Greenpeace: 100 statt 130 auf der Autobahn
Tempo 130 steht auf den weißen Richtschildern an deutschen Autobahnzufahrten. Seit dem Montagmorgen stand auf einigen ein anderer Wert: 100. Greenpeace-Aktivisten hatten Klebefolien über die 130er angebracht. Die Aktion war koordiniert, dauerte Minuten und war nach dem Eintreffen der Polizei vorbei. Doch der Effekt, auf den Greenpeace zielte, saß: Deutschland ist das einzige Land der EU ohne allgemeines Autobahntempolimit und das soll, wenn es nach der Bundesregierung geht, so bleiben.
Richtwert, kein Gebot: Was Tempo 130 bedeutet
Was viele Autofahrer nicht wissen: Die 130 auf deutschen Richtgeschwindigkeitsschildern ist keine Vorschrift, sondern eine Empfehlung. Wer schneller fährt, muss bei Unfällen eine erhöhte Mitschuld befürchten, aber bestraft wird das Überschreiten selbst nicht. Seit 1978 gilt die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen. Frankreich, die Niederlande, Österreich, Belgien, Spanien, Polen, Italien: Alle diese europäischen Länder haben bindende Tempolimits zwischen 100 und 130 km/h. Deutschland ist die einzige relevante Ausnahme in Europa.
Greenpeace forderte mit der Aktion ein verbindliches Limit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. Mobilitätsexpertin Marissa Reiserer von Greenpeace erklärte, die Bundesregierung blockiere "eine kostenlose, hocheffektive Maßnahme, die gleichzeitig Sprit spart, das Klima schützt und die Straßen sicherer macht". 65 Aktivisten waren an allen 26 Autobahngrenzübergängen gleichzeitig aktiv, auch auf der A4 bei Aachen. Strafrechtlich gilt das Überkleben von Verkehrsschildern als Sachbeschädigung.
Warum die Forderung jetzt wieder auftaucht
Die Debatte um ein Tempolimit ist nicht neu, aber das Argument der Spritpreise hat durch den Iran-Krieg eine andere Schärfe bekommen. Seit dem Beginn der Kampfhandlungen im Februar und der weitgehenden Schließung der Straße von Hormus sind die Kraftstoffpreise in Deutschland deutlich gestiegen. Der Einzelhandelsabsatz von Kraftstoffen sank im März 2026 um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr, ein historisch hoher Rückgang, der zeigt, dass Autofahrer tatsächlich sparen, wo sie können. Weniger fahren ist das eine. Langsamer fahren das andere.
Das Umweltbundesamt (UBA) hat berechnet, dass ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen zwischen 2025 und 2035 rund 90 Millionen Tonnen CO2 einsparen würde, also im Schnitt neun Millionen Tonnen pro Jahr. Zum Vergleich: Deutschlands gesamter Verkehrssektor emittierte 2024 rund 143 Millionen Tonnen CO2. Das Tempolimit würde den Verkehrssektor allein um mehr als sechs Prozent entlasten.
Bundestags-Grüne haben das Argument aufgegriffen. Ihre verkehrspolitische Sprecherin Swantje Michaelsen erklärte, die Aktivisten hätten demonstriert, wie schnell und einfach ein allgemeines Tempolimit eingeführt werden könnte. Die Grünen bringen am 22. Juni einen Gesetzentwurf für ein Tempolimit von 130 km/h in den Bundestag.
Warum die Bundesregierung blockiert
Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) lehnt ein Tempolimit entschieden ab. In einem Interview im Frühjahr erklärte Schnieder, Bürgerinnen und Bürger bräuchten keine "Nanny", die ihnen vorschreibe, wie schnell sie auf der Autobahn fahren dürften. Das entspricht der historischen CDU-Linie: Das Tempolimit auf deutschen Autobahnen gehört, zusammen mit dem Nein zur Impfpflicht, zu den wenigen Feldern, auf denen die Partei eine konservative Freiheitserzählung pflegt, die auch gegen Mehrheitsmeinungen standhält.
Umfragen zeigen seit Jahren, dass eine Mehrheit der Deutschen ein Tempolimit befürwortet. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov ermittelte 2024 eine Zustimmung von 57 Prozent. Die CDU-Koalition regiert in dieser Frage also gegen die Mehrheitsmeinung. Doch im parlamentarischen System reicht eine Meinungsmehrheit nicht: Solange CDU/CSU und SPD die Koalition halten und das Thema nicht auf EU-Ebene mit einer Richtlinie gelöst wird, ändert sich an der 130-Empfehlung nichts.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat im Frühjahr gemeinsam mit einem breiten Bündnis aus Umweltorganisationen, Ärzteverbänden und Verkehrssicherheitsexperten eine Kampagne gestartet, die Tempolimit als Dreifachmaßnahme gegen CO2-Emissionen, Luftverschmutzung und Verkehrstote positioniert. Die Ärzteorganisation BUND Ärzteschaft argumentiert, dass bei einem Tempolimit von 100 km/h die Feinstaubbelastung an Autobahnen spürbar sinken würde.
Am 22. Juni entscheidet der Bundestag
Die Grünen bringen ihren Entwurf für Tempo 130 am 22. Juni in den Bundestag. Die Chance, dass er eine Mehrheit findet, ist gering: CDU/CSU und SPD stellen die Koalitionsmehrheit und die CDU lehnt ein Tempolimit entschieden ab. Selbst der Grünen-Entwurf zielt nur auf 130 km/h, nicht auf die von Greenpeace geforderten 100 km/h. Dennoch dürfte die Debatte öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen, gerade weil der Iran-Krieg die Kraftstoffpreise auf einem Niveau hält, bei dem das Argument "einfach langsamer fahren" für viele Autofahrer seine Abstraktion verloren hat.
Greenpeace selbst weiß, dass Klebefolien keine Gesetze ändern. Die Aktion vom Montag zielt auf Meinungsklima und Medienresonanz, nicht auf die Berliner Gesetzgebung. Doch der Zeitpunkt war kalkuliert: Sechs Wochen vor der Bundestagsdebatte, während Brent-Rohöl an der 100-Dollar-Grenze kratzt, hat das Tempolimit-Argument eine ökonomische Schlagkraft, die es in normalen Zeiten nicht besitzt.
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