Bis 2030 kein Job ohne KI: Bas' These und ihre Lücken
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Bis 2030 kein Job ohne KI: Bas' These und ihre Lücken

Auf der re:publica hat Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas eine klare These aufgestellt: KI vernichtet keine Stellen, sie verändert sie. Was das konkret bedeutet, hängt von einer Zahl ab, an der Deutschland schon jetzt scheitert.

23. Mai 2026, 22:39 Uhr 929 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Bis 2030, sagt Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, wird jeder Job in Deutschland KI-Bezug haben. Künstliche Intelligenz vernichtet Stellen nicht, sie wandelt sie um. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stützt diese These im Grundsatz. Die entscheidende Bedingung: Deutschland müsste in vier Jahren seine Weiterbildungsquote von 58 Prozent (Stand 2022) auf 65 Prozent treiben und dabei das chronische Defizit gegenüber dem EU-Durchschnitt überwinden. Beides ist möglich. Beides ist nicht wahrscheinlich, solange die Politik gegensätzliche Signale sendet.

Was Bas auf der re:publica ankündigte

Auf der Digitalkonferenz re:publica 26 in Berlin legte die SPD-Politikerin im Mai ihre Einschätzung zur KI-Arbeitswelt in eine Formel: "KI führt eher zum Jobumbau als zum Jobabbau." Das war kein Trost, sondern ein Programm. Bas bezifferte den Zeithorizont auf 2030, bis dahin erwartet sie keinen Job mehr ohne KI-Relevanz und nannte ein konkretes Ziel: Die Weiterbildungsbeteiligung von Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren soll von derzeit 58 auf 65 Prozent steigen. Sieben Prozentpunkte in vier Jahren, bei einer Beteiligung, die seit dem COVID-Hochpunkt 2020 (60 Prozent) wieder gesunken ist.

Regulierung soll dabei auf mehreren Ebenen greifen. Das geplante Beschäftigtendatengesetz soll festlegen, unter welchen Bedingungen Arbeitgeber KI-Systeme bei Einstellungs- und Kündigungsentscheidungen einsetzen dürfen. Parallel arbeitet ein Expertengremium mit Digitalminister Wildberger an der Digitalisierung von Bund, Ländern und Kommunen. Die Europäische Plattformrichtlinie soll den Status von Gig-Economy-Beschäftigten klären, die besonders ungeschützt gegenüber algorithmischer Steuerung sind. Für KI-gestützte therapeutische Anwendungen forderte Bas Warnhinweise.

Ihre Botschaft lautete auf der re:publica: "Die Zukunft unseres Landes legen wir nicht in die Hände von irgendwelchen Tech Bros." Das soll Gestaltungsanspruch signalisieren, nicht Technikfeindlichkeit.

Was die IAB-Forschung zeigt

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hat mit dem Job-Futuromat die technische Substituierbarkeit von rund 4.600 Berufen gemessen. Das Ergebnis ist differenzierter als die öffentliche Debatte suggeriert. Berufe verschwinden selten vollständig, sie transformieren sich. Als Beispiel führt das IAB die Steuerfachangestellten an: Vor der Neuordnung des Berufsbilds 2023 lag das Substituierbarkeitspotenzial bei 100 Prozent, danach bei 50 Prozent. Der Beruf hat sich nicht aufgelöst, er hat neue Kernaufgaben bekommen.

IAB-Forscherin Britta Matthes betont: "Es geht nicht darum, was KI uns wegnehmen könnte, sondern welche Chancen entstehen." Das ist eine Aussage über Möglichkeiten, keine über Gewissheiten. Die technische Machbarkeit einer Automatisierung bedeutet nicht, dass sie stattfindet. Betriebswirtschaftliche Kosten, rechtliche Rahmenbedingungen und soziale Akzeptanz bremsen die Umsetzung.

Die Adoptionskurve ist trotzdem steil. Laut einer IAB-Erhebung vom Mai 2026 nutzten bereits 2025 ein Viertel aller deutschen Unternehmen generative KI, gegenüber fünf Prozent im Jahr 2023. Der Digitalverband Bitkom zählt breiter und kommt auf 41 Prozent aller Firmen, die KI in irgendeiner Form einsetzen. Beide Zahlen zeigen dasselbe Muster: Der Einsatz läuft schneller als die Regulierung.

Das Nadelöhr Weiterbildung

Die Weiterbildungsbeteiligung ist die kritische Variable, an der die Jobumbau-These steht oder fällt. Der Stand ist nicht komfortabel. Deutschland lag nach den Daten des Adult Education Survey 2022 bei einer Beteiligung von 58 Prozent, vier Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt. Der Hochpunkt von 60 Prozent entstand 2020, als die Pandemie die Nutzung digitaler Lernangebote kurzfristig erhöhte. Seitdem ist die Quote wieder gesunken.

Das IAB hat in einer Analyse zur betrieblichen Weiterbildung dokumentiert, dass "die erhoffte Trendwende ausbleibt". Wenn Unternehmen unter wirtschaftlichem Druck stehen, kürzen sie bei der Weiterbildung. Das ist strukturell problematisch, weil KI-Druck und wirtschaftliche Unsicherheit gleichzeitig auftreten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnte in seiner Sonderausgabe zum Thema KI im Februar 2026 vor dem, was der Ökonom Daron Acemoglu "so-so-automation" nennt: KI, die Arbeit in großem Maßstab verdrängt, ohne die Produktivität proportional zu steigern. Das wäre die schlechteste Variante: Stellenabbau ohne den Produktivitätsgewinn, der Weiterbildungsinvestitionen finanzierbar macht. Wenn Unternehmen weniger verdienen und gleichzeitig Stellen abbauen, schrumpft auch der betriebliche Weiterbildungsetat.

Wer das Risiko trägt

Bas benannte auf der re:publica einen Gender Gap, der selten thematisiert wird: Frauen nutzen KI im Beruf seltener als Männer, besonders ausgeprägt in der Generation Z. Das ist paradox, weil Frauen insgesamt häufiger an Weiterbildungen teilnehmen als Männer. Die KI-spezifische Nutzungslücke deutet auf ein Zugangs- oder Kulturproblem hin, das durch allgemeine Weiterbildungsquoten nicht gelöst wird. Wer an der Fortbildung teilnimmt, aber das Gelernte nicht anwendet, hat keinen Vorteil im Umbau.

Das IAB sieht besondere Risiken in Hilfstätigkeiten, Fertigungsberufen und zunehmend auch in IT-Positionen mit repetitivem Aufgabenprofil. Stabil bleiben Berufe in der sozialen Arbeit, im Pflegebereich und in der Pädagogik, also Tätigkeiten, die auf menschliche Empathie und persönliche Interaktion angewiesen sind. Das klingt nach einer natürlichen Schutzzone, ist es aber nur bedingt: Das sind häufig Branchen mit ohnehin niedrigen Löhnen und unterdurchschnittlicher betrieblicher Weiterbildung.

Was Ende 2026 entschieden wird

Das Beschäftigtendatengesetz, das Bas noch für 2026 angekündigt hat, ist die konkreteste legislative Weichenstellung. Es würde erstmals verbindlich definieren, welche KI-gestützten Entscheidungen über Karrieren erlaubt sind und welche Auskunftsrechte Beschäftigte haben. Ohne diesen Rechtsrahmen können Arbeitgeber KI-Systeme bei Beurteilungen einsetzen, ohne dass Betroffene davon erfahren.

Ob die Weiterbildungsquote den Weg von 58 auf 65 Prozent findet, hängt jedoch auch davon ab, ob Beschäftigte dafür Zeit bekommen. Der Arbeitszeitgesetzentwurf, den Bas' Ministerium im Juni 2026 vorlegen will, geht in die entgegengesetzte Richtung: Tage mit bis zu 13 Stunden sollen möglich werden. Das IAB hat in seinen Forschungsdaten dokumentiert, dass Beschäftigte mit langen Arbeitstagen weniger Fortbildungen absolvieren. Die Arbeitsministerin arbeitet damit an zwei Gesetzen gleichzeitig, die unterschiedliche Ziele verfolgen.

Bas' Optimismus hat eine reale Basis in der Forschung. Das IAB zeigt, dass Berufe sich wandeln, nicht verschwinden und dass Transformation möglich ist. Ob er auch eine reale Basis in der Politik findet, hängt davon ab, ob das Beschäftigtendatengesetz noch 2026 kommt, die Weiterbildungsinfrastruktur gezielt ausgebaut wird und der Gender Gap beim KI-Einsatz konkret angegangen wird. Ohne diese Bedingungen trifft der Umbau vor allem jene am härtesten, die ihn am wenigsten steuern können.

Quellen (9)

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