Wie Londons Polizei das Kaba-Verfahren stoppte
Im April 2025 kam die Entscheidung, auf die Familie Chris Kabas seit fast drei Jahren gewartet hatte: Die Polizeiaufsicht IOPC empfahl, Sergeant Martyn Blake wegen groben Fehlverhaltens vor ein Disziplinargericht zu stellen. Es wäre das erste formelle Verfahren in diesem Fall gewesen. Es kam nicht dazu. Im November 2025 bat die Metropolitan Police die IOPC ohne Wissen der Familie, das Verfahren einzustellen. Im Januar 2026 frierte die IOPC es ein.
5. September 2022: Ein Schuss in Streatham
Am 5. September 2022 schoss der Polizeisergeant Martyn Blake auf Chris Kaba, 24, in Kirkstall Gardens in Streatham, Süd-London. Kabas Audi Q8 war durch das automatische Kennzeichenerkennungssystem als Fahrzeug identifiziert worden, das am Vorabend bei einer Schießerei eingesetzt worden war. Kaba selbst war unbewaffnet. Beamte umzingelten das Fahrzeug. Blake schoss einmal durch die Windschutzscheibe, als Kabas Auto sich bewegte. Er erklärte vor Gericht, er habe geglaubt, ein Kollege stehe unmittelbar vor dem Tod, weil Kaba mit dem Auto zu entkommen versucht habe. Kaba starb am Tatort.
Im Oktober 2024 sprach das Old Bailey Sergeant Blake vom Mordvorwurf frei. Erst nach dem Freispruch wurden die Bodycam-Aufnahmen veröffentlicht. Sie zeigen, wie Beamte das Auto umzingeln, mehrfach „show me your hands“ rufen, dann ein einzelner Schuss, danach die Rufe „shots fired, shots fired“ und Erste-Hilfe-Anweisungen. Die Aufnahmen zeigen keine Waffe in Kabas Händen.
November 2025: Der Brief der Metropolitan Police
Im April 2025 kam die erste Entscheidung, auf die Familie seit Jahren gewartet hatte: Die IOPC kam zu dem Schluss, dass Sergeant Blake wegen groben Fehlverhaltens vor ein Disziplinargericht gestellt werden solle. Das hätte das erste formale Disziplinarverfahren in einem der meistdiskutierten Polizeitodesschüsse Großbritanniens seit Jahren bedeutet.
Was die Familie nicht wusste: Die Metropolitan Police arbeitete im Hintergrund dagegen. Im November 2025 schickte die Met ohne Wissen der Angehörigen einen Brief an die IOPC und bat darum, das gesamte Verfahren einzustellen. Als die Anwälte der Familie, Hickman & Rose, davon erfuhren, reagierten sie mit Unverständnis: „Wir können nicht verstehen, warum wir erst jetzt erfahren, dass die Met die IOPC im November gebeten hat, das Verfahren einzustellen.“
Im Januar 2026 frierte die IOPC das Verfahren formell ein. Als Begründung nannte die Behörde gesetzliche Änderungen für Polizeidisziplinarverfahren, die erst in Kraft treten müssten. Deborah Coles, Direktorin der Menschenrechtsorganisation INQUEST, die Todesfälle in Polizeigewahrsam dokumentiert, kommentierte das so: „Es ist alarmierend, dass die Polizei-Aufsichtsbehörde dem Druck der Metropolitan Police nachgegeben zu haben scheint, während die Familie Kaba im Dunkeln gelassen wurde.“
April 2026: Das Anonymitätsgesetz
Am 29. April 2026 trat der Crime and Policing Act 2026 in Kraft. Er enthält eine neue Regelung: Schusswaffenträger der Polizei, die strafrechtlich verfolgt werden, erhalten Anonymität bis zu einer Verurteilung. Bisher konnten ihre Namen nach Anklageerhebung berichtet werden.
Innenministerin Yvette Cooper hatte die Reform nach Blakes Freispruch im Oktober 2024 angekündigt und als Schutz für Beamte vor Belästigung begründet. Premierminister Keir Starmer formulierte die Haltung der Regierung so: „Es ist wichtig, dass die Polizei weiß, dass wir Vertrauen in sie haben bei dieser sehr schwierigen Arbeit.“ Menschenrechtsanwälte und INQUEST widersprachen: Die Anonymitätsregel untergrabe das Prinzip öffentlicher Rechenschaft bei staatlich ausgeübter Gewalt. Wenn ein Polizist im Dienst tötet und dafür ein Verfahren droht, sei das öffentliche Interesse an Transparenz höher zu gewichten als der Schutz vor der Presse.
Was die Zahlen über die Metropolitan Police zeigen
Der Fall Kaba ist kein Einzelfall. Im Juli 2025 veröffentlichte die Metropolitan Police einen internen Bericht, den sie selbst in Auftrag gegeben hatte. Dr. Shereen Daniels analysierte das Ergebnis unter dem Titel „30 Patterns of Harm“: Anti-Schwarzen-Rassismus sei „in das institutionelle Design eingebaut“. HR-Systeme belohnten Vertrautheit statt Fairness, Rassismus-Beschwerden würden als „Scherze oder Persönlichkeitskonflikte“ abgetan. Der Bericht stützte sich auf mehr als 40 Jahre interne Evidenz.
Commissioner Sir Mark Rowley nannte den Bericht „kraftvoll“ und verwies auf einen Anstieg des Vertrauens bei schwarzen Londoner Bürgern um zehn Prozent in zwei Jahren. Die National Black Police Association (NBPA) widersprach: Seit dem Casey-Report 2023, dem bis dahin kritischsten Bericht über die Met, habe sich die Lage verschlechtert, nicht verbessert.
Die Statistiken für das Jahr bis März 2025 belegen eine strukturelle Schieflage: Schwarze Menschen werden in England und Wales 3,7-mal häufiger von der Polizei durchsucht als Weiße. In der Region der Metropolitan Police ist der Abstand noch größer: 32,8 Durchsuchungen pro 1.000 Schwarze, gegenüber 6,0 pro 1.000 Weiße. Die Met ist zuständig für 66 Prozent aller Durchsuchungen an schwarzen Menschen in ganz England und Wales.
IOPC entscheidet bis Ende Juli 2026
Bis Ende Juli 2026 wird die IOPC entscheiden, ob sie das Disziplinarverfahren gegen Sergeant Blake wieder aufnimmt. Wenn sie es tut, wäre es das erste formale Disziplinarverfahren in diesem Fall. Wenn nicht, schließt sich der Fall ohne formale Aufarbeitung, mehr als vier Jahre nach dem Tod von Chris Kaba.
Die Familie und ihre Anwälte fordern drei Dinge: die Wiederaufnahme des Verfahrens, eine Rücknahme der neuen Anonymitätsregel für Schusswaffenträger und eine transparente Untersuchung des November-2025-Briefes der Met an die IOPC. Auf keines dieser drei Anliegen gibt es bisher eine Antwort der Behörden.
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