IRGC stoppt US-Tanker: Krieg trotz Waffenruhe
In der Nacht auf Samstag haben iranische Revolutionsgarden einen amerikanischen Öltanker in der Straße von Hormus mit Warnschüssen gestoppt und vier weitere Schiffe zur Umkehr gedrängt. US-Streitkräfte schossen gleichzeitig vier iranische Drohnen ab und zerstörten eine Drohnenkontrollstation am Stadtrand von Bandar Abbas, die einen weiteren Drohnenstart vorbereitete. Iran traf als Vergeltung einen US-Militärstützpunkt. Offiziell gilt der Waffenstillstand vom 8. April noch immer.
91 Tage Krieg, ein Papierwaffenstillstand
Der Irankrieg begann am 28. Februar 2026, als amerikanisch-israelische Luftschläge iranische Militäreinrichtungen, Radaranlagen und Führungspersonen trafen. Pakistan vermittelte am 8. April eine formale Waffenruhe. Seither behaupten beide Seiten, diesen Waffenstillstand einzuhalten und beschießen sich gleichzeitig. Außenminister Marco Rubio erklärte zuletzt in Neu-Delhi, ein Deal sei in "ein paar Tagen" erreichbar; es gehe noch um "Meinungsverschiedenheiten bei einem Wort, einem Satz".
Der vorliegende Textentwurf des 60-Tage-Memorandums sieht eine klare Schrittfolge vor: Iran öffnet die Straße von Hormus unmittelbar nach Unterzeichnung, die USA geben 12 Milliarden Dollar eingefrorener iranischer Auslandsvermögen frei, beide Seiten starten Atomgespräche. Doch Donald Trump hat das Dokument nach seinem Situation-Room-Treffen am 29. Mai noch immer nicht unterzeichnet. Er besteht laut Axios-Recherchen auf Bedingungen, die nach iranischen Angaben im bestehenden Entwurf nicht enthalten sind: die sofortige Öffnung von Hormus ohne Durchfahrtgebühren und ein schriftliches Atomwaffenverzichtsbekenntnis.
Drohnen, Warnschüsse, Vergeltung: 48 Stunden Eskalation
Die Ereignisse seit Donnerstag zeigen, wie brüchig die Waffenruhe in der Praxis ist. Iranische Streitkräfte feuerten in den vergangenen 48 Stunden Raketen, Drohnen und Schnellboote auf US-Schiffe in der Meerenge, berichteten NBC News und CNBC unter Berufung auf zwei US-Regierungsvertreter. Als Reaktion schoss die US-Marine vier iranische Drohnen ab und zerstörte mit Präzisionsmunition eine Bodenkontrollstation am Stadtrand von Bandar Abbas, die eine fünfte Drohne starten wollte. Gegen halb zwei Uhr morgens Ortszeit am Donnerstag waren nach Berichten deutschsprachiger Medien drei Explosionen nahe der Hafenstadt zu hören.
Iran antwortete mit einem Vergeltungsangriff auf den US-Militärstützpunkt, der für die Schläge verantwortlich gewesen sein soll, berichtete Euronews unter Berufung auf staatliche iranische Medien. Parallel dazu stoppte die IRGC-Marine einen amerikanischen Öltanker mit Warnschüssen und zwang vier Schiffe insgesamt zur Umkehr, die Meerenge ohne Abstimmung mit iranischen Behörden passieren wollten, berichtete die staatsnahe Tasnim-Nachrichtenagentur.
Die Reaktionen aus Washington und Teheran belegen, dass beide Seiten die Konfrontation als Verletzung der Waffenruhe durch die jeweils andere Seite betrachten, aber formal an ihr festhalten. Vizepräsident JD Vance kommentierte, Waffenruhen seien "immer ein bisschen unordentlich" und manchmal komme es zu "kleinen Aufflackern". Das Weiße Haus nannte die US-Schläge "sehr begrenzt" und "sehr präzise" ausgeführte Selbstverteidigung. Außenamtssprecher Esmaeil Baghaei bezeichnete die US-Angriffe auf Bandar Abbas hingegen als Aggression, auf die eine Antwort folgen musste. Der frühere IRGC-Kommandeur Mohsen Rezaei, heute Berater des Obersten Führers, erklärte am Samstagmorgen, Trump "verrate die Diplomatie".
Trumps Friedensrat ohne Mittel
Parallel zu den Verhandlungen ist eine zweite Baustelle des Friedensprojekts sichtbar geworden: Trumps "Board of Peace", das internationale Wiederaufbaugremium, das er im März ankündigte. Mitgliedsstaaten sagten nach Berichten der Financial Times insgesamt 7 Milliarden Dollar zu, Trump stellte aus dem US-Haushalt weitere 10 Milliarden in Aussicht. Macht zusammen 17 Milliarden Dollar an Zusagen. Das offizielle Treuhandkonto bei der Weltbank hat nach FT-Recherchen keinen einzigen Dollar erhalten. „Zero dollars have been deposited", zitierte der Middle East Monitor aus dem FT-Bericht.
Statt über das bei der Weltbank geführte Konto laufen Gelder laut Berichten über ein JPMorgan-Konto des Boards, das keinerlei Transparenzpflichten unterliegt und keine Berichterstattung an Geldgeber oder Boardmitglieder schuldet. Der Irankrieg hat nach FT-Angaben das Vertrauen vieler Länder in Trumps Friedensarchitektur weiter untergraben, da von realem Fortschritt wenig zu sehen ist.
Ölpreis bei 91 Dollar: Was die Märkte eingepreist haben
An den Energiemärkten zeigt sich, wie groß die Hoffnung auf eine baldige Einigung ist und wie hoch das Risiko einer Enttäuschung. Brent-Rohöl fiel am 29. Mai auf 91,37 US-Dollar pro Barrel, den niedrigsten Stand seit Beginn des Hormus-Konflikts im März 2026. Im Lauf des Mai verlor Brent 17 Prozent, der stärkste monatliche Rückgang seit 2020, berichtete Fortune. Die Märkte preisen einen Deal ein.
Gleichzeitig warten rund 230 Tanker im Persischen Golf auf Durchfahrt durch die Meerenge, berichtete Axios. Im Normalbetrieb passieren täglich rund 21 Millionen Barrel Öl durch Hormus, ein Fünftel des weltweiten Seeölhandels. Seit Kriegsbeginn läuft nach Wikipedia-Daten nur etwa vier Prozent des üblichen Verkehrs durch die Enge, rund zwei Tanker täglich statt der normalen Durchschnittsrate von über 60.
Rubios Aussage, der Deal sei in "ein paar Tagen" erreichbar, ist schwer mit der militärischen Realität der vergangenen 48 Stunden zu vereinbaren. Solange Trump das Memorandum zurückhält und die IRGC parallel US-Tanker mit Warnschüssen stoppt, hat die Waffenruhe selbst als Papierkonstrukt begrenzte Haltbarkeit. Scheitert ein Deal, dürften die Ölpreise schnell wieder die Marke von 100 Dollar übersteigen.
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