Gründerinnen übertreffen Männer, bekommen kaum Kapital
Good News

Gründerinnen übertreffen Männer, bekommen kaum Kapital

Gründerinnen erwirtschaften fast zweieinhalbmal mehr Umsatz pro investiertem Dollar als männliche Pendants, erhalten in Deutschland aber nur ein Prozent des Risikokapitals. Eine BCG-Studie liefert die Daten, der Female Founders Monitor 2025 beschreibt die deutsche Lücke.

11. Juni 2026, 17:00 Uhr 730 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Von 7,8 Milliarden Euro Risikokapital, das 2025 in Deutschland in Startups floss, erhielten rein weiblich geführte Teams 53 Millionen Euro. Knapp ein Prozent. Das Missverhältnis ist schwer zu rechtfertigen: Gründerinnen generieren pro investiertem Dollar 78 Cent Umsatz, Gründer nur 31 Cent.

Mehr Umsatz mit weniger Kapital

Die meistzitierte Studie zu diesem Thema stammt von der Boston Consulting Group, die im Rahmen des MassChallenge-Accelerator-Programms 350 Startups auswertete. Das Ergebnis: Gründerinnen generierten 78 Cent Umsatz pro investiertem Dollar, Gründer lediglich 31 Cent. Kumuliert über fünf Jahre erwirtschafteten weiblich geführte Startups 730.000 Dollar, ihre männlich geführten Pendants 662.000 Dollar und das, obwohl Gründerinnen im Schnitt nur 935.000 Dollar eingesammelt hatten, verglichen mit 2,12 Millionen Dollar bei rein männlichen Teams.

Für Deutschland zeigt der EY Startup-Barometer 2026 eine ernüchternde Bilanz: Von rund 7,8 Milliarden Euro investiertem Risikokapital im Jahr 2025 flossen 53 Millionen Euro an rein weiblich geführte Startups, also knapp ein Prozent. Von 660 finanzierten Startups hatten nur 21 ausschließlich Frauen im Gründungsteam, das entspricht drei Prozent. Seit 2017 hat sich das in Startups mit mindestens einer Gründerin investierte Risikokapital in Deutschland zwar vervierfacht. Die Richtung stimmt, das Tempo nicht.

Neunzehn Prozent und sinkend

Das Phänomen lässt sich nicht mit Qualitätsmängeln bei Gründerinnen erklären. Die Ursachen liegen woanders. Laut dem Analyse-Bericht "State of Female Founders 2026" des Marktforschungsunternehmens Theanna führen 96 Prozent aller Risikokapitalfirmen Männer. Das erzeugt in der Praxis ein systematisches Muster: Investoren neigen dazu, Gründerprofile zu finanzieren, die dem eigenen ähneln.

Der Female Founders Monitor 2025 des Deutschen Startup-Verbands belegt einen besorgniserregenden Trend: Der Anteil von Startups mit mindestens einer Frau im Gründungsteam ist in Deutschland von 21 Prozent im Jahr 2024 auf 19 Prozent im Jahr 2025 gesunken. Gründerinnen sind überproportional in B2C-Märkten aktiv, namentlich E-Commerce, Bildung und Gesundheit, die bei Risikokapitalgebern als weniger skalierbar gelten als Deep Tech oder Enterprise Software. Bemerkenswert: Auch in ClimateTech und GreenTech, wo Gründerinnen mit 15 Prozent deutlich vertreten sind und Wachstumserwartungen hoch sind, bleibt die Unterfinanzierung bestehen.

Die Ewing Marion Kauffman Foundation, eine US-amerikanische Stiftung für Gründungsforschung, dokumentiert in ihren Analysen, dass weiblich geführte Teams vergleichbare Umsätze mit einem Drittel weniger Kapital erzielen. Für Investoren bedeutet das: Bei gleichem Umsatzziel entstehen weniger Verwässerung der Anteile und geringeres Abschreibungsrisiko. Die strukturelle Präferenz für kapitalintensivere, männlich geführte Teams liefert also systematisch schlechtere risikogewichtete Renditen.

Im Vergleich: Deutschland hinter dem Weltdurchschnitt

Globale Daten von 2024 zeigen, dass rein weiblich gegründete Startups weltweit auf 2,3 Prozent des gesamten Risikokapitals kamen. Gemischte Teams mit mindestens einer Gründerin erhielten weitere 14,1 Prozent. Der Weltdurchschnitt ist schlecht, Deutschland liegt mit einem Prozent noch weit darunter.

In den USA hat die Debatte seit Mitte der 2010er Jahre mehr Struktur gewonnen. Dedizierte Fonds wie der Female Founders Fund und mehrere Acceleratoren, die sich explizit an Gründerinnen wenden, haben einen Markt für diese Investitionsform entwickelt. Auch Großbritannien hat mit der British Business Bank staatlich gestützte Programme aufgelegt. In Nordeuropa, wo Transparenzpflichten für Kapitalgeber und öffentliche Erstinvestitionen weiter verbreitet sind, liegt der Anteil weiblich mitgegründeter Startups am VC-Volumen merklich über dem deutschen Wert.

Der Theanna-Bericht beziffert die globale wirtschaftliche Opportunität durch die Unterfinanzierung von Gründerinnen auf fünf Billionen Dollar. Das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt Japans.

Drei Bedingungen für einen beschleunigten Wandel

Bei aktuellem Trend würde Kapitalparität zwischen weiblich und männlich gegründeten Unternehmen im Jahr 2065 eintreten, so das Theanna-Modell. Das entspricht zwei Generationen oder, aus Investorensicht, mehreren vollständigen Fondszyklen ohne Ausschöpfung des verfügbaren Renditepotenzials.

Drei Veränderungen würden diesen Zeitraum verkürzen. Erstens: verbindliche Transparenz. Deutschland hat mit dem Female Founders Monitor eine solide Datenbasis, aber er wird freiwillig erhoben. Für VC-Firmen verbindliche Diversitätsberichterstattung, wie sie in einzelnen EU-Mitgliedsstaaten diskutiert wird, würde strukturellen Druck erzeugen. Zweitens: eine Diversifizierung im VC-Sektor selbst. Derzeit treffen weltweit nur 15,4 Prozent weibliche Partner in Risikokapitalfirmen die Investitionsentscheidungen. Drittens: öffentliche Erstinvestitionen als Marktsignal. Die KfW bereitet für 2026 eine neue Auflage ihres Wachstumsfonds vor. Ob er einen Diversitätsschwerpunkt enthält, ist bislang nicht öffentlich kommuniziert worden.

Das Fazit nach Datenlage ist eindeutig: Gründerinnen sind keine Risikogruppe. Sie sind eine systematisch untergenutzte Renditeressource.

Quellen (8)

Kommentare