Irans verletzter Führer und die Milizen in Teheran
Der iranische Protokollchef Mazaher Hosseini beschrieb diese Woche erstmals öffentlich die Verletzungen von Modschtaba Chamenei: Verletzungen an Kniescheibe und Rücken sowie ein kleiner Schnitt hinter dem Ohr, verdeckt durch seinen Turban. "Er ist in bester Gesundheit", sagte Hosseini, das Knie werde bald heilen. Das Bild, das westliche Geheimdienste zeichnen, ist ein anderes. US-Nationaler Sicherheitsberater Mike Waltz bezeichnete Irans neuen Obersten Führer öffentlich als "schwer verletzt" und "im Versteck". Amerikanische Medien berichten von Beinprothese und mehreren Operationen. Seit März 2026 ist Modschtaba Chamenei auf keiner offiziellen Veranstaltung aufgetaucht.
Aus dem Verborgenen regieren
Am 28. Februar 2026 traf ein US-israelischer Luftschlag das Führungsgelände in Teheran und tötete Ali Chamenei, den Obersten Führer der Islamischen Republik. Sein Sohn Modschtaba, 56, der bis dahin kaum öffentlich in Erscheinung getreten war, überlebte als schwer Verletzter und wurde von der Expertenversammlung wenig später zum neuen Obersten Führer ernannt. Seitdem hat er das Amt formal inne, erscheint aber nicht. An Kriegsratssitzungen und den Verhandlungen mit Washington nimmt er per Audiokonferenz teil. Wie CNN im März unter Berufung auf westliche Geheimdienstkreise berichtete, hat er Entscheidungen zur Kriegsstrategie mitgetroffen, ohne jemals im Bild zu sein.
Die Divergenz zwischen offizieller Darstellung und Geheimdienstberichten ist erheblich. Teheran spricht von Verletzungen an Kniescheibe und Rücken sowie einem kleinen Schnitt. Westliche Stellen beschreiben schwere Gesichtsverletzungen, Beinverletzungen, die eine Prothese erforderlich machten und mehrere Eingriffe. Unabhängig verifizieren lässt sich keines dieser Details. Das ist Teil des Problems: Ein Regimechef, dessen Gesundheitszustand zum Staatsgeheimnis erklärt wird, schafft ein Vakuum an Legitimität, das Spekulation anhebt und Loyalitätsfragen offen lässt.
Ausländische Milizen als Lückenbüßer
Die iranischen Sicherheitskräfte stehen seit Kriegsbeginn unter doppeltem Druck. Sie kämpfen an der Front, teils in Gebieten rund um den Persischen Golf und müssen gleichzeitig innenpolitische Unruhen eindämmen, die seit dem Kriegsbeginn anschwellen. Die Erschöpfung des eigenen Apparats ist, so berichten mehrere westliche Analysen, der Grund, warum das Regime auf ausländische Milizen zurückgreift, die es über Jahrzehnte als außenpolitisches Instrument aufgebaut hatte.
Die Frankfurter Rundschau berichtete diese Woche, dass ausländische Milizen in Teheran und anderen iranischen Städten gemeinsam mit einheimischen Sicherheitskräften patrouillieren, Kontrollpunkte besetzen und Regierungsveranstaltungen absichern. Namentlich genannt werden Hashd al-Shaabi, das irakische Dachbündnis schiitischer Milizen, das die Quds-Einheit der Revolutionsgarden seit der IS-Bekämpfung 2014 aufgebaut hatte, sowie die Fatemiyoun, eine aus pakistanisch-schiitischen Kämpfern bestehende Truppe, die hauptsächlich im Zentraliran und Norden eingesetzt ist. Anwohner, die mit der Zeitung sprachen, verwendeten das Wort "Besatzung". Es ist ein Begriff, den Iraner bisher ausschließlich für die Präsenz iranisch gesteuerter Milizen in Syrien, dem Irak oder dem Libanon kannten.
Für das Regime ist die Logik nachvollziehbar. Diese Milizen sind ideologisch an Teheran gebunden, sprechen aber nicht persisch und haben keine gesellschaftlichen Bindungen in Iran. Sie sind weniger anfällig für lokale Solidarität mit Demonstranten. Das macht sie zu einem Kontrollinstrument, das der eigene Sicherheitsapparat unter diesen Bedingungen nicht verlässlich liefern kann.
Nach außen drohen, innen stabilisieren
Parallel zu dieser innenpolitischen Absicherung setzt das Regime auf verbale Eskalation nach außen. Die Marine der Revolutionsgarden warnte diese Woche in einer offiziellen Erklärung: Sollten die USA erneut iranische Öltanker angreifen, werde Iran "mit einem schweren Angriff auf amerikanische Stützpunkte und feindliche Schiffe in der Region" antworten. Die US-Marine hatte Mitte Mai zwei iranische Tanker im Golf von Oman aufgehalten, die nach Darstellung des Pentagon versuchten, die amerikanische Seeblockade iranischer Häfen zu umgehen. Teheran wertete das als Verstoß gegen die seit dem 8. April geltende Waffenruhe.
Dieser Mechanismus, innere Schwäche durch außenpolitische Stärkedemonstration zu kompensieren, ist für das islamische Regime nicht neu. Die Frage ist, ob er unter den aktuellen Bedingungen noch funktioniert. Mehrere im Frühjahr erhobene Umfragen, darunter eine vom amerikanischen Center for Strategic and International Studies ausgewertete Befragung, deuten darauf hin, dass eine Mehrheit der iranischen Bevölkerung den Krieg ablehnt. Der Slogan, unter dem Demonstranten in Teheran und Isfahan auf die Straße gingen, war präzise: "Kein Geld für Milizen, gebt es dem Volk."
Das 30-Tage-Fenster schließt sich
Die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran, die Anfang Mai in einer weiteren Islamabad-Runde stattfanden, produzierten ein Rahmendokument. Dieses 30-Tage-Memorandum sollte als Grundlage für eine dauerhafte Hormus-Lösung dienen, ist aber noch nicht unterzeichnet. Die Zeit läuft. Nach 30 Tagen, also um Mitte Juni, würde die Grundlage für Gespräche formell verfallen, wenn keine Seite sie verlängert.
Für Teheran ist der Verhandlungsdruck hoch: Die Waffenstillstandsverletzungen auf beiden Seiten, die Tanker-Konfrontationen und die innenpolitische Instabilität erhöhen den Preis des weiteren Kriegführens täglich. Für Washington kommt erschwerend hinzu, dass die Junifrist für eine Ukraine-Lösung denselben Diplomatiekalender belastet. Ob das Regime unter diesen Bedingungen verhandelbar bleibt oder ob der verborgene Führungsstil Modschtabas die iranische Entscheidungsfähigkeit einschränkt, ist die offene Frage der nächsten Wochen. Ein Regime, das seinen eigenen Gesundheitszustand zum Staatsgeheimnis erklärt, hat Schwierigkeiten, Vertrauen in Verhandlungsprozessen aufzubauen, die auf gegenseitiger Verlässlichkeit beruhen.
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