Belfast: Krawalle nach Messerangriff breiten sich aus
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Belfast: Krawalle nach Messerangriff breiten sich aus

Ein sudanesischer Asylbewerber stach in Belfast einen Mann mit einem Messer nieder, das Opfer verlor ein Auge. Das viral gegangene Video mobilisierte rechtsextreme Netzwerke; Krawalle breiteten sich durch Belfast aus; in Glasgow, Edinburgh und Southampton kam es zu Protesten.

10. Juni 2026, 17:04 Uhr 753 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Stephen Ogilvie verlor in der Nacht zum 9. Juni ein Auge. Ein sudanesischer Asylbewerber hatte ihn auf der Straße in Nordbelfast angegriffen und ihn lebensgefährlich verletzt. Das Video der Tat verbreitete sich binnen Stunden über soziale Netzwerke, von rechtsextremen Accounts kommentiert und weiterverbreitet. Einen Abend später brannten in Belfast Häuser, ein Bus und mehrere Fahrzeuge. Bis zum Mittwochmorgen hatten sich die Unruhen auf Glasgow, Edinburgh und Southampton ausgedehnt.

8. Juni, 22:30 Uhr: Der Angriff auf Ogilvie

Hadi Alodid, 30 Jahre alt, sudanesischer Staatsangehöriger, griff am Montagabend gegen 22:30 Uhr Stephen Ogilvie mit einem Küchenmesser an. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft versuchte Alodid, Ogilvie zu enthaupten. Das Opfer, ein Mann Mitte Vierzig, erlitt schwere Verletzungen an Augen, Gesicht und Rücken und verlor sein linkes Auge. Umstehende Passanten griffen ein und überwältigten den Angreifer teilweise, bevor die Polizei eintraf. Einer der Bystander verwendete dabei einen Hurley-Schläger.

Alodid wurde noch am Tatort verhaftet. Er erschien am Mittwoch per Video vor dem Belfast Magistrates' Court. Die Staatsanwaltschaft warf ihm versuchten Mord sowie Messerbesitz vor. Zusätzlich wurde er der Bedrohung einer Radiologietechnikerin beschuldigt, die laut Anklage in einem separaten Vorfeld-Vorfall bedroht worden war. Alodid hatte nach eigenen Angaben eine Fünfjahres-Aufenthaltsgenehmigung, die ihm 2023 erteilt worden war. Er war im selben Jahr über Irland nach Nordirland eingereist und hatte dort Asyl beantragt.

Das Opfer und seine Familie baten bereits am Mittwoch öffentlich darum, den Vorfall nicht für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Die Familie Ogilvie erklärte, die nächtlichen Ausschreitungen seien "nicht willkommen" und könnten nicht in ihrem Namen stattfinden. Wer Gewalt gegen Migranten betreibe, handle gegen den ausdrücklichen Willen der Familie.

9. Juni, tagsüber: Das Netz mobilisiert

Das Video des Angriffs wurde laut Medienberichten millionenfach geteilt, bevor Plattformen mit der Moderation begannen. Es diente als zentrales Mobilisierungsmedium für rechtsextreme Netzwerke. Tommy Robinson veröffentlichte noch am 9. Juni einen Tweet, in dem er alle Geschäfte aufforderte, bis 17:30 Uhr zu schließen und für 19:00 Uhr zu einem "friedlichen Protest" in Belfast aufrief. Elon Musk und andere prominente Accounts auf X verstärkten Botschaften, die den Angriff zur Illustration einer angeblichen Bedrohung durch Migranten und Asylbewerber nutzten.

Die Muster der Mobilisierung ähneln stark jenen, die im Sommer 2024 nach dem Messerangriff von Southport zu landesweiten Ausschreitungen geführt hatten. Damals wurden ebenfalls Videoaufnahmen und falsche Gerüchte über die Nationalität des Täters genutzt, um innerhalb weniger Stunden Tausende zu organisieren. Der UN-Menschenrechtschef verurteilte am Mittwoch die "Entmenschlichung" in den sozialen Medien rund um den Belfast-Vorfall ausdrücklich.

Nacht des 9. Juni: Belfast und vier weitere Städte

Gegen Abend des 9. Juni versammelten sich in Belfast mehrere Hundert größtenteils maskierte Männer in verschiedenen Stadtteilen. An der Lower Newtownards Road wurden Türen und Fenster eingetreten. Auf der Crumlin Road und in weiteren Vierteln wurden mindestens drei Häuser angezündet. Ein Supermarkt mit nahöstlichem Sortiment und ein türkischer Friseursalon wurden attackiert. Ein Linienbus wurde in Brand gesetzt, ein Polizeiwagen in Portadown ebenfalls. Nach Polizeiangaben wurden dabei zwei Beamte verletzt.

Die Ausschreitungen blieben nicht auf Belfast beschränkt. Weitere Ereignisse wurden aus Portadown, Derry, Newtownabbey, Ballyclare und Antrim gemeldet. In Schottland versammelten sich Gruppen in Glasgow und Edinburgh. Im englischen Southampton kam es zu Protesten. Maskierte Männer, die in Belfast die Verwüstungen anrichteten, riefen nach Augenzeugenberichten: "Wir holen die Ausländer raus."

Die Polizei Nordirlands stufte die Ereignisse als "kritischen Vorfall" ein. Assistant Chief Constable Ryan Henderson appellierte öffentlich zur Ruhe und warnte vor weiterer Eskalation. Die genaue Zahl der Verhaftungen während der Nacht wurde von der Polizei zunächst nicht veröffentlicht.

10. Juni: Verurteilungen ohne Perspektive

Die politischen Reaktionen fielen scharf aus und blieben gleichzeitig folgenlos für die Ursachen. Nordirlands First Minister Michelle O'Neill erklärte: "Gruppen maskierter Männer, die Familien aus ihren Häusern herausbrennen, sind nichts anderes als feige Niedertracht." Der britische Premierminister Keir Starmer bezeichnete den ursprünglichen Messerangriff als "entsetzlich und widerlich", verurteilte gleichzeitig die Krawalle als inakzeptabel.

Was die Reaktionen nicht benennen, ist der strukturelle Kontext: Großbritannien führt seit Jahren eine tiefgreifende Debatte über Asyl- und Migrationspolitik. Nordirland ist Teil der Britischen Inseln und damit eines Einwanderungssystems, in dem Asylanträge oft über viele Monate oder Jahre unentschieden bleiben. Alodid hatte 2023 in Nordirland Asyl beantragt; sein Antrag war zum Zeitpunkt der Tat noch nicht abschließend beschieden, er besaß jedoch eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung.

Das Muster der Eskalation folgt einem bekannten Schema: Ein gewalttätiger Einzelfall, ein viral gegangenes Video, koordinierte Online-Mobilisierung durch rechtsextreme Netzwerke, physische Ausschreitungen. Southport 2024 folgte demselben Ablauf. Die institutionellen Mechanismen, die diesen Zyklus unterbrechen könnten, wurden seitdem nicht grundlegend verändert. Ob das Unterhaus nach den Ereignissen von Belfast eine neue Debatte über Moderationsregeln und Vorwarnmechanismen führt, war am Mittwoch offen.

Quellen (11)

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