Hamas-Militärchef getötet: Gaza droht Dauerteilung
Seit Oktober 2025 gilt ein Waffenstillstand im Gazastreifen. Seither haben israelische Streitkräfte ihren Kontrollbereich schrittweise auf zwei Drittel des Territoriums ausgeweitet. UN-Funktionäre nennen inzwischen offen, was bisher nur Szenario war: eine dauerhafte Teilung. Am 15. Mai starben 143 Palästinenser in 24 Stunden, der tödlichste Tag seit Beginn der Waffenruhe. An ihm tötete das israelische Militär auch Izz al-Din al-Haddad, den ranghöchsten verbliebenen Hamas-Militärkommandeur im Gazastreifen.
857 Tote unter einer gültigen Waffenruhe
Das Abkommen vom Oktober 2025, ausgehandelt von den USA, Katar und Ägypten, hatte klare Versprechen: Waffenstillstand, schrittweiser Rückzug israelischer Kräfte, Freilassung der verbleibenden Geiseln und gesicherte Hilfsgüterlieferungen. Sieben Monate später sieht die Realität anders aus.
Laut palästinensischem Gesundheitsministerium wurden seit dem 10. Oktober 2025 mindestens 857 Palästinenser getötet, darunter 229 Kinder. Die Datenbank des Armed Conflict Location and Event Data Project (ACLED) dokumentiert bis Mitte April mehr als 2.400 israelische Verstöße gegen das Abkommen: 921 Schusswaffenangriffe auf Zivilisten und 1.109 Bomben- sowie Artillerieangriffe. Israel rechtfertigt jeden Einsatz als Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen.
Parallel dazu verschob das israelische Militär die sogenannte gelbe Linie, jene Trennlinie, die im Abkommen als Bewegungsgrenze festgelegt war, schrittweise westwärts. Die IDF gibt an, heute etwa zwei Drittel des Gazastreifens zu kontrollieren. Hamas und palästinensische Stellen beziffern den Anteil auf 62 Prozent. Das ursprüngliche Abkommen sah eine israelische Präsenz von knapp über der Hälfte des Territoriums vor. Mehr als zwei Millionen Palästinenser leben auf dem verbleibenden Gebiet zusammengedrängt. 77 Prozent gelten nach UN-Angaben als akut ernährungsunsicher.
Haddad: Der sechste Versuch hatte Erfolg
Izz al-Din al-Haddad hatte sechs israelische Attentatversuche überlebt. Nach der Tötung Mohammed Sinwars im Mai 2025 übernahm er die Führung der Qassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas und stand seitdem an erster Stelle der israelischen Fahndungsliste. Das israelische Militär nannte ihn einen der Architekten des 7. Oktober. Am 15. Mai traf ein Luftangriff auf Gaza-Stadt das Gebäude, in dem er sich aufhielt. Getötet wurden laut Armeeangaben auch seine Frau, seine Tochter und weitere Personen. Hamas bestätigte den Tod.
Für die Hamas-Kommandostruktur bedeutet das den Verlust der wichtigsten verbliebenen Militärführung. Die Organisation hatte nach dem Tod Sinwars intern reorganisiert und militärische Operationen fortgesetzt. Ob das nach Haddad erneut gelingt und welche Fraktion die Führung übernimmt, ist offen. Fraktionen aus dem Auslandsbüro in Doha und Beirut sowie das unterirdische Netzwerk im Gazastreifen selbst konkurrieren um die Richtungsmacht. Eine Eskalation oder eine neue Verhandlungsrunde sind gleichermaßen möglich.
Permanente Teilung: Nicht mehr nur ein Szenario
CNN berichtete am 14. Mai unter Berufung auf UN-Funktionäre, dass Gaza Gefahr laufe, permanent geteilt zu werden. Nikolay Mladenov, Mitglied des UN-unterstützten Board of Peace, warnte öffentlich vor einem gefährlichen Status quo und einer Verfestigung der israelischen Langzeitpräsenz. UN-Experten haben in Sicherheitsratsberichten Formulierungen verwendet, die Merkmale ethnischer Säuberung und Annexion benennen.
Das israelische Militär teilte Mladenov mit, die gelbe Linie nicht aufzugeben. Eine Rückkehr zu den Originalparametern des Abkommens ist damit faktisch ausgeschlossen. Das Ceasefire-Abkommen wurde zuletzt erneut verlängert, erfüllt aber keine seiner zentralen Versprechen mehr: kein gesicherter Zugang für Hilfslieferungen, kein geregelter Gefangenenaustausch, kein Rückzugspfad.
Der Vergleich, den UN-Experten ziehen, hat historische Präzedenzfälle. Waffenstillstände, die militärische Besatzungsgewinne einfrieren, tendieren dazu, aus vorübergehenden Linien dauerhafter Grenzen zu machen. Zypern nach 1974 und Korea seit 1953 zeigen, wie das funktioniert. Für Gaza hieße das: ein israelisch kontrollierter Norden und Zentrum auf zwei Dritteln der Fläche, ein fragmentierter Süden ohne gesicherte Eigenständigkeit.
Wer Haddads Nachfolge übernimmt, entscheidet die nächste Phase
Der UN-Sicherheitsrat will noch im Mai über neue Governance-Strukturen für Gaza beraten. Die USA haben Interesse an einem Rahmen bekundet, der Hamas die politische Kontrolle entzieht und die Palästinensische Autonomiebehörde stärkt. Das ist kaum realisierbar, solange Hamas operative Strukturen im Gazastreifen kontrolliert und Verhandlungen von externem Druck abhängen.
Die unmittelbare Unsicherheit liegt auf der Seite der Hamas-Führung. Wer nach Haddad das Kommando über die Qassam-Brigaden übernimmt und wie diese Person zu Verhandlungen steht, wird die nächsten Wochen prägen. Für die mehr als zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens bedeutet diese Übergangsphase: keine Verbesserung der humanitären Lage, keine Klarheit über territoriale Eigenständigkeit, kein absehbares Ende des Konflikts.
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