Hormus-Blockade: Die größte Ölkrise in der Geschichte
Mehr als 600 Tanker stecken seit Wochen im Persischen Golf fest, weitere 240 warten außerhalb des Sperrgebiets auf Durchfahrt. Saudi Aramco beziffert die Ladung dieser gestrandeten Schiffe auf mehrere Wochen des weltweiten Bedarfs. Hinter den Zahlen steckt das, was die Internationale Energieagentur als „größte Lieferstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts" bezeichnet.
Was durch Hormus fließt und was nicht mehr
Bevor der Konflikt begann, passierten täglich rund 21 Millionen Barrel Rohöl die Straße von Hormus. Das entspricht etwa 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung, hinzu kommen erhebliche Mengen Flüssigerdgas. Die Meerenge zwischen Iran und Oman ist an ihrer engsten Stelle 39 Kilometer breit und der einzige Seeweg aus dem Persischen Golf. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, der Irak und Katar haben keine Alternativroute: Die bestehenden Pipelines fassen nur einen Bruchteil der normalen Exportmengen.
Seit Iran Anfang März 2026 die Straße gesperrt hat und die Islamische Revolutionsgarde Tanker angreift, ist dieser Kanal blockiert. Saudi Aramco meldete im Mai, mehr als 600 Schiffe seien im Golf festgehalten, weitere 240 warteten auf Einlass. Die Ladung dieser Schiffe reicht nach Aramco-Berechnungen für mehrere Wochen globaler Nachfrage. Gleichzeitig gilt: Nicht alles ist vollständig gesperrt. CNN berichtete Anfang Juni, die Blockade „lecke" bereits, da einige Tanker nach Absprachen mit dem US-Zentralkommando CENTCOM die Meerenge passierten. Das erklärt, warum der Ölpreisanstieg unter dem theoretisch möglichen Maximum blieb.
IEA: Größte Lieferstörung in der Geschichte des Ölmarkts
Die Internationale Energieagentur setzte die Krise in historische Relation. In ihrem April-Bericht 2026 nannte sie die Hormus-Sperrung die „größte Lieferstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts". Die Zahlen belegen das Urteil: Die Ölproduktion der OPEC-Mitglieder sank um mehr als 30 Prozent, konkret um 9,7 Millionen Barrel pro Tag. Die gesamte globale Versorgung fiel von rund 107 auf 97 Millionen Barrel täglich.
Der Brent-Rohölpreis stieg von 72 Dollar je Barrel am 28. Februar 2026 auf über 112 Dollar am 27. März, ein Zuwachs von 55 Prozent innerhalb eines Monats. Zum historischen Vergleich: Der arabische Ölboykott von 1973 hatte rund 4 bis 5 Millionen Barrel täglich aus dem Markt genommen. Die Angebotsunterbrechung durch den Golfkrieg 1990 lag in ähnlichen Größenordnungen. Die aktuelle Krise liegt mehr als doppelt so hoch.
Vitol-Konzernchef Russell Hardy schätzte im April, dass bis zu diesem Zeitpunkt 600 bis 700 Millionen Barrel Produktion ausgefallen waren. Die Gesamtbilanz des Konflikts werde eine Milliarde Barrel erreichen, sagte Hardy.
Der verhandelte Rahmen und seine offene Schlüsselfrage
Seit Ende Mai liegt ein Rahmenabkommen auf dem Verhandlungstisch. Es sieht vor: Iran öffnet die Straße von Hormus und räumt die gelegten Seeminen, die USA heben die Blockade iranischer Häfen auf. Beide Seiten starten 60-tägige Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Sanktionen werden erst aufgehoben, wenn Hormus tatsächlich und vollständig für Schiffsverkehr offen ist, wie ein US-Regierungsvertreter gegenüber Medien erklärte.
Den zentralen Streitpunkt benennt The National konkret: 24 Milliarden Dollar eingefrorene iranische Auslandsvermögen. Irans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf bestand in Doha darauf, 12 Milliarden Dollar bei Unterzeichnung eines Rahmenprotokolls freizugeben, weitere 12 Milliarden innerhalb von 60 Tagen. Die USA lehnten diesen Zeitplan ab. Das Delegationsmitglied Saeed Ajorlou sagte am 2. Juni in einem Fernsehinterview, die Gespräche seien „erfolgreich" verlaufen. Sobald ein Rahmenabkommen die Schlussfreigabe erhalte, solle ein Teil der Mittel für die iranische Zentralbank zugänglich werden.
Neben den eingefrorenen Vermögen bleibt das Atomprogramm das zweite große Streitthema. Laut dem Brookings-Bericht zur Hormus-Krise ist unklar, ob die 60-Tage-Frist für Atomgespräche ausreicht, die technischen Details einer Urananreicherungsbegrenzung zu klären. Die USA bestehen auf Transparenz und Inspektion, Iran fordert Garantien gegen erneute einseitige US-Sanktionen nach Ablauf der Vereinbarung.
Was die Krise Wirtschaft und Verbraucher kostet
Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP schätzte die wirtschaftlichen Folgen für die arabischen Golfstaaten auf 120 bis 194 Milliarden Dollar weniger Bruttoinlandsprodukt. Die Schäden an Energieanlagen im Nahen Osten belaufen sich nach vorliegenden Schätzungen auf 25 Milliarden Dollar Reparaturkosten.
Al Jazeera berichtete am 5. Juni, die US-Seeblockade iranischer Häfen habe Iran fast 6 Milliarden Dollar Öleinnahmen gekostet. Für Teheran ist das ein zentrales Motiv, einen Deal zu suchen: Sanktionsfreiheit und geöffnete Häfen wären wirtschaftlich erheblich wertvoller als das Festhalten an der Blockade, die auch die eigene Exportkapazität lähmt.
Für Importländer bedeutet der erhöhte Rohölpreis gestiegene Energiekosten in der gesamten Wertschöpfungskette. Die Dallas Fed hatte in einer Analyse von März 2026 darauf hingewiesen, dass eine vollständige Hormus-Schließung historisch mit Rezessionsrisiken verbunden sei, wenn sie länger als drei Monate dauert. Die aktuelle Blockade besteht seit mehr als drei Monaten.
Eine Milliarde Barrel, die nicht zurückkommt
Trump hat eine Frist bis Freitag, 12. Juni, gesetzt: entweder ein Abkommen oder weitere Angriffe auf Iran. In den frühen Donnerstagstunden flogen dennoch 49 US-Tomahawk-Raketen Richtung Iran, während Katar in Teheran verhandelte. Krieg und Verhandlung laufen faktisch parallel.
CNN hat seit März mindestens 38 Trump-Ankündigungen eines nahenden Deals gezählt. Ob die Freitagsfrist hält, ist ungewiss. Was sie für die Energiemärkte bedeutet, ist klarer: Bei einer geordneten Öffnung von Hormus würden innerhalb von Tagen Millionen Barrel täglich in den Markt zurückkehren, der Preis würde fallen. Bei weiterer Eskalation steigt der Preis weiter und die Infrastrukturschäden, deren Reparatur bereits 25 Milliarden Dollar kostet, wachsen.
Die Milliarde Barrel, die Vitol-Chef Hardy als kumulierte Verlustmenge beziffert, lässt sich nicht nachholen. Was ein Abkommen zurückbrächte, wäre die zukünftige Produktion. Das ist der wirtschaftliche Einsatz dieses Wochenendes.
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