Dortmund: Geiselnahme endet nach acht Stunden
Ohne Schutzweste hätte der Polizist den Abend in Dortmund nicht überlebt. Ein 51-jähriger Mann schoss am Dienstagabend beim Flüchten aus dem Autofenster auf einen verfolgenden Beamten und verschanzte sich anschließend mit seinen eigenen Kindern in einer Wohnung. Was folgte, war ein achtstündiger Nervenkrieg, den Spezialeinsatzkräfte der Polizei NRW auf die einzige unkomplizierte Art beendeten: Der Mann gab freiwillig auf.
Der Abend beginnt im Restaurant
Gegen 19:15 Uhr riefen Mitarbeiter eines Restaurants in Dortmund-Höchsten die Polizei. Ein Mann randalierte in dem Lokal, bedrohte Gäste und setzte Pfefferspray ein. Als die ersten Einsatzkräfte eintrafen, floh der Tatverdächtige mit einem Fahrzeug. Dabei feuerte er durch das Autofenster auf einen der verfolgenden Polizisten.
Der Schuss traf den Beamten. Die Schutzweste verhinderte Schlimmeres, der Polizist blieb leichtverletzt. Der Verdächtige fuhr zu einer Wohnanlage in der Nähe, wo er sich in eine Wohnung einschloss. Mit ihm in der Wohnung befanden sich seine eigenen Kinder.
Großeinsatz der Polizei NRW
Innerhalb kurzer Zeit rückte ein Großaufgebot der Polizei Nordrhein-Westfalen an. Das Spezialeinsatzkommando (SEK) übernahm die Einsatzleitung, Verhandlungsführer nahmen Kontakt zu dem Mann auf. Das Gelände rund um das Gebäude wurde weiträumig abgesperrt, Anwohner wurden aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.
Die Polizei verzichtete auf einen gewaltsamen Zugriff und setzte auf Deeskalation durch Verhandlung. Dieser Ansatz ist bei Situationen mit Kindern im Gebäude Standard: Jedes Eindringen birgt das Risiko unkontrollierbarer Gewaltsituationen. Die Verhandlungen zogen sich durch die gesamte Nacht. Der Mann kommunizierte mit den Einsatzkräften, stellte die Situation aber nicht unmittelbar ein.
Die NRW-Polizei betont in solchen Lagen regelmäßig, dass Zeit auf der Seite der Einsatzkräfte ist. Ausgebildete Verhandlungsführer versuchen, eine Gesprächsbasis aufzubauen und den Druck schrittweise zu erhöhen, ohne dass der Tatverdächtige das Gefühl bekommt, keinen Ausweg zu haben. In diesem Fall, wo der Mann nachweislich eine Schusswaffe eingesetzt hatte, war besondere Vorsicht geboten.
Freiwillige Aufgabe um 3:30 Uhr
Um etwa 3:30 Uhr am Mittwochmorgen, mehr als acht Stunden nach Beginn des Einsatzes, ergab sich der Mann freiwillig. Er verließ die Wohnung und wurde von Einsatzkräften in Gewahrsam genommen. Die Kinder wurden aus der Wohnung geholt und von Polizei, Jugendhilfekräften und Fachleuten für psychosoziale Notfallversorgung betreut. Beide Kinder blieben körperlich unverletzt. Auch die Mutter der Kinder, die sich offenbar nicht in der Wohnung befand, wurde in polizeiliche Obhut genommen. Die Polizei stellte die Schusswaffe sicher.
Was über den Tatverdächtigen bekannt ist
Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich bei dem Festgenommenen um einen 51-jährigen serbischen Staatsbürger. Das genaue Tatmotiv war am frühen Mittwochmorgen noch unbekannt. Warum er im Restaurant randalierte, warum er auf den Polizisten schoss und warum er sich mit den Kindern einschloss, anstatt zu fliehen oder aufzugeben, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Das Alter der Kinder und der genaue Ablauf innerhalb der Wohnung wurden von der Polizei zunächst nicht mitgeteilt.
Ob der Mann den deutschen Behörden bereits bekannt war, etwa durch frühere Straftaten oder familiäre Konflikte, ließ die Polizei offen. Angaben zur Herkunft der Schusswaffe und dazu, ob der Mann legal bewaffnet war, machte die Polizei am frühen Morgen aus ermittlungstaktischen Gründen ebenfalls nicht.
Ermittlungen zum Tatmotiv dauern an
Die Mordkommission Dortmund hat die Ermittlungen übernommen. Gegen den Mann wird unter anderem wegen versuchten Totschlags an dem Polizeibeamten ermittelt, hinzu kommen die Vorfälle im Restaurant. Die Staatsanwaltschaft Dortmund prüft die weiteren rechtlichen Schritte. Ein Haftbefehl war nach Berichten anwesender Medien in Vorbereitung.
Neben dem strafrechtlichen Verfahren steht die Frage im Raum, wie der Mann an die Schusswaffe gelangte und ob eine Waffenbesitzerlaubnis vorlag. Das Jugendamt Dortmund ist nun für das Wohl der Kinder zuständig. Eine Pressekonferenz der Polizei NRW war für den Mittwochvormittag angekündigt, bei der weitere Details zum Tathergang und zum Ermittlungsstand bekannt gegeben werden sollten.
Kommentare