Vance am Bürgenstock: Iran-Gespräche doch gestartet
Die Gespräche, die am Donnerstag noch abgesagt wurden, fanden am Sonntagmorgen statt. US-Vizepräsident JD Vance und Irans Außenminister Abbas Araghchi trafen auf dem Bürgenstock oberhalb des Vierwaldstättersees ein. Zum ersten Mal seit der Unterzeichnung des Islamabad-Memorandums am 17. Juni sitzen Vertreter beider Länder auf diesem Niveau direkt am selben Tisch. Dass es dazu kam, hat einen Preis, den Washington vier Tage lang nicht bereit war zu zahlen.
Der Preis für Sonntag
Als die technischen Gespräche am vergangenen Donnerstag kurzfristig abgesagt wurden, nannte die US-Seite offiziell logistische Gründe. Tatsächlich hatte Iran eine Bedingung gestellt, die Washington zunächst ablehnte: Teheran wollte den Südlibanon und den Rückzug israelischer Streitkräfte als eigenständigen Tagesordnungspunkt. Das Memorandum of Understanding vom 17. Juni enthält dazu nur eine weiche Formulierung über die territoriale Integrität des Libanon, keinen Abzugsauftrag an Israel.
Was die Situation am Wochenende entsperrte, war eine zweite Israel-Hisbollah-Waffenruhe, ausgehandelt durch amerikanische und katarische Vermittlung mit iranischer Beteiligung. Sie war am Freitagnachmittag in Kraft getreten. Wenige Stunden später brach sie. Israelische Luftangriffe auf Hisbollah-Stellungen im Südlibanon töteten am Samstag nach libanesischen Angaben mindestens 16 Menschen. Hisbollah-Drohnen hatten zuvor fünf israelische Soldaten verletzt. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig des ersten Regelbruchs.
Trotzdem reiste Vance an. Die entscheidende Konzession kam aus Washington: Laut einem mit den Verhandlungen vertrauten Diplomaten, der CBS News informierte, wird der Israel-Hisbollah-Konflikt als Notfall-Traktandum in die erste Sitzung des Sonntags aufgenommen. Iran darf das Thema an den Verhandlungstisch bringen, das die USA ursprünglich aus den Bürgenstock-Gesprächen heraushalten wollten. Das ist eine erkennbare Verschiebung der amerikanischen Verhandlungsposition.
Hormuz: Drohung ohne Durchsetzung
Am Samstagmorgen hatten iranische Staatsmedien bestätigt, dass die Islamische Revolutionsgarde IRGC die Straße von Hormus erneut für gesperrt erklärt habe. Die IRGC-Marine warnte, die Sicherheit von Schiffen könne im Seegebiet nicht gewährleistet werden. Als Begründung nannten iranische Behörden die fortgesetzten israelischen Angriffe im Libanon und die nicht vollständig aufgehobene US-Marineblockade vor iranischen Häfen.
Das US-Zentralkommando CENTCOM widersprach der iranischen Darstellung direkt: 55 Handelsschiffe seien am Samstag ungehindert durch die Straße von Hormus passiert. Iran kontrolliere die Meerenge nicht. US-Präsident Donald Trump präzisierte auf Truth Social, dass während der 60-tägigen Waffenruhe keine Durchfahrtsgebühr in Hormus erhoben werde: „There will be NO TOLLS in the Hormuz Strait for 60 days during the Cease Fire Period."
Irans Sperrungserklärung und CENTCOMs Lagebericht können nicht gleichzeitig vollständig stimmen. Was feststeht: Der Brent-Rohölpreis schloss am Freitag bei 80,57 Dollar pro Barrel, deutlich unter dem Hoch von über 100 Dollar während der Hochphase des Konflikts im Frühjahr. Analysten erwarten den Preis vorerst zwischen 75 und 82 Dollar. Versicherungsprämien für Hormus-Fahrten bleiben erhöht. Reedereien halten Alternativrouten bereit, auch wenn CENTCOM die Durchfahrt für sicher erklärt.
Wer am Tisch sitzt
Die US-Delegation wird von Vance gemeinsam mit Sondergesandtem Steve Witkoff geführt. Witkoff und Jared Kushner hatten sich bereits am Samstag in der Schweiz aufgehalten, um technische Details vorzubereiten. Vance folgte am Sonntag.
Iran ist vertreten durch Außenminister Abbas Araghchi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. Ghalibaf hatte das Memorandum of Understanding am 17. Juni digital mitunterzeichnet. Er gilt als Vertreter der Hardliner im iranischen Establishment und war 2024 als Präsidentschaftskandidat angetreten. Seine Anwesenheit in Bürgenstock signalisiert, dass Teheran den Gesprächen innenpolitisches Gewicht beimisst. Pakistan und Katar nehmen als Vermittler teil.
Das Memorandum selbst ist innenpolitisch in beiden Ländern unter Druck. Im US-Senat hatten Republikaner wie Bill Cassidy und John Cornyn das Abkommen scharf kritisiert: Der geplante Wiederaufbaufonds von 300 Milliarden Dollar für Iran enthält keinen Mechanismus, der die Verwendung kontrolliert. Iran hat das MoU innenpolitisch noch nicht formell ratifiziert. Präsident Pezeshkians Bereitschaft, auch Irans Raketenprogramm und regionale Milizen zur Sprache zu bringen, gilt im Parlament als umstritten.
Was bis 17. August entschieden sein muss
Die 60-Tage-Frist des Memorandums läuft seit dem 17. Juni und endet am 17. August. Was in diesen 60 Tagen verhandelt werden soll, ist der Kernbestand des Iran-Konflikts. Die vier zentralen Fragen, die bisher ungelöst sind: Erstens das Atomprogramm. Iran hat seit Kriegsbeginn hochangereichertes Uran ohne IAEA-Überwachung produziert. Wohin die Bestände gehen, unter welchem Verifikationsregime und in welchem Zeitrahmen, ist ungeklärt. Zweitens das Raketenprogramm. Iran hat zugestimmt, darüber zu sprechen, ohne inhaltliche Bereitschaft zu Begrenzungen zu signalisieren. Drittens die regionalen Milizen: Hisbollah, Huthis, irakische Fraktionen. Ihre Einbindung in ein Abkommen ist das komplexeste Kapitel. Viertens der Wiederaufbaufonds: Woher kommt das Geld, wer kontrolliert es, unter welchen Bedingungen? Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, als Hauptgeldgeber im Gespräch, haben sich öffentlich nicht zur Beteiligung bekannt.
Die Bürgenstock-Gespräche treffen auf einen engen Zeitplan. Vier Tage nach der Unterzeichnung sind die eigentlichen Verhandlungen noch nicht in Gang gekommen, weil der Libanon-Konflikt das Fundament des Abkommens belastet. Das Notfall-Traktandum zum Libanon am Sonntag ist der Versuch, diese Blockade zu lösen, ohne dass Israel, das nicht Unterzeichner des Memorandums ist, formell gebunden werden kann. Ob Vance und Araghchi heute einen Mechanismus finden, der Iran den Rückzug von der Hormus-Drohung ermöglicht, ohne das israelische Vorgehen im Libanon zu legitimieren, ist die entscheidende Frage des Tages.
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