CDU sagt Magdeburg-Klausur ab: Merz als Wahlkampflast
Dass ein amtierender Kanzler aus dem Wahlkampf seiner eigenen Partei herausgehalten wird, ist eine seltene politische Konstellation. Genau das ist in Sachsen-Anhalt geschehen: Die Bundes-CDU hat ihre für Ende August geplante Präsidiumsklausur in Magdeburg abgesagt, auf Bitten von Ministerpräsident Sven Schulze. Offiziell soll die Schlussmobilisierung vor der Landtagswahl Vorrang vor internen Gremiensitzungen haben. Tatsächlich herrschten in Schulzes Landesverband Bedenken, dass die Anwesenheit von Kanzler Friedrich Merz dem CDU-Wahlkampf eher schaden als nützen würde.
AfD bei 41, CDU bei 26 Prozent
Sachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026 einen neuen Landtag. Die Ausgangslage ist für die CDU historisch schwierig. Laut dem LänderTREND von Infratest dimap aus dem Mai 2026 liegt die AfD mit 41 Prozent klar an der Spitze, die CDU kommt auf 26 Prozent. Das ist ein Rückgang von elf Prozentpunkten gegenüber dem CDU-Ergebnis der letzten Landtagswahl 2021, als Reiner Haseloff mit 37,1 Prozent triumphiert hatte.
Haseloff, der das Land seit 2011 führte und als einer der beliebtesten Ministerpräsidenten Deutschlands galt, trat im August 2025 nicht erneut an. Sein Nachfolger Sven Schulze, der seit Januar 2026 die Staatskanzlei führt, ist bundesweit kaum bekannt. Er war von 2021 bis zu seiner Wahl im Januar 2026 Wirtschaftsminister unter Haseloff. Was Schulze fehlt, ist der Haseloff-Bonus: der persönliche Rückhalt im Land, der 2021 die Wahlentscheidung vieler Wähler prägte und die CDU weit über ihre bundesweiten Sympathiewerte hinaushob.
Die aktuelle Koalition aus CDU, SPD und FDP hätte nach aktuellen Umfragen keine Mehrheit mehr. FDP, BSW und SPD kämpfen jeweils um die Fünf-Prozent-Hürde. Eine Regierung ohne Beteiligung der AfD wäre nach der Wahl rechnerisch nur möglich, wenn sich CDU, SPD, BSW und die Linke zusammenfänden. Ein solches Vierbündnis wäre das erste seiner Art in der Geschichte Sachsen-Anhalts.
Wenn der Kanzler zur Last wird
Die offizielle CDU-Erklärung zur Klausur-Absage klingt sachlich: Man habe "volles Verständnis dafür, dass für Sven Schulze im August die Schlussmobilisierung vorgeht, statt interne Gremiensitzungen abzuhalten". Merz werde Schulze im Wahlkampf unterstützen, andere Unionspolitiker seien für Termine eingeplant.
Hinter dieser Formulierung steckt eine Realität, die Parteistrategen nicht gerne benennen: Bundesregierungen, die in Umfragen schlecht abschneiden, werden im Landtagswahlkampf regelmäßig zur Bürde. Dass der Landesverband jedoch so direkt darum bitten musste, die Klausur zu verlegen, zeigt, wie tief das Problem sitzt. Selten wird der Mechanismus so sichtbar, dass eine Partei die Gremiensitzung ihres eigenen Kanzlers aus dem eigenen Bundesland fernhält.
Merz' Popularitätswerte geben diesem Kalkül Substanz. Unter Unionswählern wollen laut einer INSA-Umfrage nur noch 42 Prozent, dass Merz nach 2029 Kanzler bleibt, 45 Prozent sind dagegen. Laut einer gesonderten Forsa-Erhebung wünschen sich nur 16 Prozent der Unionswähler Merz dauerhaft als Parteivorsitzenden, unabhängig vom Kanzleramt. Das ist die eigene Basis.
Merkels Erbe und Merz' Dilemma im Osten
FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Sicherheits- und Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, hat die Debatte am Freitag mit einem deutlichen Urteil versorgt. Im Focus-Podcast "Machtmenschen" bezeichnete sie Angela Merkels politischen Kurs als "geradezu eine Todsünde": Merkel habe die CDU stark nach links verschoben und dadurch politischen Raum rechts von der Union entstehen lassen, den die AfD gefüllt habe. Besonders in ländlichen Regionen habe die Vernachlässigung der Infrastruktur Frustration erzeugt, die politisch gefährlich geworden sei.
Strack-Zimmermanns Diagnose ist nicht neu, trifft aber in Sachsen-Anhalt mit besonderer Wucht. Flächendeckend schlechte Schienenverbindungen, fehlende Fachärzte auf dem Land und abgehängte Kleinstädte sind in Ostdeutschland strukturelle Realitäten, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben. Dass die CDU dort inzwischen 15 Prozentpunkte hinter der AfD liegt, lässt sich mit bloßem Führungswechsel nicht erklären.
Was Strack-Zimmermanns Analyse implizit auch sagt: Mit dem Wechsel von Merkel zu Merz ist das strukturelle Vertrauensdefizit der CDU im Osten nicht behoben worden. Merz polarisiert anders, aber er hat das Vertrauen zurückgewinnen müssen. Die Umfragen zeigen, dass ihm das nicht gelungen ist.
Koalitionsarithmetik: Schulze braucht vier Partner
Drei Monate bleiben Schulze. Das Grundproblem seiner Kandidatur ist rechnerisch: Ohne AfD braucht er mindestens drei weitere Parteien, die den Einzug in den Landtag schaffen. SPD und BSW kommen in Umfragen auf je rund sechs Prozent, die Linke auf elf bis dreizehn Prozent. Selbst wenn alle vier einziehen, ist eine knappe Mehrheit möglich, aber politisch schwer zu begründen: Eine CDU, die gemeinsam mit der Linken regiert, stößt in der eigenen Wählerschaft auf erhebliche Vorbehalte.
Dass Merz trotz alledem Wahlkampftermine in Sachsen-Anhalt bestreiten soll, bleibt die offizielle Linie der CDU. Aber die Absage der Klausur zeigt, wie dosiert diese Unterstützung gemeint ist. Schulze will den Kanzler einsetzen, ohne ihn zur sichtbaren Hauptfigur werden zu lassen.
Am 6. September wird die Rechnung präsentiert. Sollte die AfD tatsächlich stärkste Kraft bleiben und die übrigen Parteien keine realistische Mehrheit organisieren können, stünde Sachsen-Anhalt vor einem Patt, das weit über die Landesgrenze Konsequenzen hätte. Welche Koalitionsbereitschaften dann gelten, wird Schulze früh genug entscheiden müssen.
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