Inflationsrate klettert auf 2,9 Prozent
Seit Januar 2024 hatte Deutschland keine Inflationsrate von 2,9 Prozent mehr gesehen. Jetzt ist das April-Niveau aus dem Vorkrisenjahr wieder erreicht, diesmal ohne Pandemienachklang oder Energiepreisschock aus dem Ukraine-Krieg. Treiber ist allein der Irankonflikt, der seit dem 28. Februar die Straße von Hormus blockiert und den Ölpreis auf über 100 Dollar pro Barrel gedrückt hat.
Was die April-Zahlen zeigen
Das Statistische Bundesamt weist für April 2026 eine Gesamtinflationsrate von 2,9 Prozent aus, gemessen gegenüber dem Vorjahresmonat April 2025. Im März 2026 lag die Rate noch bei 2,7 Prozent, im Februar, vor Kriegsbeginn, bei 1,9 Prozent. Innerhalb von zwei Monaten hat sich der Inflationsdruck also um einen ganzen Prozentpunkt aufgebaut.
Der Energiepreisindex ist der Haupttreiber: plus 10,1 Prozent gegenüber April 2025. Das ist die höchste Jahresveränderungsrate für Energie seit der Energiekrise 2022. Im März betrug der Anstieg noch 7,2 Prozent, die Beschleunigung zeigt, dass der Preisdruck zunimmt statt abzunehmen. Die Kerninflation, also ohne Energie und Nahrungsmittel, liegt mit 2,3 Prozent ebenfalls über dem EZB-Zielwert von 2,0 Prozent, hat sich im Vergleich zum März aber kaum verändert. Das Inflationsproblem kommt fast ausschließlich von der Energie.
Warum Energie immer teurer wird
Die Ursachenkette ist direkt: Hormus blockiert, Ölangebot verknappt, Preise steigen. Vor Kriegsbeginn passierten täglich über 100 Tankerschiffe die engste Stelle des Persischen Golfs, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen. Seit dem 28. Februar kontrolliert der IRGC den Durchgang: Einzelne Schiffe dürfen passieren, wenn sie eine Transitgebühr von über einer Million Dollar pro Schiff entrichten. Nordseeöl notiert infolgedessen bei rund 106 Dollar pro Barrel, etwa 45 Prozent über dem Vorkriegsniveau.
Für Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass die russischen Gaslieferungen seit 2022 weitgehend ausgeblieben sind. Das Land ist auf Flüssigerdgas aus dem Persischen Golf angewiesen, das nun entweder teurer über andere Routen kommt oder gar nicht. Die deutschen Gasreserven stehen bei 26 Prozent und bis zum Beginn der Heizperiode im Oktober sind es fünf Monate. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat zwar verstärkte Lieferungen aus Norwegen und den USA verhandelt, die Volumina reichen aber nicht aus, um den Hormus-Ausfall vollständig zu kompensieren.
Was das für Haushalte und Unternehmen bedeutet
Ein Vier-Personen-Haushalt mit durchschnittlichem Energieverbrauch zahlt nach Berechnungen des Verbraucherzentrale Bundesverbands etwa 120 Euro mehr pro Monat als ein Jahr zuvor. Heizölkäufer sind am stärksten betroffen: Der Preis für 100 Liter liegt rund 40 Prozent über dem Vorjahresniveau. An Tankstellen kostet Super E10 durchschnittlich 2,19 Euro, Diesel 2,31 Euro.
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat im Mai seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,4 Prozent gesenkt, nach 0,5 Prozent in der Frühjahrsprojektion der Bundesregierung vom April. Der ifo-Geschäftsklimaindex fiel zuletzt auf den tiefsten Stand seit dem Corona-Jahr 2020. Laut einer DIHK-Umfrage unter 2.400 deutschen Unternehmen melden 87 Prozent der Industriebetriebe direkte Auswirkungen auf Produktion und Lieferketten.
Gewerkschaft ver.di und der DGB fordern angesichts der steigenden Energiekosten staatliche Entlastungsmaßnahmen für Haushalte mit niedrigen Einkommen. „Wer ohnehin wenig hat, gibt einen überproportional hohen Anteil seines Einkommens für Energie aus. Das ist die soziale Dimension dieser Inflationswelle“, sagte DGB-Chefin Yasmin Fahimi. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat errechnet, dass die Energiekostenbelastung im untersten Einkommensquintil inzwischen bei über zwölf Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens liegt.
EZB in der Zinsfalle
Die Europäische Zentralbank sitzt in einem klassischen Dilemma. Der Einlagensatz liegt bei 2,0 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,15 Prozent. Eine weitere Zinssenkung würde die Konjunktur stützen, aber die Inflation weiter befeuern. Eine Zinserhöhung würde die Inflation bremsen, aber die ohnehin schwache Wirtschaft zusätzlich belasten. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat wiederholt betont, die Zentralbank werde „datengetrieben“ entscheiden, was angesichts der Unsicherheit bedeutet: abwarten.
Die Bundesbank warnt in ihrem aktuellen Monatsbericht vor anhaltenden Inflationsrisiken durch die Energiepreise und die geopolitische Instabilität. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung sieht die Stagflationsgefahr, also das Zusammentreffen von hoher Inflation und niedrigem Wachstum, als das wahrscheinlichste Szenario für das zweite Halbjahr 2026, wenn Hormus blockiert bleibt.
Fünf Monate bis zur Heizperiode
Die nächste EZB-Ratssitzung findet am 5. Juni statt. Bis dahin wird die Inflationsentwicklung für Mai vorliegen, ebenso neue Daten zu den Gasreserven. Entscheidend ist, ob die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran bis Mitte Juni ein Signal für eine schrittweise Öffnung von Hormus liefern. Ohne dieses Signal werden die Energiepreise in den Sommermonaten weiter steigen, wenn die Industrie die Reserven für den Winter aufzubauen versucht.
Die April-Zahl von 2,9 Prozent ist kein Ausreißer, sie ist ein Zwischenstand. Bei anhaltender Blockade und sinkenden Reserven erwarten Analysten des IMK, dass die Inflationsrate im dritten Quartal die Drei-Prozent-Marke überschreiten könnte. Für einen durchschnittlichen deutschen Haushalt würde das bedeuten: Der Reallohnzuwachs der letzten Jahre ist bis zum Herbst aufgebraucht.
Aktualisierungen
Update 30. Mai, 21:14 Uhr: Die Inflationsrate in Deutschland ist im Mai 2026 auf 2,6 Prozent gefallen und damit stärker als von Analysten prognostiziert: Erwartet worden waren 2,8 Prozent. Haupttreiber dieser Verbesserung sind die Energiepreise, die im Mai um 6,6 Prozent stiegen, verglichen mit 10,1 Prozent im April. Damit schlägt sich die leichte Entspannung an den Rohölmärkten langsam in den Verbraucherdaten nieder. Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel stieg dagegen leicht auf 2,5 Prozent, von 2,3 Prozent im April, was zeigt, dass der Preisdruck jenseits der Energiekomponente noch nicht nachlässt. Für die EZB-Ratssitzung am 5. Juni liefert der Mai-Wert Spielraum für eine abwartende Haltung: Die Gesamtinflation liegt unter dem jüngsten Niveau, aber die steigende Kerninflation macht klare Zinssignale weiterhin schwierig.
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