88 Arten erholen sich allein: Himalaja nach 30 Jahren
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88 Arten erholen sich allein: Himalaja nach 30 Jahren

32 Jahre lang pflanzten Forschende und Gemeinden im indischen Himalaja Bäume auf einem verödeten Berghang in Uttarakhand. Heute beherbergt das Surya-Kunj-Projekt über 160 Vogelarten und 88 Baumarten keimen ohne jede menschliche Hilfe.

11. Mai 2026, 8:38 Uhr 657 Wörter · 4 Min. Lesezeit

1992 war der Berghang bei Almora ein verödetes Stück Land auf 1.200 Metern Höhe im westlichen Himalaja. Heute beherbergt er über 160 Vogelarten, rund 100 Schmetterlingsarten und hundert Heilpflanzenarten. Und 88 der dort gepflanzten Baumarten vermehren sich von allein. Eine Studie im Fachjournal Frontiers in Conservation Science dokumentiert 32 Jahre Wiederaufforstung durch das Surya-Kunj-Projekt und zeigt, was passiert, wenn Menschen einen Wald nicht nur einpflanzen, sondern konsequent begleiten.

28 Hektar, 190 Arten, drei Jahrzehnte

Das Surya-Kunj-Projekt (hindi: Sonnenhain) startete 1992 unter Leitung des staatlichen G.B.-Pant-Nationalinstituts für Himalaja-Umweltforschung auf einem 28 Hektar großen Berghang nahe der Stadt Almora in Uttarakhand, Indien. Das Gelände lag auf 1.100 bis 1.250 Metern Höhe und war durch Übernutzung degradiert. Über die 32 Jahre Projektlaufzeit wurden 190 Baumarten gepflanzt, die 51 Prozent der 372 natürlich vorkommenden Pflanzenarten der Region repräsentieren.

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Die Überlebensraten unterscheiden sich deutlich nach Herkunft der Arten. Einheimische Baumarten überlebten zu 62 Prozent, nicht einheimische nur zu 38 Prozent. Insgesamt überlebte rund die Hälfte aller gepflanzten Arten. 88 davon haben sich so weit etabliert, dass sie ohne menschliche Unterstützung keimen und sich verbreiten. Der Wald reproduziert sich in Teilen selbst.

Was 32 Jahre konsequenter Pflege aufgebaut haben

Die Zahlen zur Biodiversität sind eindrücklich. Über 160 Vogelarten haben sich auf dem Gelände angesiedelt, dazu rund 100 Schmetterlingsarten, 78 Insektenarten, 86 Moosarten und hundert Heilpflanzenarten. Viele dieser Arten sind nicht aktiv eingebracht worden, sondern haben den Wald über die Jahrzehnte selbst gefunden und besiedelt.

Das Projekt hat dabei die umliegende Gemeinschaft systematisch einbezogen. 62 Bildungsworkshops mit insgesamt 5.331 Schülerinnen, Studierenden und Anwohnern wurden über die Projektlaufzeit durchgeführt. Waldschutz ist in der Region keine externe Maßnahme geworden, sondern Teil des lokalen Bewusstseins. Das ist keine weiche Kennzahl: Ohne die Akzeptanz der umliegenden Gemeinden ist langfristige Aufforstung in dicht besiedelten Bergregionen kaum möglich.

himalaja

Warum das Modell mehr als ein Lokalprojekt ist

Die Studie liefert ein Argument, das in der internationalen Aufforstungsdebatte bislang zu wenig gehört wird: Einheimische Arten überleben deutlich besser als nicht einheimische. 62 zu 38 Prozent ist ein erheblicher Unterschied. Das ist ein direkter Einwand gegen die verbreitete Praxis, schnellwachsende Exoten oder Monokulturen zu pflanzen, die zwar rasch Biomasse produzieren, aber kaum Biodiversität aufbauen. Wer einen Wald wiederherstellen will, muss mit den Arten arbeiten, die dort hingehören.

Hinzu kommt eine zweite Erkenntnis: Artenvielfalt braucht Zeit. Nicht fünf Jahre, nicht zehn. Das Surya-Kunj-Projekt dokumentiert einen Aufbau über drei Jahrzehnte, in dem jedes Jahr eine neue Schicht Biodiversität entstanden ist. 88 Arten, die sich selbst tragen, sind nicht das Ergebnis eines Jahrgangs guter Planung, sondern von 32 Jahren konsequenter Begleitung. Das ist eine Zahl, die politisch unbequem ist, weil sie keine Legislaturperiode kennt.

Im Vergleich: Von Japan bis Ecuador

Der japanische Botaniker Akira Miyawaki entwickelte seit den 1970er Jahren eine Methode für schnelle Waldregeneration durch dichte Bepflanzung einheimischer Arten auf kleinen Flächen. Miyawaki-Wälder, die in Dutzenden Ländern weltweit repliziert wurden, erreichen durch die hohe Pflanzungsdichte innerhalb von 10 bis 20 Jahren eine Baumhöhe, für die natürliche Wälder oft zwei Jahrhunderte brauchen. Das Surya-Kunj-Projekt zeigt, dass dasselbe Prinzip auf 28 Hektar und über mehrere Jahrzehnte auch die Wiederherstellung ganzer Ökosysteme ermöglicht. Eine im April 2026 in Nature erschienene Studie zur natürlichen Waldregeneration im ecuadorianischen Chocó-Regenwald bestätigt den Befund von einer anderen Seite: Auch ohne aktive Bepflanzung haben sich dort in 30 Jahren mehr als 90 Prozent der ursprünglichen Artenvielfalt erholt, wenn intakter Urwald in der Nähe als Samenquelle erhalten blieb.

Was das Sonnenhain-Modell in anderen Bergregionen bräuchte

Das Modell klingt einfach: einheimische Arten pflanzen, Gemeinde einbinden, Jahrzehnte abwarten. Was es voraussetzt, ist weniger Technik als Kontinuität. Das GBP-NIHE-Institut hat 32 Jahre lang konsequent weitergepflanzt, dokumentiert und die Bevölkerung eingebunden, durch wechselnde Bundesregierungen und mehrere Institutsleitungen hindurch. In Deutschland, wo durch Borkenkäfer, Dürre und Windwurf seit 2018 Hunderttausende Hektar Wald geschädigt wurden, laufen Wiederaufforstungsprogramme oft nur über Fünfjahrespläne. Das ist strukturell zu kurz für das, was Wald braucht. Der Surya-Kunj-Sonnenhain ist nach 32 Jahren noch nicht fertig. Er ist erst gewachsen genug, um sich selbst weiterzutragen.

Quellen (5)

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