eine separate Volksabstimmung nötig.
Wenn die Opposition gewinnt, ist der TRIPP vorerst Geschichte. Der im Januar vereinbarte Umsetzungsrahmen wäre hinfällig, der Baubeginn im Herbst entfiele. Ein prorussisches Armenien würde auch den Friedensprozess mit Aserbaidschan belasten: Kocharjan und Karapetyan lehnen die dabei vorgesehenen Territorialkonzessionen ab, die den Korridor erst ermöglichen würden.
Aktualisierungen
Update 8. Juni, 09:15 Uhr: Paschinjan hat die Parlamentswahl gewonnen. Erste Hochrechnungen nach Auszählung von etwa einem Viertel der Wahllokale zeigten seine Zivilvertrag-Partei bei rund 54 Prozent. Das prorussische Bündnis Starkes Armenien von Samvel Karapetyan kam auf etwa 22 Prozent, das Armenien-Bündnis des früheren Präsidenten Robert Kotscharjan auf rund acht Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 59 Prozent, rund zehn Prozentpunkte höher als bei der Parlamentswahl 2021. Paschinjan bezeichnete das Ergebnis als historischen Sieg seiner Partei. Die OSZE-Beobachterleiterin Farah Karimi verwies auf eine beunruhigende Polarisierung des Wahlkampfs. Mit dem Ergebnis ist der Weg für den TRIPP-Korridor politisch frei: Der geplante Baubeginn im Herbst 2026 bleibt auf Kurs.
Update 8. Juni, 13:10 Uhr: Die abschließenden Wahlergebnisse präzisieren die frühen Hochrechnungen: Paschinjans Zivilvertrag-Partei erzielte 49,8 Prozent der Stimmen, das prorussische Bündnis Starkes Armenien 23,3 Prozent, das Armenien-Bündnis des früheren Präsidenten Robert Kotscharjan rund zehn Prozent. Paschinjan erhält damit 64 der 105 Parlamentssitze. Russlands Reaktion auf Armeniens Westkurs fiel bereits vor der Wahl scharf aus: Putin hatte am 29. Mai beim Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion in Astana vor einem „ukrainischen Szenario" gewarnt und behauptet, die Ukraine-Krise habe mit EU-Beitrittsambitionen begonnen. Er forderte ein Referendum über Armeniens EU-Kurs und drohte, armenische Staatsbürger würden bei Übernahme von EU-Standards für Arbeit in Russland Genehmigungen benötigen. Das Außenministerium in Moskau rief seinen Botschafter in Jerewan zu Konsultationen zurück. Paschinjans 49,8 Prozent sind das deutliche Votum gegen diese Drohkulisse. Die eigentliche Auseinandersetzung mit Moskau beginnt jetzt.
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