76 Prozent erneuerbar: Rekord und Reformlücke
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76 Prozent erneuerbar: Rekord und Reformlücke

Im ersten Quartal stammten 53 Prozent des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen, im Mai waren es bereits 76,7 Prozent. Der Expertenrat für Klimafragen sieht das Klimaschutzprogramm 2026 dennoch als unzureichend: Die Klimaschutzlücke könnte sich bis 2030 verdoppeln.

15. Mai 2026, 7:05 Uhr 860 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Im Mai 2026 deckten erneuerbare Energien 76,7 Prozent der deutschen Stromerzeugung, ein neuer Monatsrekord und ein Beleg dafür, dass die Energiewende im Stromnetz angekommen ist. Gleichzeitig stellte der Expertenrat für Klimafragen in seiner Stellungnahme zum Klimaschutzprogramm 2026 fest, dass die Bundesregierung die Klimaschutzlücke bis 2030 nicht schließt, sondern verdoppelt: von angestrebten 25 Millionen auf bis zu 50 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Strom und Klima sind nicht dasselbe Problem.

Von 53 auf 76 Prozent: Der Rekord und was dahintersteckt

Im ersten Quartal 2026 stammten laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 53 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. Die Windkraft legte dabei um 27 Prozent onshore und 44 Prozent offshore zu. Im Mai erreichten die Erneuerbaren nach Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) dann 76,7 Prozent der Stromerzeugung. Zwei Faktoren treiben den saisonalen Schub: längere Sonnentage und frühsommerliche Winde.

Der historische Kontext ist beeindruckend. 2015 lag der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix bei rund 30 Prozent. 2025 erreichte er nach Fraunhofer ISE erstmals 55,9 Prozent im Jahresdurchschnitt, wobei Solar die Braunkohle erstmals überholte. Deutschlands Stromnetz ist heute ein anderes: 5,7 Millionen Photovoltaikanlagen mit 117 Gigawatt installierter Leistung, allein 2025 kamen 16,4 Gigawatt Solar hinzu.

Eine Einschränkung: Der Q1-Wert (53 Prozent) misst Stromverbrauch, der Mai-Wert (76,7 Prozent) misst Stromerzeugung. Die Statistiken sind nicht direkt vergleichbar. Und selbst 76,7 Prozent im Mai bedeutet nicht, dass Deutschland an windstillen Wintertagen ohne fossile Backup-Kapazitäten auskommt. Die Rekorde zeigen die Richtung, bilden aber nicht den Jahresdurchschnitt ab.

Was der Expertenrat am Klimaprogramm kritisiert

Das Klimaschutzprogramm 2026 umfasst 67 Maßnahmen und plant Ausgaben von acht Milliarden Euro bis 2030. Es ist das erste vollständige Klimaschutzprogramm der Bundesregierung Merz. Der Expertenrat für Klimafragen, das gesetzlich vorgesehene Beratungsgremium der Bundesregierung, veröffentlichte am 25. März 2026 eine Stellungnahme, die den Entwurf grundlegend infrage stellt.

Kernbefund des Expertenrats: Die Klimaschutzlücke für 2030 könnte doppelt so groß werden, wie die Regierung annimmt: rund 50 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent statt der geplanten 25 Millionen Tonnen. Das 2040-Ziel, eine Reduktion der Treibhausgase um 88 Prozent, werde selbst nach Umsetzung des Programms voraussichtlich verfehlt. Das Programm erfülle die gesetzlichen Anforderungen des §9 Klimaschutzgesetz nicht.

Der Rat begründet das technisch: Viele der 67 Maßnahmen wirken kaum additiv, weil das EU-Emissionshandelssystem (ETS) bereits einen Teil der Reduktionen abdeckt. Die tatsächliche Wirkung sei damit deutlich geringer als berechnet. Deutsche Umwelthilfe (DUH), BUND, Greenpeace, WWF und NABU bezeichneten das Programm in einer gemeinsamen Erklärung als gesetzeswidrig oder unzureichend. Die DUH reichte eine Verfassungsbeschwerde ein, das Programm werde keiner Rechtsprüfung standhalten.

Gaskraftwerke und das Versprechen 2045

Parallel zu den Rekordmeldungen aus dem Stromnetz hat die Bundesregierung im Januar 2026 eine Einigung mit der EU-Kommission über ihre Kraftwerksstrategie erzielt. Das Bundeswirtschaftsministerium schreibt in der ersten Runde 12 Gigawatt neuer regelbarer Kapazität aus, die bis 2031 in Betrieb gehen sollen. Der Großteil entfällt auf Gaskraftwerke. Bedingung: Die Anlagen müssen wasserstofffähig sein und spätestens 2045 emissionsfrei betrieben werden.

Für Kritiker ist das ein Problem. Von 2031 bis 2045 werden diese Kraftwerke Gas verbrennen, 14 Jahre mitten in der entscheidenden Klimadekade. Greenpeace wies in seiner Stellungnahme zum Klimaschutzprogramm darauf hin, dass allein ein Tempolimit auf Autobahnen bis 2030 mehr CO2 einsparen würde als alle geplanten Transportmaßnahmen des Programms zusammen. Das Umweltinstitut München kritisiert, die Regierung plane gleichzeitig neue Windräder und mache Windstrom durch Gesetzesänderungen unrentabler.

Rund 80.000 Menschen demonstrierten am 18. April 2026 in deutschen Städten für den Ausbau erneuerbarer Energien, organisiert von Campact, DUH, Fridays for Future, Greenpeace, BUND und WWF. In Köln waren es 30.000, in Berlin 24.000, in Hamburg 15.000, in München 12.000. Es war nach Angaben der Veranstalter die größte pro-erneuerbare Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik.

EEG-Reform und EU-Uhr läuft bis Jahresende

Die aktuelle EU-Beihilfegenehmigung für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) läuft Ende 2026 aus. Die Bundesregierung muss eine überarbeitete Fassung bis dahin von der EU-Kommission genehmigen lassen. Geplant ist der Übergang zu marktorientierten Contracts for Difference (CfDs) für neue Anlagen ab 2027: Statt fester Einspeisevergütungen erhalten Betreiber eine Differenzzahlung zwischen garantiertem Erlös und Marktpreis.

Das Modell senkt theoretisch die Subventionskosten, birgt aber das Risiko, den Zubau zu verlangsamen, wenn die CfD-Preise zu niedrig angesetzt werden. Der Koalitionsvertrag sieht 80 Prozent erneuerbaren Strom bis 2030 vor. Angesichts des 76,7-Prozent-Rekords im Mai klingt das erreichbar. Aber die Energiewende beschränkt sich nicht auf Strom: Wärme, Verkehr und Industrie bleiben weit hinter den Klimazielen zurück. Genau dort entsteht die Lücke, die der Expertenrat auf 50 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent beziffert und die das Klimaschutzprogramm 2026 nach bisheriger Bewertung nicht schließt.

Quellen (9)

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