FDP-Parteitag: Kubicki siegt, Strack-Zimmermann warnt
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FDP-Parteitag: Kubicki siegt, Strack-Zimmermann warnt

390 zu 259: Wolfgang Kubicki setzt sich beim FDP-Bundesparteitag in Berlin gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch. Das knappe Ergebnis legt offen, dass fast 40 Prozent der Delegierten eine andere Richtung für die Partei wollen.

31. Mai 2026, 12:45 Uhr 1148 Wörter · 6 Min. Lesezeit

"Wolfgang weiß jetzt, dass es 60 zu 40 steht." Diesen Satz sagte Marie-Agnes Strack-Zimmermann am Samstag gegenüber der Bild-Zeitung, nachdem sie beim FDP-Bundesparteitag im Berliner Estrel Hotel eine Kampfabstimmung um den Parteivorsitz verloren hatte. Das Ergebnis erklärt, warum dieser Satz intern nicht als sportliche Konzession gilt: In einer Partei, die in Bundesumfragen bei drei bis vier Prozent liegt, stimmten 259 von 658 Delegierten gegen ihren neuen Vorsitzenden. Wolfgang Kubicki tritt sein Amt mit einem gespaltenen Mandat an.

Wie aus der Akklamation eine Kampfabstimmung wurde

Monatelang hatte Kubicki keinen ernsthaften Gegenkandidaten. Als Henning Höne im Mai seinen Rückzug erklärte, schien die Wahl zur Formsache zu werden. Strack-Zimmermann, Mitglied des FDP-Präsidiums und Europaabgeordnete, hatte sich öffentlich gegen Kubickis Kandidatur positioniert, eine eigene Kandidatur aber zunächst ausgeschlossen.

Wenige Tage vor dem Parteitag änderte sie ihre Haltung. 33 Delegierte reichten schriftliche Unterstützungsbekundungen ein; damit war die Kandidatur formal zulässig. Auslöser war ein Podcast-Interview, in dem Kubicki erklärt hatte, er kenne keine Brandmauer gegenüber der AfD, weder in der Verfassung noch im Gesetz. Strack-Zimmermann hielt dem entgegen, die FDP müsse die politische Mitte stärken und dürfe keinen strategischen Spielraum gegenüber Rechtsextremen zulassen. Sie zitierte den früheren Bundesjustizminister Marco Buschmann: Wer die FDP nach rechts führen wolle, führe sie ins Verderben.

658 Delegierte stimmten ab. Kubicki erhielt 390 Stimmen, Strack-Zimmermann 259. Sein Ergebnis: 59,3 Prozent. Kein Triumph für einen Parteichef, der ohne Gegner antrat und dessen Kandidatin erst kurz vorher überhaupt in den Wettbewerb eingetreten war.

Zwei Lager, ein Parteichef

Der Parteitag legte zwei Parteiflügel offen, die seit Monaten in einem schwelenden Richtungsstreit stecken. Kubicki steht für ein Profil, das Wähler rechts der Mitte ansprechen will. Er setzt auf Lautstärke, Konfrontation und bewusste Nähe zu konservativen Positionen, die er selbst als "konservativ-liberal" bezeichnet. Eine Brandmauer gegenüber der AfD betrachtet er nicht als bindende politische Pflicht.

Strack-Zimmermann verkörpert den anderen Flügel: eine FDP, die in der politischen Mitte bleibt, auf Außenpolitik und Sicherheitspolitik setzt und den Schulterschluss mit der liberalen Demokratie als Markenkern versteht. Sie ist eine der profiliertesten Verteidigerinnen westlicher Ukraine-Unterstützung in der EU und hat sich im Europaparlament als Verteidigungsexpertin etabliert.

Diese Differenz ist auch konkret verteidigungspolitisch. Die USA fordern unter Donald Trump von NATO-Verbündeten Verteidigungsausgaben von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das bei der Haager NATO-Gipfeldeklaration von 2025 vereinbarte Ziel liegt in zwei Stufen: 3,5 Prozent für Kernmilitärausgaben und 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Bereiche wie Cyberabwehr und Infrastruktur, insgesamt bis 2035. Deutschlands Haushalt für 2026 sieht rund 108 Milliarden Euro für Verteidigung vor, etwa 2,3 bis 2,5 Prozent des BIP. Das Ziel der Bundesregierung lautet: 3,5 Prozent bis 2029. Wie die FDP zwischen Wirtschaftsliberalismus und wachsenden Verteidigungslasten positioniert ist, beantwortet Kubicki anders als Strack-Zimmermann.

Nach der Abstimmung sagte Strack-Zimmermann, sie wolle "konstruktiv an der Erneuerung der FDP mitwirken". Sie fügte hinzu: "Wir werden ganz genau schauen, wohin die Partei geht." Das klingt nach Kooperation, ist aber auch ein offenes Warnsignal an die neue Parteiführung.

Was 40 Prozent für eine Partei bedeuten, die am Rand steht

In einer stabilen Volkspartei wäre ein 60:40-Ergebnis ein normaler innerparteilicher Wettbewerb. In der FDP des Jahres 2026 ist es ein strukturelles Problem.

Die Partei sitzt in keinem deutschen Parlament mehr. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag im Februar 2025 folgten im März 2026 zwei weitere Niederlagen: 4,4 Prozent in Baden-Württemberg, 2,1 Prozent in Rheinland-Pfalz. In aktuellen Bundesumfragen liegt sie zwischen drei und vier Prozent. Wer auf diesem Niveau steht, hat keine Stimmen zu verschenken und kann es sich nicht leisten, 40 Prozent seiner Delegierten als innere Opposition zu verwalten, die offen angekündigt hat zu beobachten.

Kubicki setzt auf Sichtbarkeit als Rückkehrstrategie: Wer medial nicht stattfindet, verliert Wähler. Ob zugespitzte Aussagen und bewusste Grenzüberschreitungen diese Strategie umsetzen, ohne die parteiinternen Wunden weiter aufzureißen, ist die offene Frage seiner Amtszeit. Die Geschichte der FDP gibt wenig Anlass zur Zuversicht: Auch nach dem ersten Rauswurf aus dem Bundestag 2013 versuchte die Partei, durch Medienpräsenz ihrer Führungsfiguren Profil zu gewinnen. Ohne inhaltliche Erneuerung blieben die Umfragen tief.

Der entscheidende Unterschied zu 2013: Damals saß die FDP noch in mehreren Landesparlamenten und verfügte über eine funktionierende politische Infrastruktur. Heute fehlt beides. Die Rückkehr aus einer Position ohne jegliche parlamentarische Präsenz ist in der Geschichte bundesdeutscher Parteien ohne Beispiel.

Ein Jahr bis NRW: Kubickis selbst gesetzte Frist

Kubicki hat die Messlatte selbst gesetzt: Gelingt es ihm nicht, die FDP innerhalb eines Jahres nahe an die Fünfprozenthürde heranzuführen, betrachtet er sich als gescheitert. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2027 soll ein weiterer Parteitag stattfinden, bei dem über eine dauerhafte Führung entschieden wird. Henning Höne, der seinen Rückzug von der Bundeskandidatur damit begründete, er wolle den NRW-Landesverband aufbauen, wird in diesem Wahlkampf zentrale Figur sein.

Die ersten belastbaren Zeichen zeigen sich in Umfragen. Eine Civey-Erhebung vom Mai bewertete Kubickis Kandidatur von 42 Prozent der Befragten positiv, 29 Prozent negativ. Ob Bekanntheit allein ausreicht, um eine Partei ohne Parlamentsmandat zurück über die Fünfprozenthürde zu führen, ist unter Parteiforschern umstritten.

Strack-Zimmermann bleibt im FDP-Präsidium und führt ihre Arbeit im Europaparlament fort. Das bedeutet: Kubicki hat in seiner Parteiführung eine Mitstreiterin, die öffentlich dokumentiert hat, dass 40 Prozent der Delegierten ihr gefolgt sind. Wie er dieses Verhältnis gestaltet, mit welchen konkreten programmatischen Signalen er den anderen Flügel bindet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Eine FDP, die nach außen kämpft, während sie nach innen streitet, hat keine Chance auf Rückkehr.

Update 31. Mai, 21:00 Uhr: Am selben Parteitag wählten die Delegierten Martin Hagen zum neuen FDP-Generalsekretär. Hagen, bislang Vorsitzender des bayerischen FDP-Landesverbands und Mitglied des Bayerischen Landtags, erhielt 58,8 Prozent der Stimmen. Auch diese Wahl war keine Formsache: Über 40 Prozent der Delegierten stimmten gegen den Vorschlag der neuen Parteiführung. Strack-Zimmermann bekräftigte in einem anschließenden Interview, Kubicki solle keine Alleinentscheidungen treffen und die innerparteiliche Abstimmung suchen. Das ist weniger eine Kooperationszusage als eine öffentlich formulierte Bedingung.

Update 3. Juni, 09:00 Uhr: In den Tagen nach dem Parteitag verstärkte Strack-Zimmermann ihre Kritik in mehreren Medienauftritten. In einem Interview mit t-online sagte sie, "Liberale sind keine Lemminge, die einer Figur folgen, egal welchen Abgrund sie entgegenlaufen." Im ZDF-Talk "Markus Lanz" äußerte sie Bedenken vor einer strategischen Annäherung der FDP an die AfD, was auch ihre Gegenkandidatur ausgelöst hatte. Kubicki konterte öffentlich: "Du weißt, wo der Hammer hängt." Strack-Zimmermann ließ das nicht unbeantwortet: "Ich möchte nicht, dass du Dir versehentlich weh tust." Die öffentlichen Wortgefechte zeigen, dass die Partei trotz Kubickis Wahlsieg keine Ruhe findet.

Update 10. Juni, 23:05 Uhr: Am Dienstagabend, dem 9. Juni, trat Kubicki in der ARD-Sendung Maischberger auf und erweiterte seinen öffentlichen Konflikt auf den Koalitionspartner. Bundeskanzler Friedrich Merz kommuniziere „unglaublich schlecht“ und Merz wisse nach Jahren fernab der aktiven Politik offenbar nicht mehr, „wie das Spiel funktioniert“. Das Erwartungsmanagement des Kanzlers nannte Kubicki „unterirdisch“. In der Sendung lobte er zugleich die Kommunikationsfähigkeit seines Vorgängers Olaf Scholz. Eine Koalition mit der AfD schloss Kubicki aus, lehnte aber die Brandmauer-Logik ab: Demokratische Parteien dürften eigene Anträge nicht allein deshalb unterlassen, weil die AfD ihnen zustimmen könnte.

Quellen (18)

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