DGB-Kongress 2026: Acht-Stunden-Tag als rote Linie
Vier Tage, 400 Delegierte, acht Mitgliedsgewerkschaften: Heute beginnt in Berlin der 23. ordentliche Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Unter dem Motto „Stärker mit uns“ setzt die DGB-Führung zwei Linien, die sie nicht bereit ist zu verhandeln: den gesetzlichen Acht-Stunden-Tag und das Recht auf Tarifbindung. Bundeskanzler Friedrich Merz, der am Dienstag sprechen wird, strebt in beiden Fragen in die entgegengesetzte Richtung.
Was ist ein DGB-Bundeskongress?
Der DGB-Bundeskongress ist das höchste beschlussfassende Organ des Deutschen Gewerkschaftsbunds, der Dachorganisation aller deutschen Gewerkschaften mit rund 5,7 Millionen Mitgliedern. Er tagt alle vier Jahre in Berlin und legt die politische Linie des Verbands für die nächste Periode fest. 400 Delegierte der acht Mitgliedsgewerkschaften, darunter IG Metall, Verdi und IG BCE, beraten über Grundsatzanträge zu Arbeitsrecht, Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik. Welche Positionen DGB-Chefin Yasmin Fahimi in Berlin und Brüssel vertritt, wird durch die Beschlüsse dieser Tage bestimmt.
Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit dem 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro pro Stunde, eine Anhebung von 12,82 Euro. Der DGB sieht ihn als Sockel, nicht als Ziel. Entscheidend ist für die Gewerkschaften die Tarifbindungsquote: der Anteil der Beschäftigten, die unter Tarifvertrag arbeiten. Dieser Anteil ist in Deutschland seit den 1990er Jahren von über 80 Prozent auf heute unter 50 Prozent gesunken. In der Privatwirtschaft haben nur noch etwa 25 Prozent der Betriebe einen Tarifvertrag.
Warum jetzt: Drei offene Fronten mit der Merz-Regierung
Der erste Streit betrifft die Arbeitszeit. Die Bundesregierung prüft, ob der gesetzliche Acht-Stunden-Tag durch Wochen- oder Monatsobergrenzen ersetzt werden soll, was tägliche Arbeitszeiten von zehn bis zwölf Stunden ohne individuelle Ausnahmegenehmigung erlauben würde. DGB-Chefin Fahimi formulierte das als Kampfansage: „Hände weg vom Acht-Stunden-Tag.“ Der DGB sieht in der Flexibilisierung keine Freiheitserweiterung für Arbeitnehmer, sondern eine Einladung an Arbeitgeber, faktisch längere Schichten durchzusetzen, ohne einzelne Überstunden dokumentieren zu müssen.
Der zweite Streit betrifft das Rentenrecht. Verdi warnte die SPD öffentlich vor „Selbstzerstörung“, falls sie einer Absenkung des Rentenniveaus oder einer Anhebung des Rentenalters zustimmen sollte. Verdi-Vorsitzender Frank Werneke sprach von „heftigen Auseinandersetzungen“, falls die Koalition die Rente angreife. Die Warnung galt Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die auf dem Kongress heute sprechen wird. Verdi nutzt den DGB-Kongress als politische Bühne, um den Spielraum der SPD in den laufenden Koalitionsdebatten zu verengen.
Der dritte Streit betrifft die Tarifbindung. Der DGB fordert ein Bundestariftreuegesetz, das öffentliche Aufträge an Unternehmen mit Tarifvertrag bindet. Bislang gibt es keine bundesweite Regelung; einzelne Bundesländer haben eigene Gesetze. Der Mindestlohn gilt als Notlösung: Er setzt eine untere Grenze, verhindert aber nicht, dass Unternehmen Löhne und Arbeitsbedingungen oberhalb dieser Grenze einseitig gestalten.
Was das konkret für Beschäftigte bedeutet
In Branchen ohne Tarifvertrag verdienen Vollzeitbeschäftigte im Schnitt rund 700 Euro brutto weniger pro Monat als in tarifgebundenen Betrieben, so das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Diese Lücke hat sich in den letzten zehn Jahren ausgeweitet. Tarifverträge gelten heute vor allem in öffentlichen Institutionen, Großunternehmen und einigen Industriebranchen; weite Teile des Einzelhandels, der Pflege und der Logistik arbeiten ohne.
Die Frage des Acht-Stunden-Tags trifft besonders Branchen mit unregelmäßigen Schichten. Gewerkschaftsstudien zeigen, dass in Pflege, Einzelhandel und Logistik viele Beschäftigte bereits heute faktisch länger als acht Stunden arbeiten, oft durch Doppelschichten oder verkürzte Ruhezeiten. Eine Lockerung des Gesetzes würde diese Praxis legalisieren, ohne Lohnausgleich zu erzwingen.
Merz spricht am Dienstag, Bas spricht heute
Das Kongressprogramm listet zwei Regierungsvertreter: Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) spricht heute, Kanzler Friedrich Merz am Dienstag. Für beide wird es kein freundliches Publikum sein. Der DGB plant nach eigenen Angaben Großdemonstrationen gegen die Sparpolitik der Bundesregierung für den Sommer 2026. Wie Merz auf die Forderungen des Kongresses eingeht, dürfte bestimmen, wie laut der Herbst für seine Koalition wird. Verdi hat für den Fall, dass die SPD bei den Rentenverhandlungen nachgibt, bereits das Wort „Selbstzerstörung“ in den Raum gestellt. Das ist kein Aufruf zur Mäßigung.
Aktualisierungen
Update 17. Mai, 23:00 Uhr: Friedrich Merz ist am zweiten Kongresstag erschienen und wurde von den 400 Delegierten mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Er warb für sein Reformpaket als historische Chance zur Modernisierung, die Delegierten reagierten ablehnend. DGB-Chefin Yasmin Fahimi signalisierte anschließend Offenheit für Sozialpartner-Gespräche Anfang Juni, sieht aber keinen Anlass für eine Entschuldigung von Merz. Verdi-Chef Frank Werneke sagte, der Kanzler habe bislang keinen Konsens mit den Gewerkschaften gesucht. Das Reformpaket soll vier Säulen umfassen: Steuern, Arbeitsmarkt, Rente und Bürokratieabbau. Es soll bis zur Sommerpause stehen.
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