Tankerattacken: USA schlagen Iran und sperren Öl
Zwanzig Tage nach Unterzeichnung des Islamabad-Memorandums beschoss die Islamische Revolutionsgarde in der Nacht auf Dienstag drei Handelsschiffe in der Straße von Hormus. Das US-Zentralkommando reagierte mit Schlägen auf militärische Infrastruktur auf der Insel Qeschm und die Hafenstadt Sirik. Gleichzeitig widerrief das US-Finanzministerium die erst im Juni freigegebene Genehmigung für iranische Ölexporte; der Brent-Rohölpreis sprang um 5,5 Prozent auf rund 76 Dollar je Barrel. Was als Zwischenfall hätte enden können, ist inzwischen zu einem Streit über die Grundlagen des Memorandums geworden: Beide Seiten werfen einander Vertragsbruch vor.
Was am Dienstag in Hormus geschah
Das britische Maritime Handelsoperationszentrum (UKMTO) registrierte drei separate Angriffe nahe der Meerenge. Der katarische Flüssigerdgas-Tanker Al Rekayyat wurde acht Seemeilen östlich von Limah an der omanischen Küste von einem Projektil getroffen; ein Feuer brach im Maschinenraum aus, alle Besatzungsmitglieder blieben unverletzt. Den saudischen Rohöl-Supertanker Wedyan traf ein weiteres Geschoss ebenfalls vor der omanischen Küste. Ein drittes Schiff wurde durch eine Drohne sechs Seemeilen vor der Halbinsel Musandam beschädigt. Katar und Saudi-Arabien machten Iran direkt verantwortlich; US-Regierungsvertreter sagten Axios und dem Wall Street Journal, die IRGC-Marine habe Raketen auf zwei der Schiffe abgefeuert.
CENTCOM beschrieb die Angriffe als "eindeutige Verletzung der Waffenruhe" und kündigte eine "Serie kraftvoller Schläge" an, um "schwere Kosten aufzuerlegen für die Beschießung ziviler Handelsschifffahrt in internationalen Gewässern". Iranische Staatsmedien berichteten von Explosionen auf der Insel Qeschm, die unmittelbar an der Meerenge liegt, sowie in der Hafenstadt Sirik auf dem Festland. Zu konkreten Zielen äußerte sich das US-Zentralkommando zunächst nicht; laut CBS News gehörte militärische Infrastruktur auf Qeschm zu den getroffenen Objekten.
Ölsanktionen in zehn Tagen
Parallel zu den Militärschlägen widerrief das Office of Foreign Assets Control des Finanzministeriums die im Juni erteilte Lizenz, die iranischen Rohölexport nach dem Islamabad-Memorandum freigegeben hatte. Unternehmen haben bis zum 17. Juli Zeit, laufende Transaktionen abzuwickeln. Ein US-Regierungsvertreter formulierte die Begründung knapp: "Das MoU mit Iran ist ausschließlich leistungsbasiert. Iran kann Vorteile nur ernten, wenn es sich entsprechend verhält."
Die Entscheidung trifft Iran wirtschaftlich in einem kritischen Moment. Seit das Memorandum am 17. Juni den Weg für iranische Ölexporte geöffnet hatte, waren internationale Käufer erstmals seit Monaten bereit, Verträge über iranisches Öl abzuschließen und Ladevorgänge zu planen. Diese Transaktionen stehen jetzt in der Schwebe. An den Märkten reagierte Brent-Rohöl mit einem Anstieg um 5,5 Prozent auf rund 76 Dollar je Barrel, WTI kletterte um fünf Prozent auf circa 72 Dollar. Zur Einordnung: Vor Unterzeichnung des Islamabad-Memorandums hatte Brent noch bei über 100 Dollar notiert, der starke Rückgang seither spiegelte die Hoffnung auf eine rasche Einigung wider. Diese Hoffnung bekommt heute einen deutlichen Riss.
Iran und USA: Wer verstößt gegen was
Die iranische Seite erhob sofort Gegenvorwürfe. Außenminister Abbas Araghchi erklärte, Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen würden "nicht beginnen, solange Drohungen gegen Iran andauern". Er forderte Washington auf, "seine Unterschrift zu ehren" und verwies auf Trumps Ankündigung, die USA würden "den Job beenden", falls kein Friedensabkommen zustande komme. Vizeaußenminister Kazem Gharibabadi nannte die US-Schläge eine "schwerwiegende Verletzung" und den Widerruf der Ölexportgenehmigung eine "flagrante Verletzung" des Memorandums.
Dabei führt jede Seite andere Vertragsklauseln ins Feld. Das Islamabad-Memorandum hatte Iran verpflichtet, Angriffe auf die Schifffahrt in Hormus während der 60-tägigen Verhandlungsperiode einzustellen. Washington sieht die IRGC-Raketenangriffe auf Al Rekayyat und Wedyan als direkten Bruch dieser Klausel. Teheran besteht darauf, die USA verstießen durch Bombendrohungen und die erneute Sanktionsverhängung fortlaufend gegen den Geist des Memorandums. Eine unabhängige Schlichtungsinstanz existiert nicht.
Besonders pikant ist das Ziel der Revolutionsgarde: Katar beherbergt seit Wochen die indirekten Verhandlungen zwischen Washington und Teheran in Doha, zuletzt ohne nennenswerte Fortschritte. Dass ausgerechnet der katarische LNG-Tanker Al Rekayyat beschossen wurde, beschädigt Katars Rolle als neutralem Vermittler. Die Angriffe ereigneten sich zudem am vierten Tag der Trauerzeremonien für Obersten Führer Ali Chamenei, der seit dem Februar-Krieg tot ist; allein in Teheran zogen am Montag nach Behördenangaben zwölf bis fünfzehn Millionen Menschen am Leichenzug vorbei. Ob die Revolutionsgarde eigenständig handelte oder eine Fraktion innerhalb der iranischen Führung die laufenden Gespräche bewusst torpediert, bleibt unklar.
Vierzig Tage bis zum 16. August
Das Islamabad-Memorandum gilt formal weiterhin, steht aber vor einem Scheideweg. Die 60-Tage-Frist endet am 16. August. In diesen verbleibenden vierzig Tagen müssen USA und Iran fünf ungelöste Streitpunkte klären: das IAEA-Inspektionsregime für iranische Atomanlagen, den Umfang des geforderten Anreicherungsstopps, das Schicksal des hochangereicherten Uranvorrats, die Frage von Durchfahrtsgebühren in Hormus nach Fristende und den Zeitplan der Sanktionslockerung. Der heutige Tag macht alle fünf Punkte schwerer zu lösen.
Trump befand sich beim NATO-Gipfel, als die Schläge angeordnet wurden; Verbündete, die seit der Pariser Konferenz im April über eine multinationale Schifffahrtsmission beraten, äußerten sich nicht. Ein US-Regierungsvertreter erklärte gegenüber CBS News, Verhandlungen liefen weiter "in gutem Glauben in Richtung eines endgültigen Abkommens". Araghchi stellte genau das in Abrede. Rund 230 Tanker warten nach Angaben von Axios noch immer im Persischen Golf auf Durchfahrtsgenehmigungen. Die eigentliche Frage dieser letzten vierzig Tage ist nicht mehr nur technisch: ob beide Seiten überhaupt noch an den Verhandlungstisch zurückkehren wollen.
Aktualisierungen
Update 8. Juli, 07:05 Uhr: Das US-Zentralkommando hat in einer formellen Pressemitteilung die genaue Dimension der Schläge bekanntgegeben. Über 80 iranische Ziele wurden mit Präzisionsmunition getroffen: Luftabwehrsysteme, Befehlszentralen, Radarstationen an der Küste und Anti-Schiff-Raketenkapazitäten sowie mehr als 60 Schnellboote der Revolutionsgarde in und um die Straße von Hormus. CENTCOM bezeichnete die Schläge als achtmal größer als die Reaktion auf Schiffsangriffe vom 27. Juni und machte damit deutlich, dass es sich nicht um den ersten Vorfall handelt, sondern um eine Eskalationsserie. Iran drohte mit einer "vernichtenden Antwort".
Update 13. Juli, 07:01 Uhr: Am 12. Juli setzte CENTCOM nach eigenen Angaben erstmals sogenannte „one-way attack sea drones“ gegen iranische Ziele ein; in drei Angriffsnächten haben US-Streitkräfte insgesamt mehr als 300 iranische Militärziele bombardiert. An den Rohölmärkten stieg Brent auf 79,40 Dollar je Barrel, ein Plus von 4,5 Prozent. Handelsdaten zeigen, dass in den vergangenen 24 Stunden nur noch sieben Handelsschiffe die Hormusstraße passierten, rund sechs Prozent des üblichen Volumens von Januar und Februar. UN-Generalsekretär António Guterres forderte beide Seiten auf, „dringend die Verhandlungen wiederaufzunehmen“; sein Büro warnte vor „katastrophalen Konsequenzen für die Region und die Weltwirtschaft“. Iran meldete 14 Tote und 78 Verletzte durch die jüngsten US-Schläge und griff als Reaktion US-Stützpunkte in Kuwait, Bahrain und Jordanien an.
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