Paschinjans Sieg: 64 Sitze für den Westkurs
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Paschinjans Sieg: 64 Sitze für den Westkurs

Mit 49,8 Prozent gewann Nikol Paschinjan die armenische Parlamentswahl. Seine Partei Zivilvertrag erhält 61 der 105 Sitze und damit eine absolute Mehrheit. Russland scheiterte mit seiner Druckkampagne, konnte aber fast 37 Prozent der Wähler für prorussische Parteien mobilisieren.

8. Juni 2026, 20:38 Uhr 665 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Nikol Paschinjan gewann die armenische Parlamentswahl mit 49,8 Prozent und sichert Armeniens EU-Kurs für die nächste Legislaturperiode. Das überraschendere Ergebnis steht dahinter: Fast 37 Prozent der Wähler stimmten für prorussisch ausgerichtete Parteien. Russland hat die Wahl verloren, seinen Einfluss auf den Südkaukasus aber nicht.

61 Sitze und die Kräfteverhältnisse dahinter

Paschinjans Partei Zivilvertrag erhält 64 der 105 Sitze in der Nationalversammlung, eine absolute Mehrheit, die Koalitionsverhandlungen überflüssig macht. Stärkste Oppositionskraft wird der prorussische Parteiblock Starkes Armenien des Milliardärs Samwel Karapetjan mit 23,3 Prozent. Ex-Präsident Robert Kotscharjans Bündnis Armenien erhielt 9,9 Prozent und die Partei Blühendes Armenien zog mit genau vier Prozent ins Parlament ein. Zusammen kommen die drei Oppositionsparteien auf 37,2 Prozent, alle mit prorussischer oder zumindest russlandfreundlicher Ausrichtung.

Bemerkenswert ist die Wahlbeteiligung: 59 Prozent der 2,5 Millionen Stimmberechtigten gingen zur Wahl, zehn Prozentpunkte mehr als 2021. Armenische Parlamentswahlen sind üblicherweise von Apathie geprägt. Der Anstieg deutet darauf hin, dass beide Lager mobilisiert wurden: Paschinjans Anhänger sahen den EU-Kurs auf dem Spiel, Karapetjans Basis sah die Möglichkeit einer Wende zurück zu Russland.

Russlands Druckkampagne: Gescheitert, aber nicht wirkungslos

Moskau hatte die Wochen vor der Wahl gezielt genutzt, um Paschinjan zu schwächen. Russland verhängte Einfuhrverbote für armenische Produkte und drohte mit einer massiven Erhöhung des Gaspreises: von derzeit 177 US-Dollar auf über 600 Dollar pro tausend Kubikmeter, falls Paschinjan im Amt bleibt. Dieser Druck hat Paschinjans Sieg nicht verhindert.

Die wirtschaftliche Verwundbarkeit Armeniens gegenüber Russland bleibt der Kern des Problems. Rund 95 Prozent des armenischen Erdgasbedarfs werden über russische Pipelines geliefert, Lieferant ist die russische Staatsgesellschaft Gazprom. Ein Gaspreisanstieg von 177 auf 600 Dollar würde armenische Haushalte und die energieintensive Wirtschaft unmittelbar treffen. Bislang hat die EU kein konkretes Angebot auf dem Tisch, das diese Abhängigkeit kurzfristig ersetzen könnte.

Dass Karapetjan dennoch auf 23,3 Prozent kommt, zeigt aber die Grenzen des armenischen Westschwenks. Fast jeder vierte Wähler optierte explizit für eine Partei, die engere Beziehungen zu Russland anstrebt. Für Moskau ergibt sich daraus ein Dilemma: Eine weitere Eskalation des Gasdrucks würde Armenien beschleunigt in Richtung EU-Energiealternativen treiben. Ein Rückzieher wäre ein Gesichtsverlust. In der Vergangenheit hat Moskau bei ähnlichen Situationen in Georgien und der Ukraine wirtschaftliche Vergeltung nicht ausgeschlossen.

Brüssels Reaktion und der Korridor

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Paschinjan unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse. Armenien rücke Europa „immer näher”, schrieb sie auf X. Und: Armenien könne „ein regionaler Knotenpunkt für neue Handelsrouten werden”. Diese Formulierung ist kein Zufall, sie ist ein direkter Verweis auf den TRIPP-Korridor, auch wenn der Name nicht fiel.

US-Außenminister Marco Rubio hatte im Januar 2026 den Umsetzungsrahmen für den TRIPP-Korridor unterzeichnet: ein 43 Kilometer langes Infrastrukturprojekt, das aserbaidschanische Kerngebiet mit der Exklave Nachitschewan verbinden soll, an dem die USA 74 Prozent der Entwicklungsgesellschaft halten würden. Russland und Iran bekämpften das Projekt, weil es eine von Moskau und Teheran unabhängige Handelsroute von Europa nach Asien schaffen würde. Paschinjans Sieg hält diese Option offen.

Der TRIPP-Korridor als erste Bewährungsprobe

Doch Paschinjan wird nicht ungehindert verhandeln können. Laut Umfragen vor der Wahl sprach sich knapp die Hälfte der armenischen Bevölkerung gegen den Korridor aus. Die Skepsis hat konkrete Gründe: Ein aserbaidschanisch-armenischer Transitkorridor durch Südarmenien könnte Baku in eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Eriwan bringen. Kotscharjans Bündnis Armenien hatte den Korridor im Wahlkampf als Souveränitätsverlust gebrandmarkt.

Der geografische Kern der armenischen Skepsis ist die Provinz Sjunik, ein schmaler Gebirgskorridor im Süden des Landes. Genau durch dieses Territorium würde der TRIPP-Korridor verlaufen. Sjunik grenzt im Osten und Westen an Aserbaidschan und ist die strategisch verwundbarste Region Armeniens. Ein Transitabkommen mit Baku über Sjunik weckt Erinnerungen an die Debatten nach dem Zweiten Karabachkrieg 2020, als Aserbaidschan einen vergleichbaren Durchgangsweg forderte.

Paschinjan regiert mit 61 Sitzen ohne Koalitionspartner. Seine Mehrheit ist stabil, aber keine Zwei-Drittel-Mehrheit, die für Verfassungsänderungen nötig wäre. Der politische Spielraum für den TRIPP-Korridor ist vorhanden, das gesellschaftliche Mandat dafür fehlt noch. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Paschinjan die armenische Skepsis durch konkrete Souveränitätsgarantien im Verhandlungsrahmen abbauen kann oder ob der Korridor an innenpolitischem Widerstand scheitert, bevor Russland oder Iran ihn von außen stoppen müssen.

Quellen (8)

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