Splitting-Reform: Die 25-Milliarden-Teilzeitfalle
Jede zweite verheiratete Frau zwischen 45 und 66 Jahren, die in Teilzeit arbeitet, sagt laut einer Bertelsmann-Studie vom März 2026: Mehr zu arbeiten lohnt sich nicht. Das Ehegattensplitting kostet den Staat rund 25 Milliarden Euro jährlich und hält nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft bis zu 175.000 Vollzeitstellen blockiert. Finanzminister Lars Klingbeil hat im März eine Reform angekündigt. Die CSU verhindert sie bislang.
Was das Splitting kostet und wem es nützt
Das Ehegattensplitting erlaubt verheirateten Paaren, ihr gemeinsames Einkommen für die Steuerberechnung hälftig zu teilen. Der Vorteil entsteht, wenn die Einkommen beider Partner stark auseinandergehen: Der Besserverdienende rutscht durch die hälftige Aufteilung in eine niedrigere Steuerprogression, was die gemeinsame Steuerlast deutlich senkt. Für Paare mit ähnlich hohen Einkommen bringt das Splitting dagegen kaum Ersparnis.
Bundesweit kostet diese Regelung die öffentliche Hand rund 25 Milliarden Euro jährlich. Rund 90 Prozent des Splittingvorteils entfallen auf Paare mit Kindern, davon fast zwei Drittel auf Eltern minderjähriger oder noch in Ausbildung befindlicher Kinder. Rund neun Prozent, etwa 2,2 Milliarden Euro, gehen an kinderlose Paare mit stark unterschiedlichen Einkommen.
Warum Ökonomen die Teilzeitfalle sehen
Die Bertelsmann-Studie von Anfang März 2026 hat das Ausmaß des Beschäftigungseffekts konkretisiert: 50 Prozent der verheirateten Frauen in Teilzeit zwischen 45 und 66 Jahren geben an, ihre Stundenzahl nicht zu erhöhen, weil es sich finanziell schlicht nicht lohne. Das Splitting macht den Nebenverdienst des schlechter verdienenden Partners teuer: Jeder zusätzliche Euro wird am Grenzsteuersatz des gemeinsamen Einkommens gemessen, nicht am individuellen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln berechnete, dass eine Abschaffung des Splittings für Neuehen rund 49.000 Vollzeitäquivalente freisetzen würde, andere Schätzungen sprechen von bis zu 175.000 zusätzlichen Vollzeitstellen. Das Arbeitsvolumen könnte laut IW-Berechnungen um rund drei Prozent steigen, der Beschäftigungsgrad um 1,5 Prozentpunkte. Handelsblatt-Berechnungen zeigen zudem, dass die Kombination aus Splitting und beitragsfreier Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung den Effekt weiter verstärkt, weil Mehrarbeit auch den Krankenkassenbeitrag erhöht.
Sachverständigenrats-Vorsitzende Monika Schnitzer hat sich öffentlich für eine Reform ausgesprochen. DIW-Präsident Marcel Fratzscher und ifo-Chef Clemens Fuest fordern ebenfalls Änderungen. Ihre gemeinsame These: Das Splitting hält Frauen in einer Teilzeitfalle, die nicht mit der Kinderphase endet, sondern danach häufig noch stärker wirkt, weil die Karriereunterbrechung fortgeschrieben wird.
Klingbeils Plan: Splitting-Light für Neuehen
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hat am 25. März 2026 einen Reformvorschlag präsentiert: Das klassische Ehegattensplitting soll für Neuehen entfallen, bestehende Ehen sollen per Bestandsschutzklausel unberührt bleiben. Als Alternative schlägt er ein begrenztes Realsplitting vor, bei dem der besser verdienende Partner bis zu 13.805 Euro vom steuerpflichtigen Einkommen abziehen kann, der schlechter Verdienende diesen Betrag versteuert.
Der Übergangsplan würde laut IW zunächst rund 1,3 Milliarden Euro jährlich kosten, wenn parallel der Kinderfreibetrag um 22 Prozent auf 316 Euro monatlich angehoben wird. SPD-Fraktionsvize Wiebke Esdar hat angekündigt, noch vor dem Sommer eine Einigung in der Koalition anstreben zu wollen.
Bildungs- und Familienministerin Karin Prien (CDU) hatte Sympathie für die Reform signalisiert. Doch Unions-Politiker wie CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek und CDU-Ministerpräsident Gordon Schnieder lehnen jede Änderung des Splittings ab und sprechen von einer "Steuererhöhung für Familien". Die Grünen wollen eine weitergehende Reform mit individueller Besteuerung und einem übertragbaren Grundfreibetrag. OECD und EU-Kommission empfehlen Deutschland seit Jahren die Abschaffung und verweisen auf den negativen Effekt auf die Erwerbsbeteiligung von Frauen.
Die Koalition muss noch im Juni entscheiden
Das Fenster ist eng. Klingbeil hat eine Koalitionseinigung vor dem Sommer 2026 als Ziel ausgegeben. Das bedeutet: In den verbleibenden Wochen des Juni muss die Koalition entweder eine Lösung mit der CSU finden oder die Reform für diese Legislaturperiode begraben.
Ein Scheitern jetzt hätte eine konkrete Konsequenz: Die nächste Gelegenheit für eine Splitting-Reform käme frühestens nach der Bundestagswahl 2029. Bis dahin blieben nach aktuellen Schätzungen jährlich rund 25 Milliarden Euro Steuersubvention und, nach Einschätzung der Ökonomen, Zehntausende nicht geschöpfte Vollzeitstellen auf der Strecke. Für Paare, die nach einem etwaigen Reformdatum heiraten, wäre das Splitting dann bereits Geschichte. Für alle anderen bliebe es erhalten.
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