Ifo-Index steigt trotz Iran-Krise überraschend
Wirtschaft

Ifo-Index steigt trotz Iran-Krise überraschend

Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Mai trotz geschlossener Straße von Hormus von 84,5 auf 84,9 Punkte. Analysten hatten einen Rückgang erwartet. Gleichzeitig drückt Wirtschaftsministerin Reiche auf ein Ende von Frühverrentungsprogrammen und trifft auf SPD-Widerstand.

22. Mai 2026, 12:43 Uhr 838 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Die deutschen Unternehmenschefs sind im Mai 2026 zuversichtlicher als erwartet. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg von 84,5 Punkten im April auf 84,9 Punkte. Analysten hatten im Schnitt einen Rückgang auf 84,1 Punkte prognostiziert, weil die Straße von Hormus weiterhin blockiert ist und die Energiepreise hoch bleiben. Dass der Index trotzdem stieg, ist das Signal, nach dem die Berliner Koalition seit Wochen sucht. Die Substanz dahinter ist jedoch fragil.

Was hinter den Zahlen steckt

Der ifo-Index misst monatlich die Lagebeurteilung und die Erwartungen von rund 9.000 deutschen Unternehmen. Im Mai stiegen beide Unterindizes: Die Lagebeurteilung verbesserte sich von 85,4 auf 86,1 Punkte, die Erwartungen von 83,5 auf 83,8 Punkte. Treiber war vor allem der Dienstleistungssektor, der sich nach eigenen Angaben des ifo-Instituts «deutlich verbesserte». Das Verarbeitende Gewerbe legte leicht zu, das Bauhauptgewerbe gab leicht nach.

ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte: «Die deutsche Wirtschaft stabilisiert sich vorerst, die Lage bleibt aber fragil.» Das «vorerst» ist dabei das entscheidende Wort. Im April 2026 war der Index noch auf 84,5 Punkte gefallen, dem niedrigsten Stand seit dem Coronaschock 2020, wie der Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger damals öffentlich hervorhob.

Der Mai-Anstieg ändert das Gesamtbild nur moderat. Zum Vergleich: In den Jahren 2018 und 2019 lag der ifo-Index regelmäßig zwischen 100 und 105 Punkten. Die aktuelle Marke von 84,9 liegt damit noch weit unter dem Vorkrisenniveau und auch unter dem langjährigen Durchschnitt.

Der Schatten der Hormus-Krise

Dass der Index überhaupt stieg, ist vor dem geopolitischen Hintergrund bemerkenswert. Die Straße von Hormus ist seit dem Ausbruch des Iran-Konflikts Ende März 2026 für westliche Tanker faktisch nicht mehr passierbar. Rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels und ein erheblicher Teil des deutschen Flüssiggasimports liefen zuvor durch diese Meerenge. Die EU-Kommission hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland infolgedessen auf 0,6 Prozent halbiert.

Energieintensive Industriebranchen wie Chemie, Stahl und Aluminium kämpfen mit Preisen, die sich seit Jahresbeginn deutlich erhöhten. Die Bundesregierung hatte im April eine Gaspreisbremse für Industriekunden diskutiert, ohne Ergebnis. Dass die Stimmung dennoch nicht weiter einbricht, deutet darauf hin, dass der Dienstleistungssektor und der Binnenkonsum die Nachfrageschwäche in der Industrie teilweise auffangen.

Reiches Vorstoß und der Koalitionsstreit

Zeitgleich mit dem ifo-Anstieg meldete sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit einer arbeitsmarktpolitischen Forderung zu Wort, die innerhalb der Koalition sofort Widerstand auslöste. Reiche will Frühverrentungsprogramme stoppen, insbesondere das Altersteilzeit-Blockmodell, bei dem Beschäftigte ab 61 Jahren formal noch im Job bleiben, faktisch aber freigestellt werden. Ihr Argument: «Es kann nicht sein, dass Unternehmen auf der einen Seite über fehlenden Nachwuchs klagen und auf der anderen Seite gut qualifizierte Mitarbeiter ab 61 in Altersteilzeit schicken.»

Reiche bezeichnete die Aktivrente, die seit Anfang 2026 Arbeit nach der Regelaltersgrenze mit bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei stellt, als «ersten Schritt in die richtige Richtung». Ein Ende der Frühverrentungsprogramme wäre der zweite Schritt, den sie nun anstrebt.

Die SPD lehnt das ab. Ein SPD-Bundestagsmitglied bezeichnete Einschränkungen von Altersteilzeit und eine Anhebung des Renteneintrittsalters als «radikale marktliberale Sozialeinschnitte, die mit der SPD nicht zu machen sind». Der Koalitionsvertrag hält explizit fest, die Regierung wolle statt «einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters mehr Flexibilität beim Übergang vom Beruf in die Rente». Dieser Satz war auf Betreiben der SPD hineingekommen.

Was DGB und Gewerkschaften fordern

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) stellt sich hinter die SPD-Position. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi hatte im Frühjahr 2026 darauf hingewiesen, dass viele Beschäftigte die Regelaltersgrenze von 67 Jahren gar nicht erreichen: Körperlich belastende Berufe in Bau, Pflege und Produktion führten zu frühzeitigem Gesundheitsverschleiß. Ein pauschales Ende der Altersteilzeit würde vor allem diese Gruppe treffen.

Juso-Vorsitzender Philipp Türmer forderte eine Lösung, die sich «an der tatsächlichen Lebensarbeitszeit und der körperlichen Belastung» orientiere, statt alle Beschäftigten über denselben Kamm zu scheren. Arbeitgeber hingegen begrüßten Reiches Vorstoß ausdrücklich. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht im demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel die zentralen wirtschaftlichen Risiken der kommenden Jahre.

Was die Koalition bis zum Herbst liefern muss

Das Rentenflexibilisierungsgesetz, das die Übergänge zwischen Erwerbsleben und Rente neu ordnen soll, ist im Koalitionsvertrag angekündigt, aber noch nicht in Ausschüssen beraten worden. Wirtschaftsministerin Reiche hat signalisiert, das Gesetz noch vor der parlamentarischen Sommerpause einzubringen. Die SPD wird auf die Koalitionsvertragslinie bestehen: Flexibilität ohne Zwang und ohne Kürzungen.

Ob die Konjunkturdaten den politischen Spielraum für Arbeitsmarktreformen öffnen oder schließen, ist noch nicht entschieden. Der überraschende ifo-Anstieg entlastet die Koalition kurzfristig vom Krisennarrativ, löst aber die strukturellen Streitpunkte nicht auf. Der nächste Datenpunkt kommt am 28. Mai, wenn das Statistische Bundesamt das erste BIP-Quartalsergebnis für das erste Quartal 2026 veröffentlicht. Wenn das Wachstum auch dort positiv ausfällt, gewinnt Reiche in der Koalitionsinternen Debatte Rückenwind. Wenn es enttäuscht, wird es für die SPD einfacher, strukturelle Reformen weiter aufzuschieben.

Update 30. Mai, 05:08 Uhr: Das Konsumklima trübt sich trotz des überraschenden Ifo-Anstiegs weiter ein. Das HDE-Konsumbarometer fiel im Mai auf den niedrigsten Wert seit Februar 2023. Steigende Preise und die anhaltende Unsicherheit durch den Iran-Konflikt halten die Verbraucher zurück. Die Inflationsrate sank im Mai leicht auf 2,6 Prozent (April: 2,9 Prozent), doch Energie verteuerte sich weiterhin um 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das IW Köln hat seine Wachstumsprognose für Deutschland inzwischen auf 0,4 Prozent gesenkt, nachdem im Dezember noch 0,9 Prozent prognostiziert worden waren.

Quellen (8)

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