Hämophilie B: Eine Infusion statt 150 Spritzen pro Jahr
Dreieinhalb Jahre nach der US-Zulassung hat Kanada am 20. Mai 2026 zum ersten Mal einen Patienten mit Hemgenix behandelt. Das Medikament gilt mit einem Listenpreis von 3,5 Millionen Dollar als teuerstes der Welt. Für Hämophilie-B-Patienten, die sonst jahrzehntelang mehrfach wöchentlich Gerinnungsfaktor injizieren müssen, soll eine einzige Infusion ausreichen.
Was ist Hämophilie B?
Hämophilie B ist eine angeborene Blutgerinnungsstörung, die fast ausschließlich Männer betrifft. Betroffene produzieren zu wenig oder kein funktionsfähiges Faktor-IX-Protein, das für die Blutgerinnung unverzichtbar ist. Ohne Behandlung kann selbst eine leichte Prellung innere Blutungen auslösen, die Gelenke dauerhaft zerstören oder lebensbedrohlich werden. Weltweit leben nach aktuellen Schätzungen rund 42.000 Menschen mit Hämophilie B.

Die Standardtherapie ist aufwendig: Patienten mit schwerem Verlauf spritzen sich zwei- bis dreimal wöchentlich Faktor IX, was 104 bis 156 Infusionen im Jahr entspricht. Modernere Präparate mit verlängerter Halbwertszeit senken die Zahl auf etwa 52 Injektionen jährlich. In den USA kosten solche Prophylaxen durchschnittlich 700.000 bis 800.000 Dollar pro Jahr; über eine Lebenszeit summieren sich die Kosten auf mehr als 20 Millionen Dollar.
Wie Hemgenix funktioniert
Hemgenix setzt an der Ursache an, nicht an den Symptomen. Der Wirkstoff Etranacogene Dezaparvovec nutzt einen harmlosen Adeno-assoziierten Virus vom Typ 5 (AAV5) als Transportvehikel. Dieser trägt eine optimierte Kopie des FIX-Gens direkt in die Leberzellen des Patienten. Die Leberzellen beginnen daraufhin selbst Faktor IX herzustellen und zwar in einer Variante, die laut Hersteller CSL Behring fünf- bis achtmal aktiver ist als das natürliche Protein.
Am 22. November 2022 ließ die US-Arzneimittelbehörde FDA Hemgenix als erste Gentherapie gegen Hämophilie B weltweit zu. CSL Behring und das Biotechunternehmen uniQure hatten das Präparat gemeinsam entwickelt. Der Listenpreis beträgt 3,5 Millionen Dollar, was Hemgenix bei der Zulassung zum teuersten Medikament der Welt machte.
Was die HOPE-B-Studie zeigt
Die Zulassungsstudie HOPE-B hat die Wirksamkeit inzwischen über fünf Jahre dokumentiert. Die im New England Journal of Medicine publizierten Langzeitdaten sind eindeutig: Vier Jahre nach der einmaligen Infusion waren 94 Prozent der Studienteilnehmer frei von jeglicher prophylaktischer Dauerbehandlung. Die Faktor-IX-Aktivität im Blut lag im Schnitt bei 36,1 Prozent des Normalwerts, ein Niveau das für die meisten Betroffenen ausreicht, um spontane Blutungen zu verhindern. Die Blutungsrate sank gegenüber der vorherigen Standardtherapie um rund 65 Prozent.
Über fünf Jahre wurden laut den Studienautoren keine schwerwiegenden Langzeitnebenwirkungen beobachtet. Früh war ein theoretisches Risiko eines durch den Virusvektor ausgelösten Leberkrebses diskutiert worden; die Fünfjahresdaten haben diesen Verdacht nicht bestätigt.
Andere Gentherapien als Maßstab
Hemgenix ist nicht der erste Schritt in dieser Richtung, aber der weitreichendste zugelassene. Im Dezember 2023 genehmigte die FDA Casgevy, eine CRISPR-basierte Therapie gegen Sichelzellkrankheit, eine andere erbliche Bluterkrankung. Für Hämophilie A, die häufigere Schwestererkrankung von Hämophilie B, hat BioMarin mit Roctavian in mehreren Märkten eine Gentherapie durchgesetzt. Die Zahl der zugelassenen Gentherapien für erbliche Erkrankungen hat sich in den letzten drei Jahren deutlich erhöht.
Ein weiterer Vergleichspunkt ist die Hepatitis-C-Heilung: Seit 2014 stehen direkt antivirale Therapien zur Verfügung, die Erkrankung in über 95 Prozent der Fälle heilen. Davor galt chronische Hepatitis C als nicht heilbar. Hemgenix könnte für Hämophilie B eine ähnliche Trendwende bedeuten, mit dem Unterschied, dass die Preise für antivirale Hepatitis-Mittel nach der Markteinführung rasch sanken, während strukturelle Merkmale von Gentherapien, aufwendige Herstellung und kleine Patientengruppen, hohe Preise eher stabilisieren.
Wer zahlt 3,5 Millionen Dollar?
Der Preis ist der entscheidende Engpass. In den USA haben viele große Krankenversicherer Hemgenix in ihre Erstattungslisten aufgenommen, teils mit ergebnisbasierten Vereinbarungen: Wenn die Therapie die zugesagten Blutungsraten nicht erreicht, erhält der Versicherer einen Teil des Geldes zurück. CSL Behring argumentiert, die Therapie spare über eine Lebenszeit bis zu 20 Millionen Dollar an Behandlungskosten, was den Listenpreis von 3,5 Millionen Dollar wirtschaftlich rechtfertige.
Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Rechnung für Gesundheitssysteme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nicht aufgeht. Dort ist selbst die konventionelle Faktor-IX-Prophylaxe oft nicht zugänglich. Eine Therapie, die pro Behandlung mehr kostet als viele Staaten jährlich für ihre gesamte Arzneimittelversorgung ausgeben, vertieft bestehende Ungleichheiten strukturell.
Drei Bedingungen für breite Verfügbarkeit
Wie schnell Hämophilie-B-Patienten in anderen Ländern profitieren können, hängt von drei Faktoren ab. Erstens müssen nationale Zulassungsbehörden das Medikament freigeben, was in Europa und weiteren Ländern entweder noch aussteht oder laufend geprüft wird. Zweitens müssen Versicherungssysteme Erstattungsmodelle entwickeln, die eine Einmalzahlung in dieser Größenordnung ermöglichen. Drittens brauchen Patienten Zugang zu spezialisierten Zentren, die Infusion sicher durchführen können.
Wie langsam dieser Prozess verlaufen kann, zeigt das Beispiel der USA: Obwohl Hemgenix dort seit November 2022 zugelassen ist, haben bis Mitte 2024 erst rund 135 Patienten weltweit eine solche Therapie erhalten. Für die 42.000 Hämophilie-B-Patienten weltweit ist die Zulassung ein Durchbruch. Der breite Marktzugang ist es noch nicht.
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