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Wirtschaft
IEA warnt: Europas Kerosinvorräte reichen noch sechs Wochen

IEA warnt: Europas Kerosinvorräte reichen noch sechs Wochen

Die Internationale Energieagentur warnt, dass europäische Flughäfen bei anhaltender Hormusblockade bis Juni 2026 ohne Kerosin dastehen könnten. IEA-Chef Fatih Birol spricht von der schlimmsten Energiekrise der Geschichte und empfiehlt Tempolimit und Homeoffice.

16. April 2026, 12:25 Uhr 865 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wenn die Blockade der Straße von Hormus anhält, gehen Europas Kerosinvorräte bis Juni 2026 zur Neige. IEA-Chef Fatih Birol beziffert die verbleibenden Reserven auf etwa sechs Wochen und nennt die aktuelle Lage die schlimmste Energiekrise der Geschichte. Für Millionen Flugreisende im Sommer und Millionen Gashaushalte geht es um handfeste Einschränkungen, nicht um abstrakte Szenarien.

Das Nadelöhr der Weltwirtschaft

Die Straße von Hormus zwischen Iran und Oman ist seit dem Ausbruch des Irankrieges am 28. Februar 2026 de facto gesperrt. Durch sie fließen täglich rund 20 Millionen Barrel Öl sowie ein Fünftel der weltweiten Flüssiggaslieferungen (LNG). Das entspricht 25 bis 33 Prozent aller globalen Ölverschiffungen. Kein kommerzielles Schiff kommt heute durch die Meerenge, ohne das Risiko iranischer Eingriffe einzugehen.

Die wirtschaftlichen Folgen sind messbar: Gaspreise sind seit Beginn der Blockade um 70 Prozent gestiegen, Ölpreise um 50 Prozent. Die Internationale Energieagentur hat am 11. März 2026 eine koordinierte Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven ihrer 32 Mitgliedsländer angeordnet, die größte in der Geschichte der Agentur seit ihrer Gründung 1974. Diese Menge entspricht jedoch nur rund 20 Tagen des normalen Hormusdurchflusses, ein begrenztes Mittel auf Zeit.

Sechs Wochen bis zum Engpass

Fatih Birol, Generaldirektor der IEA, hat die Kerosinlage als kritisch eingestuft. Europa bezog vor dem Irankrieg erhebliche Teile seines Kerosins aus Raffinerien am Persischen Golf, die nun weder ausreichend Rohöl empfangen noch ungehindert liefern können. Der europäische Flughafenverband ACI Europe meldete Anfang April, mehrere EU-Staaten befänden sich bereits in der Rationierung, einzelne Länder hätten Vorräte für nur acht bis zehn Tage. Die EU-Kommission warnte öffentlich vor Kerosinengpässen in naher Zukunft.

Birol empfiehlt vier Sofortmaßnahmen: Tempolimit auf Autobahnen, erweiterte Homeoffice-Pflichten, Energiesparprogramme für die Industrie und koordinierte Bestandsteilung zwischen EU-Staaten. Die Europäische Union kalkuliert bisher mit Mehrkosten von rund 13 Milliarden Euro für den gestiegenen Preis fossiler Importe seit Februar 2026. Die EU-Kommission arbeitet an einem Notfallplan zur Kerosinversorgung, um Flugausfälle in der Hauptreisesaison zu vermeiden.

Was das für Haushalte und Reisende bedeutet

Bei Gaspreisen von derzeit 70 Prozent über Vorkriegsniveau kommen die Kosten vor allem bei Mieterhaushalten an, die über Fernwärme oder Gasheizungen versorgt werden und kurzfristig keine Möglichkeit haben zu wechseln. Neuzugänge in Gasversorgungsverträgen bezahlen deutlich mehr als Bestandskunden. Transportunternehmen und Pendler spüren erhöhte Dieselpreise direkt in der Kasse.

Für Flugreisende ist der Sommer das kritische Zeitfenster. Airlines haben bei anhaltender Kerosinknappheit keine Alternative zu Streichungen, wenn der Treibstoff nicht verfügbar oder nicht mehr finanzierbar ist. Besonders gefährdet sind Billigfluggesellschaften mit dünnen Margen, die keinen langfristigen Preisabsicherungsrahmen abgeschlossen haben.

Deutschland ist auch militärisch in der Planung: Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, die Bundeswehr bereite sich auf eine mögliche Beteiligung an einer multinationalen Minenräummission in der Straße von Hormus vor, sollten die Verhandlungen scheitern. Großbritannien und Frankreich haben unabhängig davon eine eigene Sicherheitsmission für die Meerenge angekündigt.

21. April als Scheideweg

Am 21. April läuft die Waffenruhe zwischen Iran und den USA ab. Zweite Verhandlungen in Islamabad sollen noch vor diesem Datum stattfinden. Drei Szenarien prägen die Lage: Ein Rahmenabkommen mit Waffenruheverlängerung würde Hormus in Wochen sukzessive öffnen und die Energiepreise mittelfristig entlasten. Eine reine Verlängerung ohne Substanzeinigung würde die Rationierungslage verlängern, einen akuten Sommerengpass aber verhindern. Scheitern die Gespräche, rechnen Energieexperten mit Kerosinengpässen ab Mai und weiteren Preissteigerungen bei Gas und Öl, die deutlich über das aktuelle Niveau hinausgehen würden.

Update 16. April, 22:36 Uhr: Die fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ifo, DIW, IfW, IWH und RWI senkten ihre Konjunkturprognose für 2026 einstimmig auf 0,6 Prozent Wachstum, nach ursprünglich 1,3 Prozent. Als direkten Grund nennen alle fünf den Energiepreisschock durch die Hormusblockade. In Zahlen: 100.000 Arbeitsplätze fallen weg, die Arbeitslosenquote steigt auf 6,4 Prozent, die Inflation auf 2,8 Prozent. Das Staatsdefizit klettert auf 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und überschreitet damit erstmals seit Jahren die Maastricht-Grenze von 3 Prozent. Finanzminister Lars Klingbeil forderte eine Beschleunigung staatlicher Investitionen als Gegenstrategie.

Update 17. April, 04:39 Uhr: Die menschliche Dimension der Blockade konkretisiert sich. Nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO sitzen mehr als 2.000 Handelsschiffe mit rund 20.000 Seeleuten seit über einem Monat im Persischen Golf fest, ohne Möglichkeit, ihre Schiffe zu verlassen. Der Schiffsdurchsatz durch die Meerenge ist gegenüber dem Vorkriegswert von rund 150 Schiffen täglich drastisch eingebrochen. Bundeskanzler Merz bekräftigte auf der Pariser Konferenz Deutschlands Bereitschaft zur Beteiligung an einer multinationalen Schiffssicherungsmission. Ein konkreter Beschluss kam dabei nicht zustande. Am 21. April läuft die Iran-USA-Waffenruhe ab, eine Einigung zeichnet sich nach dem Scheitern der Islamabad-Gespräche bislang nicht ab.

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