Chemiekrise: Werksschließungen versechsfacht
Wirtschaft

Chemiekrise: Werksschließungen versechsfacht

Im vierten Krisenjahr in Folge läuft die deutsche Chemieindustrie nur zu 70 Prozent ihrer Kapazität. Die Zahl der Werksschließungen hat sich in vier Jahren versechsfacht. Die Energie bleibt zu teuer und die Investitionsentscheidungen fallen zunehmend im Ausland.

15. Mai 2026, 22:41 Uhr 760 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Nahezu drei Viertel der energieintensiven Unternehmen in der deutschen Chemieindustrie haben Teile ihrer Investitionsbudgets ins Ausland verlagert, zwölf Prozent planen darüber hinaus physische Produktionsverlagerungen. Das zeigt eine EY-Analyse des Chemiestandorts Deutschland vom April 2026. Was 2022 als Energiepreisschock begann, hat sich in eine strukturelle Standortkrise verwandelt, die selbst nach dem Ende des Energiepreishochs nicht nachlässt.

Vier Jahre, vier Krisen

Die Chemieindustrie braucht sehr viel Energie. Chemische Prozesse erfordern anhaltend hohe Temperaturen und verlässliche Strom- und Gasversorgung. Als die Gaspreise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 explodierten, traf das die Branche härter als fast jeden anderen Sektor. Europäische Hersteller zahlten danach das Zwei- bis Dreifache gegenüber amerikanischen oder chinesischen Wettbewerbern für dieselben Energiemengen.

Heute, 2026, sind die Energiepreise von ihren Höchstständen zurückgekommen, aber nicht auf das Vorkrisenniveau. Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) liegt der Gaspreis für industrielle Großabnehmer in Deutschland weiterhin deutlich über dem US-Niveau. Das macht großvolumige Grundchemikalien, die besonders energieintensiv hergestellt werden, in Deutschland teurer als bei der Konkurrenz aus Übersee.

Was die Zahlen 2026 zeigen

Der VCI erwartet für 2026 einen weiteren Produktionsrückgang von rund 2,5 Prozent. Die Anlagenauslastung liegt bei 70 Prozent, dem historisch niedrigsten je gemessenen Wert. Eine EY-Analyse der deutschen Chemiestandorte 2026 kommt zu einem alarmierenden Befund: Nahezu drei Viertel der energieintensiven Unternehmen in der Branche haben Teile ihrer Investitionsbudgets ins Ausland verlagert. Zwölf Prozent der Betriebe planen darüber hinaus, Teile ihrer Produktion physisch ins Ausland zu verschieben.

Die Beschäftigtenzahl liegt bei 478.000, ein Rückgang von 0,5 Prozent im Jahresvergleich. Im Vergleich zu anderen Industriesektoren klingt das moderat. Für eine Branche, die lange als beschäftigungsstabil galt und zu den größten Arbeitgebern in der deutschen Industrie gehört, ist es ein Signal. Die Chemie ist der drittgrößte Industriesektor in Deutschland. Ihr Rückgang zieht Zulieferer und Dienstleister unmittelbar mit.

BASF, Bayer, Covestro: Die großen Fälle

Die drei größten deutschen Chemiekonzerne verkörpern das Problem auf je eigene Weise. BASF, mit Hauptsitz in Ludwigshafen und weltweit größter Chemiekonzern, hat seit 2022 wiederholt Stellenabbau und Werksschließungen in Deutschland angekündigt, während gleichzeitig in China investiert wird. Bayer hat für den Standort Höchst Kapazitätsabbau mit rund 500 betroffenen Stellen angekündigt. Covestro, nach der Übernahme durch den Abu Dhabi-Ölkonzern ADNOC nicht mehr unabhängig, warnte für 2026 ebenfalls vor einem schwierigen Jahr.

Konkret sind auch die mittleren Schließungen: Solvay hat den Standort Bad Wimpfen mit rund 100 Beschäftigten geschlossen. Lanxess hat in Krefeld-Uerdingen Kapazitäten abgebaut. Die Berliner Zeitung hat in einer Auswertung europäischer Chemiestandorte rund 600 Werksschließungen auf dem Kontinent seit 2022 gezählt, sechsmal so viele wie in den vier Jahren davor. Deutschland stellt dabei einen überproportional hohen Anteil.

Was die Regierung plant und was die Branche braucht

Die Bundesregierung hat ein Reformpaket angekündigt, das Steuersenkungen und Bürokratieabbau umfasst. Der VCI begrüßt das, sieht darin aber nicht die entscheidende Maßnahme. Entscheidend wären aus Verbandssicht direkte Eingriffe bei den Energiekosten: niedrigere Netzentgelte, staatlich geförderte Industriestrompreise oder eine Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien speziell für energieintensive Prozesse. Diese Instrumente sind bislang nicht beschlossen.

Evonik hat angekündigt, im Herbst 2026 über Erweiterungsinvestitionen zu entscheiden, abhängig von konkreten politischen Maßnahmen bis dahin. Handelsblatt und EY zitieren ähnliche Signale von anderen mittelgroßen Chemieunternehmen: Wenn das angekündigte Reformpaket bis zur Sommerpause keine spürbaren Energiekostensenkungen enthält, fallen die Investitionsentscheidungen anderswo. Der Herbst 2026 ist für die Branche kein abstraktes Datum, sondern der Zeitpunkt, an dem Ankündigungen zu Entscheidungen werden.

Quellen (6)

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