Bundesrechenzentren: Ökostromfrist gerissen
Die Bundesregierung hatte bis Ende 2024 verbindlich zugesagt, alle ihre Rechenzentren ausschließlich mit erneuerbarem Strom zu betreiben. Der Termin ist verstrichen. Wie weit der Bund von diesem Ziel entfernt ist, teilt er nicht mit: Die Angaben seien zu sicherheitssensibel für die Öffentlichkeit.
Die Behauptung
In der Klimaschutzstrategie der Bundesverwaltung ist konkret festgehalten, dass alle Bundesrechenzentren bis Ende 2024 zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt werden sollten. Das Ziel ist Teil des übergeordneten Vorhabens, die gesamte Bundesverwaltung bis 2030 klimaneutral zu machen. Zuständig ist vor allem das Bundesinnenministerium, das 81 der insgesamt 141 direkt staatlich betriebenen Rechenzentren kontrolliert.
Das Versprechen war messbar und technisch niedrigschwellig: Ökostromverträge sind bei jedem größeren deutschen Energieversorger Standardangebot. Das erste Quartal 2026 brachte nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) einen erneuerbaren Anteil von 53 Prozent am deutschen Gesamtstromverbrauch. Im Markt war genug Ökostrom vorhanden.
Was die parlamentarische Anfrage ergab
Die Linke stellte eine parlamentarische Anfrage an das Bundesdigitalministerium. Die Antwort der Bundesregierung macht deutlich: Das Ziel für 2024 wurde nicht erreicht. Welchen Ökostromanteil die Bundesrechenzentren heute tatsächlich haben, teilt die Regierung nicht mit. Begründung: Detaillierte Angaben zum Energieverbrauch einzelner Bundesrechenzentren könnten Rückschlüsse auf kritische Staatsinfrastruktur ermöglichen und das Risiko von Cyberangriffen sowie Spionage erhöhen.
Das ist eine Begründung, die misstrauisch macht. Wenn der Bund das Ziel vollständig erreicht hätte, wäre die Auskunft eine Erfolgsmeldung ohne sicherheitskritischen Gehalt. Die Verweigerung jeder konkreten Zahl legt nahe, dass es keinen Fortschrittsbericht gibt, der eine Veröffentlichung lohnen würde.
Besonders auffällig: Die Anzahl der Bundesrechenzentren ist nicht gesunken, sondern gestiegen. Im Jahr 2024 waren es 157 Einrichtungen, 2025 bereits 160, im April 2026 laut Bundestag 167. Im Nationalen Rechenzentrumsregister, das öffentlich zugänglich sein sollte und Transparenz über Standorte und Betrieb schaffen soll, haben erst 7 Bundeseinrichtungen ihre Daten eingetragen. Das Portal ist nach wie vor nicht vollständig in Betrieb.
Was stimmt, was nicht
Nicht strittig ist, dass der Bund die selbst gesetzte Deadline gerissen hat. Nicht nachprüfbar ist, wie weit er davon entfernt ist. Wann das Ziel tatsächlich erreicht werden soll, hat die Bundesregierung nicht kommuniziert.
Zum Vergleich: Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) schreibt neuen privaten Rechenzentren ab Juli 2026 einen Energieverbrauchsfaktor von maximal 1,2 vor, also strenge Effizienzregeln. Für die eigenen staatlichen Einrichtungen gilt diese Verpflichtung in der Praxis nicht, solange der Bund bei der Ökostromfrage auf Zeit spielt. Private Betreiber werden also strenger reguliert als die öffentliche Verwaltung.
Der Bundesrechnungshof hatte bereits in seinem Energiewendebericht 2024 gewarnt, Deutschlands Energiewende sei „nicht auf Kurs“ und die sichere Versorgung gefährdet. Hintergrund dort war der Netzausbau. Dass die Bundesverwaltung beim viel einfacheren Ökostromvertrag hinterherhinkt, passt in dasselbe Muster: Ziele werden formuliert, Fristen gesetzt und wenn sie nicht eingehalten werden, bleibt die Konsequenz aus.
Was das für das Klimaziel 2030 bedeutet
Der Ökostromtermin für 2024 war der erste messbare Meilenstein auf dem Weg zur Klimaneutralität der Bundesverwaltung bis 2030. Er ist gerissen. Kurz davor, am 18. Mai 2026, stellte der Expertenrat für Klimafragen in seinem Jahresprüfbericht fest, dass die Einhaltung des deutschen Emissionsbudgets bis 2030 erstmals nicht mehr bestätigt werden kann. Die Emissionen stagnieren.
Der Bund ist also in einer Lage, in der er das schwierigere gesamtwirtschaftliche Klimaziel verfehlt und gleichzeitig auch das leichteste Verwaltungsziel, nämlich Ökostromverträge für die eigenen Rechenzentren abzuschließen, nicht fristgerecht umsetzt. Wie viel Strom diese 167 Einrichtungen insgesamt verbrauchen, ist öffentlich nicht bekannt. Deutschlands gesamter Rechenzentrumssektor konsumierte 2025 rund 21 Milliarden Kilowattstunden, mehr als vier Prozent des Gesamtverbrauchs. Welchen Anteil der staatliche Betrieb daran hat, verschweigt die Bundesregierung.
Andere Ministerien planen eine Konsolidierung ihrer Rechenzentren bis 2029, also fünf Jahre nach der bereits gerissenen Ökostromfrist. Bis wann alle 167 Bundesrechenzentren tatsächlich auf erneuerbaren Strom umgestellt sein werden, hat die Bundesregierung nicht mitgeteilt.
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